Englischkenntnisse

Das Ulmer Rathaus ist verwaist. Der Oberbürgermeister musste zurück auf die Schulbank. Englischkenntnisse sind jetzt auch bei Kommunalpolitikern unerlässliche Voraussetzung für die Ausübung der Dienstpflichten.

Ein Oberbürgermeister lernt Englisch

Jedesmal, wenn unser Oberbürgermeister Besuch aus dem Ausland bekommt, bangt unser Stammtisch vom virtuellen Gasthaus. Jedesmal beten wir darum, dass der ausländische Besucher der deutschen Sprache mächtig ist. Wir können es einfach nicht ertragen, OB Gönner in solchen Nöten zu sehen. Klar, es gibt Dolmetscher, die für eine reibungslose Verständigung zwischen dem Stadtoberhaupt und seinem englisch sprechenden Gast sorgen. Aber, was denkt der Gast wohl, wenn er in eine Stadt kommt, dessen ranghöchster Bürger die englische Sprache nicht spricht? Möglicherweise hält er Ulm dann für eine unbedeutende Provinzstadt. Der Gedanke ist unerträglich.
Erst kürzlich stattete Erzbischof John Clayton Nienstedt von Saint-Paul und Minneapolis (USA) Ulm einen Besuch ab. Beim Empfang im Rathaus tat der Oberbürgermeister, was er in solchen Fällen meist tut. Mit einem Scherz, der immer wieder gut aufgenommen wird, sorgte er für Heiterkeit. Der Erzbischof könne mit ihm auf lateinisch parlieren, sagte Gönner, das beherrsche er ganz tadellos. Doch das wolle vielleicht der Gast nicht, weil er dann glaube, im Vatikan zu sein. Das rettete die etwas peinliche Situation. Als Schüler habe ich auch immer versucht, im Englisch- oder Französischunterricht durch Scherze meine Kenntnislücken zu überspielen. Meine Lehrer hatten dafür weniger Verständnis als der Erzbischof.
Doch nun soll alles anders werden. Einem Berater vertraute der Oberbürgermeister an, dass er es leid sei, in einer Zeit, in der von jeder Putzhilfe und jedem Kaminfegerazubi Kenntnisse in mindestens drei Fremdsprachen verlangt werden (bevorzugt Englisch, Spanisch und Russisch), als Altphilologe zur Sprachlosigkeit verdammt zu sein. Da er vorhabe, noch mindestens 16 Jahre an der Spitze der Stadt zu stehen, durch die Kontakte zu Donauländern mehr und mehr die Blicke der Weltöffentlichkeit auf Ulm gelenkt würden und immer mehr ranghohe Gäste aus östlichen Nachbarländern nach Ulm kämen, müsse er nun Englisch lernen.
Bravo! Bravo! Da können wir vom Stammtisch nur applaudieren. Wir freuen uns schon darauf, wenn OB Gönner seine erste Begrüßungsrede auf dem Internationalen Donaufest in englischer Sprache halten wird oder bei einer Einladung nach Ungarn, Rumänien oder Serbien durch eine geschliffene Ansprache auf Englisch brilliert. Vom ehemaligen Bundeskanzler Schmidt wissen wir, wie beeindruckend es ist, wenn ein Politiker auf internationalem Parkett aufzutreten versteht. Da ist sofort jedem klar: Hier steht ein Weltbürger, kein kulturimperialistischer Provinzheini!
Wie wir hörten, beabsichtigt der Oberbürgermeister in der Sommerpause einen Kurs an der Volkshochschule Ulm zu belegen. Wir meinen, dass es besondere Anerkennung und Unterstützung verdient, wenn ein Berufstätiger im Alter von 56 Jahren noch einen solchen Fortbildungswillen zeigt. Vielleicht könnten die Ulmer Gymnasien in den Sommerferien ein paar Sprachlehrer damit beauftragen, dem Stadtoberhaupt etwas Privatunterricht zu erteilen. Da dieser auch kostenneutral erfolgen würde, hätten die Schulen damit allen Bürgern Ulms einen großen Dienst erwiesen.

17.7.08

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s