Ebbo und Uli – manus manum lavat

Seit über einem Jahr liegt am Donauufer in Ulm das Wrack eines Restaurantschiffes. Ein Feuer hatte es in der Nacht zum 3.5.2008 nach einer Hochzeitsfeier zerstört. Der Staatsanwalt wurde tätig, stellte aber nach einigen Monaten die Ermittlungen ein. Die Ursache des Brandes konnte er nicht herausfinden, vermutet wird, dass eine weggeworfene Zigarettenkippe die Ursache des Unglücks war.

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Eigentümer des Schiffes und Inhaber der Konzession zur Betreibung eines Gaststättenbetriebes an diesem exponierten Ort sind zwei Geschäftspartner, die sich nun darüber streiten, wie viel Geld der Eine dem Anderen bezahlen muss, damit dieser seine Rechte an der Konzession abtritt.

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Die Brandschutzversicherung bezahlte 300.000 Euro an jenen der beiden Schiffseigentümer aus, der die Konzession haben und später alleine an diesem lauschigen Plätzchen ein Restaurant betreiben möchte. Er ist bereit, seinem ehemaligen Kompagnon die Hälfte der Versicherungssumme abzugeben. Der Andere hält diese Summe für viel zu gering. Beide Geschäftspartner beteuern, die Angelegenheit ohne juristische Auseinandersetzung regeln zu wollen.

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Durch Zufall gelangte Quasselstrippe in den Besitz geheimer Dokumente. Es handelt sich dabei um ein Telefonprotokoll aus den Archiven des SAUUF (Schäubles Ausschuss zur Untersuchung des Ulmer Filzes). In diesem Telefonat führen zwei Personen des Öffentlichen Lebens in Ulm ein Gespräch. Die eine Person ist der Journalist Hans-Uli Thührer*, die andere ist Ebbo Speedmüller*, der Inhaber von 97 Prozent aller gastronomischen Betriebe in Ulm. (*Namen geändert)

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Uli: Ja, Ebbo, altes Haus, was gibt s?

Ebbo: Nur Probleme, Uli!

Uli: Wieso? Bei dir läuft s Geschäft doch super.

Ebbo: Ach, das Schiffswrack …

Uli: Zahlt die Versicherung nicht?

Ebbo: Doch schon. 300.000 Euro. Aber …

Uli: Dann bist du doch aus dem Schneider.

Ebbo: Mein Kompagnon macht Schwierigkeiten. Der will einen Haufen Geld dafür, dass er mir die Konzession abtritt. Dabei hab ich ihm 150.000 geboten.

Uli: Tja, wahrscheinlich ist diese Konzession auch das Fünffache wert.

Ebbo: Du musst mir helfen, Uli.

Uli: Wie könnte ich dir helfen?

Ebbo: Ich muss meinen Kompagnon dazu bringen, dass er mit 150.000 zufrieden ist.

Uli: Und was kann ich dabei tun. Soll ich ihm Prügel androhen?

Ebbo: Du könntest doch mit deiner Zeitung etwas Druck machen.

Uli: Und wie stellst du dir das denn vor?

Ebbo: Schreib, dass das ausgebrannte Wrack ein Schandfleck ist, dass sich die echten Ulmer jetzt beim Fischerstechen und Nabada vor ihren Gästen schämen müssen. Schreib, dass die Stadtverwaltung sich sofort einschalten muss – im öffentlichen Interesse oder so. Heiz meinem Kompagnon ein; er muss als Quertreiber dastehen. Schreib, dass er sich einer vernünftigen Lösung verweigert. Mach Druck, damit er bloß noch eines will: den ganzen Ärger möglichst schnell vom Hals haben!

Uli: Verstehe. Und dann wird er dir die Konzession für 150.000 Euro abgeben. Und was hab ich davon?

Ebbo: Es wird nicht zu deinem Schaden sein, wenn du mich unterstützst. Außerdem sind wir doch Freunde.

Uli: Gut, Ebbo. Ich komm dann am Sonntag bei dir in der Spezlwirtschaft vorbei. Da können wir noch Einzelheiten meines Artikels besprechen. Reservier mir einen Tisch für zehn Personen. Sagen wir 12 Uhr 30?

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„Manus manum lavat“ – „eine Hand wäscht die andere“, sagten die alten Römer. Die Ulmer nennen es Freundschaftsdienst: „Ama Fraind an Gfalla doa“. Die Gefälligkeit wurde dem Gastronom Ebbo Speedmüller am 3.7.2009 erwiesen. An diesem Tag prangte auf der ersten Lokalseite der Söflinger World Press (SWP) ein riesiges Foto des Schiffswracks, darunter stand ein fünf Spalten langer Artikel und ein zweispaltiger Kommentar des Redakteurs Hans-Uli Thührer. Engagiert focht der Journalist in seinen Texten für die Beseitigung eines Schandflecks an der Donau.

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9.7.09

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