Ein Herz für Nazis

Bei einem Rundgang im Zentrum der Stadt Ulm stößt der Besucher auf zwei kleine Plätze, der eine liegt südlich des historischen Rathauses und heißt Theodor-Pfzer-Platz, der andere nördlich davon, er trägt den Namen Hans-und Sophie-Scholl-Platz.

Die Geschwister Hans und Sophie Scholl waren mutige Gegner des Naziregimes, die nach einer Flugblattaktion denunziert, vom Volksgerichtshof am 22.2.1943 zum Tod verurteilt und am selben Tag in München Stadelheim enthauptet worden sind.

Theodor Pfizer dagegen war ein karriereorientierter Opportunist. Im Februar 1942 wird er Oberreichsbahnrat, ist Chef des Güterverkehrs in Stuttgart und Leiter der internen Propaganda bei der Reichsbahn („Pressedezernat“). In dieser Eigenschaft fordert er 1944 die Mitarbeiter der Reichsbahn per Flugblatt auf, durch „unbeugsamen Einsatzwillen“ und die „Mobilisierung der letzten Leistungsreserven“ für „die Erringung des Endsiegs“ zu arbeiten. Mit 38 Jahren hat Theodor Pfizer einen eigenen Fahrer und gehört zur Führung der Bahn. Er ist verantwortlich für die Zwangsarbeiterlager in Ulm, Bietigheim und Plochingen. Vom Stuttgarter Nordbahnhof fahren unter seinen Augen Todestransporte in die KZ Theresienstadt und Auschwitz.

Der historisch kundige und nachdenkliche Besucher Ulms mag sich nun fragen: Ist das nicht ein Widerspruch, den einen Platz nach Nazigegnern und den benachbarten nach einem Nazi zu benennen?

Nein! Eindeutig nein! Der scheinbare Widerspruch ist Ausdruck weitsichtiger Strategie, die sich Ivo Gönner (er ist der klügste und zugleich lustigste aller deutschen Oberbürgermeister) ausgedacht hat:

Alle Strömungen und politischen Kräfte dürfen daran mitwirken, Ulm zu höchster Harmonie und Prosperität zu führen. Niemand wird ausgegrenzt. Nur so können demokratischen Parteien, wie CDU, Freie Wähler, FDP, Grüne und SPD, für wirtschaftliches Wachstum in Ulm sorgen und den Feinden der Demokratie (Neonazis) entschlossen entgegentreten.

Stellen Sie sich einen Augenblick lang vor, Ivo Gönner hätte diese Strategie nicht entwickelt, und würde morgen mit der Botschaft vor Gemeinderat und Medien treten: Pfizer war ein verabscheuungswürdiger Opportunist, dem die Karriere über alles ging. Die Nazis hätte ohne solche Kreaturen nicht herrschen und nicht ihre Verbrechen begehen können. Deshalb darf in Ulm kein Platz und keine Straße nach ihm benannt werden.

Die Folgen wären verheerend: Der Ulmer Oberbürgermeister in der Zeit von 1948 bis 1972 Theodor Pfizer stünde plötzlich als feiger Helfershelfer von Verbrechern da. Freie Wähler und CDU würden Ivo Gönner umgehend bis in alle Ewigkeit die Gefolgschaft aufkündigen. Sichere Mehrheiten im Gemeinderat wären dahin, alle wichtigen kommunalen Projekte blockiert. Beim Kampf gegen Neonazis würde auch niemand mehr von CDU und Freien Wählern mitmachen wollen. Eine Katastrophe!

Auch in anderen Städten Baden-Württembergs wird über Altnazis diskutiert und entschieden, die nach Ende des deutsche Faschismus trotz ihrer Vergangenheit wieder eine Position ergattern konnten.

In Konstanz beschloss der Gemeinderat im Mai 2012, dem ehemaligen Oberbürgermeister Bruno Helmle (1959 bis 1980)die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen, weil er sich in der Zeit des Nationalsozialimus an jüdischem Eigentum bereichert hat.

In Tübingen wird erwogen, dem ehemaligen Oberbürgermeister Hans Gmelin(1954-1975) die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen, weil er als SS-Standartenführer bei der Deutschen Gesandtschaft in Bratislawa beschäftigt und wahrscheinlich daran beteiligt war, 59000 Juden in Vernichtungslager zu deportieren.

Die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) wird sicher einen von ihr verliehenen Preis umbenennen, der den Namen Theodor Eschenburgs trägt. Eschenburg, der sich in der Nachkriegszeit als Staatsrat, Universitätsrektor und Politikwissenschaftler einen Namen gemacht hat und auch Ehrenbürger der Stadt Tübingen ist, war im Dritten Reich an der zwangsweisen „Arisierung“ eines jüdischen Wirtschaftsbetriebes beteiligt.

Der DF ist davon überzeugt, dass Konstanz, Tübingen und die DVPW mit ihrer unversöhnlichen Haltung gegenüber ehrwürdigen Persönlichkeiten auf dem Holzweg sind. Handelt es sich doch bei den hier angeklagten Nazis im besten Fall um Nazi-le (wie der humorvolle Ulmer OB Gönner sagen würde), nicht um richtige Nazis. Davon gab es nämlich zwischen 1933 und 1945 nur ein paar hundert, die entweder durch eigene Hand oder infolge alliierter Richtersprüche starben.

Außerdem gibt es manchmal Wichtigeres als die Wahrheit. Deshalb hat unser OB Gönner die volle Unterstützung vom DF-Stammtisch, wenn er die neueste historische Forschung über Theodor Pfizer weder thematisiert noch kommentiert. Ivo Gönner tut dafür auch Buße: Erst vor wenigen Tagen erschien er bei der Aktion „Ulm zeige Gesicht gegen Rassismus“und unterstützte damit Schüler des Schubart-Gymnasiums in ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus, Intoleranz und Diskriminierung. Ist das nicht toll?

Auch der DF will Unterstützung leisten.

Deshalb rufen wir alle Gemeinderäte dazu auf: Tragen Sie dazu bei, dass sich Rat und Ausschüsse nicht unnötigerweise mit Theodor Pfizer beschäftigen!

Außerdem rufen wir die Aktion „Ein Herz für Nazis“ ins Leben, die sich zum Ziel setzt, Verständnis für Ulmer Altnazis zu fördern und unserem Oberbürgermeister optimale Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Arbeiten Sie mit! „Ein Herz für Ulmer Nazis“ braucht Sie.

herzfuernazisulm

/ 29.10.2012

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