Nazis und Narren in Ulm

??????????????????????

Ein Mann im Auftrag der Demokratie. Ein Ehrenbürger der Stadt, weil es ihm eine Ehre war, erster Diener dieser Stadt zu sein“ (Jakob Resch, Redakteur der SWP / 19.2.2004)

„Überfällig ist es, dass die Stadt zwölf Jahre nach seinem Tod an Pfizer erinnert. Etwas anderes als eine Schule kommt kaum in Frage“ (Hans-Uli Thierer, Chefredakteur der SWP Ulm, 19.2.2004)

„Dass die Wiblinger Lehrer auf Gerüchte zurückgreifen, die geeignet sind, den guten Namen des verdienten früheren Ulmer Oberbürgermeisters Theodor Pfizer nachhaltig zu beschädigen, ist übel. Dass sie es wagen, dafür auch noch Gerüchte über angebliche Naziverbrechen zu bemühen, ist absolut unerträglich. Es gibt keine Spur des Hinweises, nur schlimme Verdächtigungen. (Ich frage mich), was diese Lehrer den Kindern eigentlich beibringen wollen, wo sie doch selbst nichts verstanden haben.“ (Willi Böhmer, Stellvertretender Chefredakteur der SWP Ulm, 2.4.2004)

Anlässlich des 100. Geburtstages von Theodor Pfizer (1904-1992) kündigte Ivo Gönner (SPD) im Februar 2004 an, dass ein Schulzentrum im Ulmer Stadtteil Wiblingen nach Ulms langjährigem Oberbürgermeister benannt werden soll.

Lehrer, Schüler und Eltern dieses Schulzentrums protestierten in einem Brief an OB Gönner gegen dessen Überrumpelung und gaben zu bedenken, dass Theodor Pfizer während der Herrschaft der Nationalsozialisten möglicherweise linientreuer Nazis gewesen und durch seine führende Tätigkeit bei der Reichsbahn in den Völkermord an Juden und anderen Verfolgten verstrickt gewesen sei.

Die Südwest Presse Ulm wurde 2004 ihrer Aufgabe einer unabhängigen, gut informierten und fairen Berichterstattung nicht gerecht: In schriftlichen Äußerungen der Redakteure Böhmer, Thierer und Resch verbanden sich historische Unkenntnis, Kritiklosigkeit, Großmäuligkeit und mangelhaftes Verantwortungsgefühl. Die Lokalredaktion der SWP versagte nicht nur , einige Redakteure hetzten auch gegen jene, die Gönners Vorschlag zur Namensgebung ablehnten oder skeptisch betrachteten.

Das Schulzentrum erhielt damals einen anderen Namen; die Schulen nannten sich nach Albert Einstein. Gönner gab nach, wohl nicht aus Einsicht, sondern wegen Mangel an Zuständigkeit und Macht. Weil die Schule nicht nach Theodor Pfizer hatte benannt werden können, gaben unsere weisen Stadträte einem Platz bei der Stadtbibliothek nahe dem Ulmer Rathaus den Namen „Theodor-Pfizer-Platz“.

Und nun haben Gönner und der Ulmer Gemeinderat ein Problem: Am 22.3.2012 veröffentlichte der Historiker Dr. Andreas Lörcher einen Aufsatz unter dem Titel „Die biografische Lücke. Ein Aktenfund beleuchtet das Leben Theodor Pfizers ziwischen 1933 und 1945“. Nach diesem Text, der sich auf gründliches Quellenstudium stützt, kann kein vernünftiger Mensch mehr Zweifel haben, dass Ulms Oberbürgermeister zwischen 1948 und 1972 Theodor Pfizer das Naziregime aktiv unterstützte und von Deportationen in Vernichtungslager zumindest wusste.

Lörcher schreibt in seinem Aufsatz: „ Während Pfizers Amtszeit in Stuttgart fahren vom dortigen Nordbahnhof sieben Züge mit Verfolgten des Nationalsozialismus in die KZ Theresienstadt und Auschwitz ab“. Pfizer, seit 1942 Oberreichsbahnrat, war zu dieser Zeit Leiter des Dezernats Güterverkehr und zählte mit 38 Jahren zur Stuttgarter Führungsriege der Reichsbahn.

Die neuesten historischen Forschungen zur Nazivergangenheit Theodor Pfizers wurden seit ihrem Erscheinen am 22.3.2012 von den Herren Resch, Thierer und Böhmer mit keinem Wort kommentiert. Auch unser Oberbürgermeister, der sich sonst immer in der ersten Reihe zeigt, wenn gegen Neonazis, die in Ulm eine Großkundgebung veranstalten, demonstriert wird, hüllt sich in Schweigen. Ja, es ist viel einfacher gegen Neonazis zu sein, als in Ulm, wo man auf Mehrheiten (auch aus der CDU und der FWG) angewiesen ist, hin zu stehen und zu sagen: Ja, Pfizer war ein Nazi! Nach ihm darf keine Straße und kein Platz benannt werden!

Dabei müssten Gönner und die Gemeinderäte allmählich Übung darin haben, Straßen und Plätzen wieder umzubenennen, denen versehentlich Namen von Altnazis gegeben worden sind:

1978 hatten die Ulmer Räte eine Straße im westlichen Stadtteil „Roter Berg“ nach dem FWG-Stadtrat und ehemaligen Stadtkämmerer Otto-Elsäßer benannt. 2009 brachte der Historiker Dr. Walter Wuttke ans Licht, dass eben jener Elsäßer an der Zwangsenteignung Ulmer Juden und unfreiwilligen Abtreibungen bei russischen und polnischen Zwangsarbeiterinnen während des deutsche Faschismus maßgeblich beteiligt war.

Wir vom DF sind gespannt, wie lange es in Ulm noch einen Theodor-Pfizer-Platz geben wird und wie lange es braucht, bis in dem Wikipedia-Artikel über Pfizer auch seine Nazivergangenheit Erwähnung findet.

Quellen:

Andreas Lörcher, Die biografische Lücke.

Theodor-Pfizer-Platz1

/ 29.4.2012

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: