Heimattage Baden-Württemberg

… oder Deine Heimat ist das Meer

Heimat? Das ist ein rauschendes Bächlein mit kristallklarem Wasser. Eine Mägdelein mit Zöpfen, das selbstvergessen eine alte Weise singt (vorzugsweise „Am Brunnen vor dem Tore“). Der emsige Sattlermeister in der Nachbarschaft, dessen Nähmaschine von früh bis spät surrt. Das ist Großmutters Geburtstag, wo die ganze Familie beisammen sitzt und der Enkel Peter eine Ballade von Theodor Fontane rezitiert. Heimat ist die Schulstunde, die damit beginnt, dass der Herr Lehrer sich zeigen lässt, ob auch alle Eleven ein sauberes Taschentuch bei sich führen und die Fingernägel gereinigt und geschnitten sind. Das ist ein Dorffest, wo der junge Mann verstohlen nach den Mädchen blickt und sich nichts sehnlicher wünscht, als mit der heimlich Angebeteten ein Tänzchen zu wagen. Heimat ist das Original, das mit tiefsinnigen und deftigen mundartlichen Sprüchen die Zuhörer unterhält. Das sind Spätzle, Schweinebraten mit viel Sauce. Heimat ist der Herr Pfarrer, der in seiner gut besuchten sonntäglichen Predigt die Unarten der Schäflein gnadenlos geißelt und sie zu einem gottgefälligen Leben ermahnt.

Unter den fast 11 Millionen Landeskindern gibt es ein paar, die mit dem Begriff Heimat nichts anfangen können. Die Einen, weil ihnen Metaphysik immer fremd war; andere, weil sie sich noch mit einer Gänsehaut an die große Heimatliebe zwischen 1933 und 1945 erinnern; wieder andere, weil sie vor lauter täglicher Sorgen keine Zeit zum Nachdenken finden. Um Zweiflern und Orientierungslosen zu helfen, veranstaltet Baden-Württemberg Heimattage. Jedes Jahr in einer anderen Stadt. 2008 ist Ulm an der Reihe.

Ulms Oberbürgermeister ist bekanntlich ein fortschrittlicher Mann und ein Stadtoberhaupt, das den finanziellen Vorteil Ulms nie aus den Augen verliert. Deshalb erteilte er nicht etwa den Heimattagen eine Absage, sondern einem Heimatbegriff mit reaktionären Tendenzen. Und so blicken die Ulmer Bürger jetzt einem Veranstaltungsmarathon entgegen, der nur ein bisschen reaktionär ist und für jeden Geschmack etwas bereithält : Vom Brauchtumsabend über Lesungen ( „Der Krimi als moderner Heimatroman?“), vom Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen über alte und moderne Baukunst („Heimat Bauen“), vom Umzug der Fahnenschwinger und der Weltmeisterschaft im Fahnenhochwerfen über einen Rezitationsabend (Texte des schwäbischen Rebellen Christian Friedrich Daniel Schubart) bis hin zu Vorträgen zur Migration heute und einem schönen Paradekonzert des Heeresmusikkorps.

Was? Sie mögen Eintöpfe nicht? Mir ist dieser Begriffskuddelmuddel auf den Magen geschlagen.
Vorläufig definiere ich Heimat als Sauerkraut mit Springerle. Bis zum Beginn der Heimattage werde ich noch darüber nachdenken, welcher Heimatbegriff für mich der plausibelste ist. Zur Auswahl stehen drei Definitionen, die von Personen des öffentlichen Lebens vorgeschlagen wurden: 1.Heimat bedeutet Sicherheit (Hansjörg Prinzing, Kommandant der Feuerwehr und des Katastrophenschutzes Ulm).
2.Heimat bedeutet Ausgangsposition, Sicherheit und Abgrenzungsmerkmal gleichermaßen im täglichen Kampf um internationale Marktpositionen (Ralph Beranek, Geschäftsleitung eines Ulmer Unternehmens).
3.Deine Heimat ist das Meer (Freddy Quinn)

Da ich leidenschaftlich gerne mit meinem Gummiboot auf der Donau paddle, neige ich zu Freddy Quinns Definition, die sich durch edle Einfalt und stille Größe auszeichnet.

27.4.08

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