OB-Kandidatin zu verkaufen

… oder: Das Ulmer Modell

Ahnte der amtierende Oberbürgermeister Ulms, was für eine Lawine er lostreten würde, als er vergangene Woche vor Medienvertretern im eben angelaufenen Wahlkampf erläuterte, wie er seine Konkurrenten Milde und Kienle unterstützen werde? Der Plan des Oberbürgermeisters – in der Zwischenzeit als „Ulmer Demokratiemodell“ bezeichnet – stößt weltweit auf große Resonanz. Verschiedene italienische Städte, darunter Palermo und Neapel, wollen Beobachter nach Ulm entsenden. Interessiert zeigten sich auch die Stadtoberhäupter einiger chinesischer Städte. Der kubanische Staats-und Parteichef Fidel Castro kündigte an, dass er Ivo Gönner noch in diesem Jahr von der „Gesellschaft für Menschenrechte und Demokratie“ in Havanna für sein demokratisches Engagement auszeichnen lassen werde.

Gönner hatte erklärt, dass er als Christ und Demokrat die Pflicht habe, seine Mitbewerber um das Amt des Oberbürgermeisters finanziell zu unterstützen. Während der Unabhängige Milde diverse selbst erdachte Kunstobjekte an Gönner verkaufen wird, soll der Grüne Kienle in den kommenden Jahren mit der gut bezahlten Betreuung der Gäste des Donaufestes beauftragt werden.

Gönner sagte wörtlich: „ In Ulm herrscht in der Politik ein brüderlicher Geist. Der große Bruder hilft den kleineren. Können die schwächeren Brüder auf diese Weise gestärkt zur Wahl antreten, helfen sie damit wieder dem großen Bruder, da aus der Stimmabgabe eines Bürgers erst dann eine Wahl wird, wenn mehrere Kandidaten auf dem Stimmzettel stehen.“

Dass ein Bewerber um ein politisches Amt seine Konkurrenten finanziell unterstützt, ist weltweit einmalig und gilt als Folge der in Ulm seit langem praktizierten Konsenzdemokratie. Wesentliches Kennzeichen dieser Herrschaftsform ist das völlige Fehlen von Meinungsverschiedenheiten in der Sachpolitik verbunden mit heftigen Auseinandersetzungen in Personalfragen. Der Gemeinderat wird in diesem effektiven System zum Akklamationsorgan der Verwaltung, die „Konkurrenten“ im Bürgermeisterwahlkampf zum Mitglied im Wahlkampfteam des Amtsinhabers.

Befremdet zeigten sich Beamte des Ulmer Rathauses über eine Anfrage aus Birma. General Than Shwe, der Chef der dortigen Militärjunta, erbat Hilfe bei seinem Vorhaben, in seinem Land eine loyale Opposition zu installieren und diese mit staatlichen Geldern zu finanzieren. Geprüft wird dagegen ein aus München kommender Vorschlag der CSU-Spitze, der anbietet, Frau Pauli als OB-Kandidaten nach Ulm abzuordnen. Da die finanziellen Mittel des Ulmer Oberbürgermeisters jedoch auf 50000 € in diesem Wahlkampf begrenzt sind, sieht er sich leider nicht in der Lage, den Wahlkampf für eine weitere Kandidatin zu bestreiten, so sehr er es auch begrüßen würde, wenn noch eine Dame mit im Boot säße. Gesucht werden deshalb Privatpersonen oder ortsansässige Firmen, die sich gerne eine OB-Kandidatin kaufen würden und somit einen Beitrag zur gedeihlichen Entwicklung der politischen Kultur Ulms leisten wollen.

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