Bildungsnotstand in Ulm

Seit Jahren beklagen Arbeitgeber, dass viele Lehrstellenbewerber und Berufsanfänger über miserable Qualifikationen verfügten. Häufig fehlten elementare Kenntnissen in Mathematik, die sprachliche Ausdrucksfähigkeit sei mangelhaft. Ich hielt dieses Gejammer immer für übertrieben. Jetzt lieferte Regio -TV ein Beispiel für die erstaunliche Artikulationsfähigkeit eines Ulmer Architekten, der den sogenannten Informationspavillon der Stadt Ulm und der Deutschen Bundesbahn vor dem Ulmer Hauptbahnhof plante und bauen ließ. Dieser Herr heißt Adrian Hochstrasser und erläuterte sein Werk vor der Kamera des kommerziellen Regionalfernsehens mit folgenden Worten:

„Das Haus ist ja –äh- wie soll ich sagen –äh- als Infohaus gedacht und muss entsprechend öffentliche Präsenz haben.“

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Hätte Sie das gedacht, verehrter Leser, dass ein Haus „öffentliche Präsenz“ haben muss? Mich macht es immer sprachlos, wenn ein gebildeter Mensch solch gewichtige philosophische Sentenzen so gelassen ausspricht. Und Herr Hochstrasser fuhr in diesem Interview fort:

„ Äh, wir sind mittendrin in der Euromagistrale, in dem Moment, wo die ausgebaut ist, funktioniert die Mobilität anders, Ulm, Stuttgart, 28 Minuten zum Flughafen, das verändert, denk ich, schon einiges.“

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„Die Mobilität funktioniert jetzt anders“ – Wäre das nicht ein wundervoller Titel für ein neues Sachbuch? Mich erinnert diese Syntax an unseren ehemaligen Spitzensportler Boris Becker. Der Architekt ließ es damit noch nicht bewenden. Er erläuterte sein Konstrukt mit den Worten:

„Das Ding –äh- ist aus Holz aus Kostengründen und einfach, man kann s einfach herstellen, und man kann relativ einfach Lampen drauf schrauben, so wie man das will, und was davor hängen, und dann leuchtet das Ding und hat ne Außenwirkung…“

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Herr Hochstrasser hat das Abitur bestanden und ein Hochschulstudium absolviert. Ich frage mich, was wohl der Personalchef eines Unternehmens sagen würde, wenn sich ein junger Mensch in einem Vorstellungsgespräch (auf das er sich vorbereiten konnte) auf diese Weise äußerte. Würde er die Lehrstelle bekommen? Aber man sollte über den Herrn Architekten auch etwas Positives sagen: Sein Infopavillion und dessen Ästhetik sind in völliger Übereinstimmung mit der Wortwahl, dem Stil und der Syntax seiner sprachlichen Äußerungen: es dominieren Ecken und Kanten.

Sämtlich Zitate sind folgender Quelle entnommen: http://www.regio-tv.de/

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