Gönners Schwörrede manipuliert?

Auch wenn es mancher vielleicht nicht vermutet: Ich bin ein Mensch, der viel von Tradition hält. In meinem Wohnzimmer hängen – an exponierter Stelle und gerahmt – die beiden Ulmer Schwörbriefe von 1345 und 1397. Eine meine großen Leidenschaften ist die alljährliche Schwörrede des Oberbürgermeisters, die ich mir nie entgehen lasse. An die 50 Reden habe ich archiviert, jedes Familienfest nehme ich zum Anlass, um aus diesen rhetorischen Perlen zu zitieren. Auch dieses Jahr durfte ich die Rede nicht versäumen, zumal mit der weltweiten Übertragung im Internet durch das team-ulm.de (nicht etwa durch die örtliche Presse) sozusagen ein ganz neues Zeitalter begann.

Allerdings habe ich den begründeten Verdacht, dass es bei der weltweiten Übertragung zu schwerwiegenden Manipulationen am Redetext gekommen ist. Hellhörig machten mich vor allem die Passagen, in denen sich der Oberbürgermeister mit der deutschen Aussen- und Sicherheitspolitik beschäftigt. Da heißt es nämlich wörtlich:

„Diesem Europa erwächst zunehmend eine weltweite Verpflichtung und Verantwortung. Europa kann nicht eine Gemeinschaft von Nabelschauern sein,die sich einigelt… Der Schutz von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit funktioniert nicht mit Scheckbuchdiplomatie und der Parole: Raushalten! Die internationale Gemeinschaft erwartet, dass sich Deutschland an internationalen Einsätzen beteiligt. Dazu gehören auch Einsätze der Bundeswehr im Rahmen der NATO und internationalen Missionen…“

Dass deutsche Soldaten zu Recht in Afghanistan, im Kosovo und sogar in Afrika im Kongo stehen, um dort Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu schützen, hätte unser OB nie gesagt – da bin ich mir ganz sicher. Schließlich ist Ivo Gönner Kriegsdienstverweigerer und war Zivildienstleistender beim ASB. Je länger ich nachdenke, desto sicherer werde ich: Bei der so authentisch wirkenden Rede muss es sich um eine Manipulation durch Hacker handeln. Und nun plagt mich eine große Sorge: Was, wenn ein ranghoher Offizier oder ein Bediensteter des Kreiswehrersatzamtes oder ein Staatsanwalt die Rede aufmerksam gehört hat? Wird es unserem Oberbürgermeister dann so ergehen wie manchen Verweigerern in der Vergangenheit, die z.B. öffentlich ihre Sympathie für lateinamerikanische Befreiungsbewegungen kundtaten? Wird ihm möglicherweise wegen seines (gefakten) Eintretens für die Anwendung von militärischer Gewalt seine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer aberkannt? Muss er wohl nachträglich Grundwehrdienst ableisten und steht seiner Stadt monatelang nicht mehr als Oberhaupt zur Verfügung?

Nein, das darf nicht geschehen. Ich bin überzeugt, dass Gönner – ganz in der Tradition Willy Brandts – jede Einmischung eines Staates in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ablehnt und dass er die Meinung von Herrn Struck (SPD),dass die deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigt werde, für absoluten Schwachsinn hält.

Unser Oberbürgermeister ist glaubwürdig. Wir werden geschlossen hinter ihm stehen, sollte jemand daran zweifeln, dass seine Verweigerung des Kriegsdienstes ihre Berechtigung verloren habe.

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