Die hohe Kunst der Heuchelei

Stellen Sie sich vor, die Südwest-Presse lüde Sie zu sich ein und Sie erhielten die einmalige Gelegenheit, zwei führenden Männern Ihre Meinung über diese Zeitung zu sagen. Manch einer der Naiven, Moralischen und Intelligenten geriete beim Aufzählen all dessen, was ihn an der Berichterstattung die vergangenen Jahre geärgert hatte, ganz außer Atem. Anders ein bekannter Söflinger Unternehmer, der dieser Tage vom Chefredakteur Wiedenhaus und dessen Stellvertreter Ahlers empfangen wurde.
Der pfiffige Unternehmer hatte soviel Lob zum Gespräch mitgebracht, dass es selbst den beiden abgebrühten Redakteuren peinlich wurde. Er lobte die Aktualität und die Berichterstattung über Hintergründe, attestierte dem Sportteil Professionalität und urteilte über den Lokalteil der Zeitung, dass es einer der besten sei, die er kenne. Schwachpunkte entdeckte er keine, stören tat ihn nichts. Am Ende des Gesprächs gab er dann noch einen ordinären Satz zum besten, ganz so wie ein 13jähriger Gassenbub, der weiss, er kann seiner Klientel nicht mit Geistreichem kommen, Respekt verschafft nur das grobe Wort.

Viele sagen, dieser Auftritt sei eine anstößige Schleimerei gewesen, und wundern sich, dass der Herr nicht auf seiner eigenen Schleimspur ausgerutscht ist.
Ich meine, das war ein Beispiel für die hohe Kunst der Heuchelei, deren Beherrschung sich immer auszahlt.

Erinnern Sie sich noch an jenen Mitschüler während Ihrer Schulzeit, der dem Geografielehrer immer die Weltkarte hinterherschleppte, die Englischlehrerin vor den provozierenden Fragen der Pubertierenden in Schutz nahm, am Wandertag wie eine Schmeißfliege am Mathelehrer klebte und ihn zusülzte? Dieser Schleimer wurde verachtet und geschnitten; aber während wir glaubten, ihn für sein Verhalten zu bestrafen, rieb er sich heimlich die Hände, denn am Ende ging seine Rechnung auf: wegen hervorragender Leistungen erhielt er am Schuljahresende einen Preis.

Der Unternehmer hat einen Teil seines Preises von der SWP bereits erhalten. Tags zuvor lobte der Chef der Lokalredaktion Thierer ihn über den grünen Klee. Er erzählte die rührende Geschichte eines Mannes, der eine Backmischung erfindet, und dank dieser Erfindung vom kleinen unbekannten Bäcker zu einem der ganz großen Unternehmer in diesem Land emporsteigt. Mich würde es nicht wundern, wenn die großen Produzenten in Hollywood bereits auf diesen Stoff aufmerksam geworden und schon dabei wären, sich die Filmrechte zu sichern. Der Artikel über den Unternehmer nahm ein Viertel einer Zeitungsseite in Anspruch. Forschen Sie mal nach, wieviel tausend Euro eine Webeanzeige von dieser Größe kostet.

Also, was lernen unsere Kinder aus dieser Geschichte?
Schleimen ist nichts Verwerfliches. Wer die hohe Kunst der Heuchelei beherrscht, hat nur Vorteile. Die Redaktion vom Donaufisch  erwägt die Veranstaltung eines Schleimer-Wettbewerbs : Wer unseren Redakteuern oder ihren Texten die verlogensten Komplimente macht, erhält zwei Gratis-Artikel mit überschwänglich lobender Tendenz.
Was meinen Sie dazu, verehrter Leser?

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3 Antworten auf “Die hohe Kunst der Heuchelei”

  1. Ihr Beitrag ist der Beste, den ich je gelesen habe. Allein die Rhetorik und die Tiefsinnigkeit lässt meinen Körper erzittern. Gäbe es noch mehr solchermassen genialer Blogger, so würden keine Tageszeitungen mehr gelesen werden.

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