Nationalstolz und Vaterlandsliebe

Leider konnte ich das EM-Fußballspiel zwischen Kroatien und Deutschland nicht im Fernsehen verfolgen. Ein dienstliche Reise führte mich auf die Schäbischen Alb nach Göppingen. Aber die Szene, die ich auf meinem Weg vom Parkhaus zu meinem Gesprächspartner erlebte, werde ich wohl nicht vergessen : Genau in jenem Augenblick, als die deutsche Nationalhymne erklang und die Spieler sich in einer Reihe aufgestellt hatten und bei ihren gesanglichen Darbietungen im Fernsehen gezeigt wurden, kam ich an einer Eckkneipe vorbei.

Etwa ein Dutzend Gäste hatte sich versammelt, von außen sah man sie gut durch das große Fenster. Während der Großbildfernseher die Bilder von der Zeremonie zeigte, waren alle Gäste im Wirtsraum aufgestanden. Sie trugen schäbige Trikots der deutschen Nationalmannschaft oder speckige Mützen in Schwarz, Rot und Gold. Die Bäuche der Männer – und es waren nur Männer in diesem Wirtshaus – hingen über die eng geschnürten Gürtel herab, die meisten, so glaube ich mich zu erinnern, hatten rote Nasen, manche nur noch wenige Zähne im Mund, aber alle hatten ein Bier- und ein Schnapsglas vor sich, alle waren also aufgestanden, hielten die rechte Hand ans Herz und sagen aus Leibeskräften : „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland…“

Da war ich sehr gerührt. Zum ersten Mal verstand ich in meinem Leben, welch mächtiges Gefühl der Nationalstolz für Menschen sein muss, wenn ihnen außer Alkohol und der verqualmten Kneipe nicht mehr viel im Leben geblieben ist. Der Stolz auf die eigene Nation lässt vergessen, dass man keine Arbeit mehr hat, die Kasse die dritten Zähne nicht bezahlt und man sich außer den Leckereien von Aldi und Lidl nicht mehr viel leisten kann im Leben.

Wie groß ist wohl die Enttäuschung der Männer am Ende des Spieles gewesen, das die deutschen Kicker mit 2 : 0 verloren? Waren sie noch in der Lage zu randalieren oder nahm ihnen der Alkohol die Kraft dazu?

18.6.08

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