Die Neujahrsansprache des Oberbürgermeisters

Zu einem folgenreichen Unfall kam es am Morgen des ersten Tages im neuen Jahr 2009. Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner befand sich auf dem Weg nach Neu-Ulm, um dort gemeinsam mit seinem bayerischen Kollegen Noerenberg beim Neujahrsempfang im Edwin-Scharff-Haus eine Rede zu halten. Beim Überqueren der Donaubrücke rutschte der Oberbürgermeister auf einer vereisten Fläche aus, verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Wie Passanten berichteten, schlug Gönner dabei mit dem Hinterkopf auf dem Asphalt auf, erhob sich aber sogleich und eilte lächelnd und ohne erkennbare Blessuren zum Veranstaltungsort. Auch dort geschah zunächst nichts, was zu der Befürchtung Anlass gegeben hätte, der OB habe sich bei seinem Unfall verletzt. Erst als Gönner mit seiner Rede begann, wurde den Anwesenden klar, dass etwas passiert sein musste. Da in der Lokalzeitung nur mitgeteilt wurde, was der Oberbürgermeister hatte sagen wollen (vorbereiteter Redetext), sehen wir vom Donaufisch es als unsere Chronistenpflicht, der Öffentlichkeit bekannt zu machen, was der OB in seiner Neujahrsansprache tatsächlich gesagt hat.

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Meine mehr oder weniger verehrten Damen und Herren!

Sie erwarten, dass ich jetzt optimistische Worte zum Jahr 2009 sage, das eben begonnen hat. Sie erwarten, dass ich die Rezession kleinrede und von Zuversicht, Mut und Selbstvertrauen fasle, Jammern und Wehklagen als kleinmütig verurteile; die winzigen Standortvorteile unserer Region hervorhebe; an die Opferbereitschaft der Menschen appelliere, sie zu Verzicht und Bescheidenheit auffordere, um schließlich in diesem einfallslosen und völlig unglaubwürdigen Geschwätz zu gipfeln: „Aber am Ende werden wir gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.“

Nein, diese Erwartungen kann ich nicht erfüllen, so einen Quatsch kann ich nicht sagen; ich will Ihre Intelligenz nicht beleidigen. Wie Sie sich erinnern, waren wir zu Beginn der Finanzkrise alle naiv und ahnungslos. Wirtschaftverbände, Bosse, sogenannte Wirtschaftsweise, Politiker – alle hatten wir keinen blassen Schimmer. Deshalb halte ich es für unredlich und unangebracht, dass der Esel von gestern heute so tut, als sei er ein Weiser. Ich weiß nicht, was uns erwartet, genauso wenig wie das Frau Müller und Herr Maier wissen. Wie doof wir in Ulm waren, sehen Sie am besten daran, dass wir vor eine paar Jahren unsere Kanalisation in die USA vermieteten, diese wieder zurück mieteten und lange Zeit in stiller Einfallt glaubten, so krumme Geschäfte könnten uns Vorteile bringen.

Aber in einem Punkt kann ich Ihnen doch etwas Hoffnung machen. Die Finanzkrise hat nicht nur ihre schlechten Seiten. Seit Jahren kommt von überall her die Aufforderung, die Stadtverwaltung und die kommunale Volksvertretung sollen gewissenhafter und sparsamer mit dem Geld umgehen, das dem Steuerzahler abgeknöpft wurde. Ohne Erfolg. Unsere Kredittilgungen in den vergangenen Jahren waren nicht etwa möglich, weil ich und der Gemeinderat gespart haben. Sie waren möglich, weil wir unerwartet zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen hatten. Wir hätten ohne die Krise weiter bis zum Sankt Nimmerleinstag vom Sparen schwadroniert und dabei sorglos mit dem Geld um uns geworfen. Das wird jetzt vielleicht ein Ende haben, wenn das Geld, über das wir verfügen können, immer knapper wird.

Noch ein Wort zu den Wahlen 2009 und zu unserer Demokratie. Wir Politiker machen die Demokratie nicht stabiler, wenn wir den Bürgern etwas vormachen, Rollen spielen, die uns überfordern, oder in dämlichen Appellen dazu auffordern, in großer Zahl an Wahlen teilzunehmen. Nur, wenn wir glaubwürdig sind, stärken wir die Demokratie. Wenn es mir gelungen ist, mit dieser Rede bei den Bürgern wieder glaubwürdiger zu werden, wäre das seit Jahren meine erste öffentliche Ansprache, die mehr erreicht hätte als nur die Befriedigung meiner eigenen Eitelkeit.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen ein gutes Jahr 2009.

Wie diese Rede zeigt, stimmt die weit verbreitete Volksweisheit „Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen“. Darüber hinaus scheinen maßvolle Stimulierungen des rückwärtigen Schädels auch dem Drang zu Wahrheit und Wahrhaftigkeit förderlich. Deshalb lehnen wir vom Stammtisch die Einführung einer Helmpflicht für Politiker an strengen Wintertagen, wie sie von der Ulmer CDU-Gemeinderatsfraktion nach Gönner Unfall gefordert wurde, entschieden ab.

4.1.2009

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