Vandana Shiva, Leben ohne Erdöl

Eine Wirtschaft von unten gegen die Krise von oben

Ursachen und Auswirkungen des Klimawandels sind Gegenstand des 2007 vom Weltklimarat vorgelegten Berichtes. Dieser widerlegt alle Skeptiker und Zweifler: seit 1750 erwärmt sich die Erde durch menschliches Wirtschaften und Handeln; Ursache dafür ist das vom Menschen erzeugte Treibhausgas Kohlendioxid (CO2), welches durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe (Kohle, Erdöl, Erdgas) entsteht. Die weiteren Wirkungszusammenhänge sind wissenschaftlich seit längerem bekannt: Eine steigende CO2 – Konzentration in der Atmosphäre lässt die Temperaturen auf unserem Planeten ansteigen, das dadurch schmelzende Eis führt zu einem Anstieg des Meeresspiegels. Sollten sich global die Durchschnittstemperaturen um 1,9 bis 4,6 Grad Celsius erhöhen, würde die gesamte Eisschicht Grönlands schmelzen und der Meeresspiegel um 7 Meter ansteigen. Bereits heute sind die Folgen des Klimawandels nicht zu übersehen: Extreme Trockenzeiten, extreme Überflutungen, extreme Stürme.

Die industrielle Produktion und das Leben in der Industriegesellschaft basieren auf der Verbrennung fossiler Brennstoffe und sind somit die Ursache der Klimaveränderung. Shiva ist dagegen, das Modell der Industriegesellschaft auf die Entwicklungsländer zu übertragen. Dieses Ziel verfolgen multinationalen Konzernen und einige internationale Organisationen: die Weltbank, der Internationale Währungsfond (IWF)und die Welthandelsorganisation (WTO). Globalisierung, so wie sie von diesen Organisationen verstanden und von Multis gewünscht wird, lehnt Shiva ab, denn Globalisierung ist für sie gleichbedeutend mit „Ökoimperialismus“: „ Globalisierung ist in Wirklichkeit die Globalisierung der energieintensiven, Ressourcen verschleißenden, erdölgetriebenen Industrialisierung unserer Produktions- und Konsumptionsweise…Akteure sind die globalen Unternehmen, welche ihre Produktionsabteilungen weltweit dahin verschieben, wo sie mit den niedrigsten Kosten die höchsten Profite erzielen können“ (S.33). Um die CO2- Emissionen zu kontrollieren, wurden im Kyoto-Protokoll Emissionsrechte an 38 Industrieländer vergeben, und es wurde erlaubt, mit diesen Rechten zu handeln. Für die Autorin sind solche Regelungen absolut wirkungslose Mittel gegen die Verschmutzung der Atmosphäre. Alleine in Europa wurden 11.428 industriellen Betrieben Emissionsrechte gewährt. Durch die Möglichkeit, mit diesen Verschmutzungsrechten zu handeln, eröffnet sich manchen die Möglichkeit, Milliardengewinne zu machen.

Unter den Bedingungen eines liberalisierten Handels und einer wirtschaftlichen Globalsierung kann die Klimaveränderung nicht gestoppt werden. Industrien, die Ressourcen und Energie fressen, werden nicht abgebaut, sondern auf die südliche Erdhalbkugel verlagert. Dort führen sie zur Zerstörung lokaler Ökonomien und zur Schadstoffbelastung von Land, Wasser und Luft. Shiva erwartet weder von Regierungen noch von profitorientierten Konzernen eine Lösung des Klimaproblems. Die Klimakatastrophe kann nur durch eine Abkehr von bestimmten Ideen und Haltungen (Ideologie des freien Marktes, Wirtschaftswachstum, Konsumismus, Verschwendung) und im Rahmen einer „Erddemokratie“ abgewendet werden. Essen, Trinken, Mobilität und Arbeit müssen wieder in lokale Ökosysteme und lokale Kulturen eingebettet werden. Wir würden anstelle von „Erddemokatie“ wohl eher von dezentralen demokratischen Strukturen sprechen.

Seit Jahren steigert Indien seine Autoproduktion und vergrößert sein Straßennetz. 85 Millionen Autos waren 2005 dort auf den Straßen, 1981 gab es 5,4 Millionen. Der Benzinverbrauch steigt: 1997 wurden 6 Mio. Tonnen in Motoren verbrannt, 2015 werden es 25 Mio. Tonnen sein. Von 1,2 Milliarden Indern werden in absehbarer Zeit 216 Millionen aus der Mittelschicht ein Auto besitzen. 2.500 US-Dollar wird der „Nano“, ein Miniauto, kosten. Doch der Preis, den Indien für seine Autoproduktion und den Straßenbau bezahlen muss, ist hoch: brutale staatliche Gewalt gegen die Landbevölkerung, Zwangsenteignungen und Vertreibungen, unzähligen Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage. Der absolute Vorrang, der dem Auto in der Verkehrspolitik eingeräumt wird, führt zur Verdrängung ökologischer Fortbewegungs- und Transportmittel, wie Fahrräder, Fahrradrikschas und von Tieren gezogener Karren. Shiva vergleicht die Ziele indischer Straßenbaupolitik mit jenen der Nationalsozialisten: „Nazideutschland setzte die Autobahnen dazu ein, um Vielfalt, Autonomie und Dezentralisierung zu vernichten…“ (S.110). In der Dritten Welt sind Zugtiere eine Mobilitätsalternative. 300 Millionen Zugtiere, darunter Elefanten, Kamele, Esel, Pferde und Ochsen dienen weltweit den Menschen, ohne der Umwelt zu schaden.

Erdöl wird immer knapper, deshalb versuchen Länder aus Nutzpflanzen (Mais, Palmen, Soja u.a.) Biodiesel oder Ethanol herzustellen, um Benzin zu ersetzen. Riesige Regenwälder werden gerodet (Brasilien, Indonesien), Weideland lebensfähigen Dorfgemeinschaften entzogen (Indien), mit katastrophalen Folgen: Die Zerstörung der Wälder erhöht die CO2-Emissionen, Wasservorräte in Anbaugebieten werden bedroht, es entstehen Monokulturen und eine industrialisierte Landwirtschaft. Gewinner sind die Autoindustrie und das Agrobusiness, Verlierer das Weltklima und Millionen von Menschen in der Dritten Welt. Pflanzen, die ihrer Ernährung dienen könnten, werden als Biobrennstoffe in Motoren vergeudet. Das Heilmittel (Biobrennstoff) ist zur schlimmen Krankheit geworden.

Produktion, Verarbeitung und Verteilung von Nahrungsmitteln haben sich in den vergangenen 50 Jahren grundlegend verändert. Industrialisierte Landwirtschaft ist von Kunstdünger, Pestiziden, Futtermitteln und fossiler Energie abhängig. Nahrungsimporte und Exporte haben zugenommen. Supermärkte dominieren den Lebensmittelverkauf. Nahrungsmittel legen immer größere Wege zurück. Die Weltbank und die WTO erzwingen zusammen mit nationalen Regierungen und Großunternehmen den Abbau lokaler Nahrungssysteme. Der Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Nahrung wird keine Priorität mehr eingeräumt, es wird für den Export (cash-crops) produziert. Diese Form der Landwirtschaft verbraucht immer mehr Erdöl, vergiftet Böden und Grundwasser und raubt der Dritten Welt die Nahrungssouveränität und Nahrungssicherheit. 2007 und 2008 lösten steigende Getreidepreise (Anstieg um 130 %) Hungeraufstände aus. Industrialisierte Landwirtschaft schadet den Armen und beschleunigt den Klimawandel. Biologisch vielfältige Bauernbetriebe und lokale Nahrungssysteme sind die Alternative: „Sie produzieren mehr Nahrung, bessere Nahrung und verschaffen mehr Menschen eine Lebensgrundlage“ (S.189).

Durch 20 Jahre währende Arbeit auf ihrer Biofarm Navdanya sammelte Shiva vielfältige Erfahrungen, die sie nutzt, um anhand vieler Beispiele darzulegen, was ökologischer Anbau und Artenvielfalt bedeuten. Dabei versucht sie auch nachzuweisen, dass ökologische Landwirtschaft ertragreicher zu wirtschaften vermag als industrielle. Die notwenige Veränderung in der Landwirtschaft wie überhaupt in der gesamten Wirtschaft setzt allerdings einen kulturellen Wandel voraus: „Wir brauchen eine andere Geisteshaltung, bevor wir die Welt ändern können … Was den Übergang blockiert, ist ein kulturelles Paradigma, das die Industrialisierung als Fortschritt wahrnimmt und überdies falsche Vorstellungen von Produktivität und Effizienz hat“ (S.227).

Der Übergang von der zerstörerischen Industriegesellschaft ins Post-Erdölzeitalter kann nur von freien und selbstorganisierten Bürgern und Gemeinschaften erreicht werden. Bestandteil einer solchen Transformation ist auch, dass wir unsere Wahrnehmung körperlicher Arbeit ändern und den Ersatz von Menschen durch Maschinen nicht weiter als Befreiung der Menschen betrachten. Zu einem würdevollen menschlichen Leben gehört Arbeit: „Wenn wir den Umstieg vom Erdöl zu einer andern Energienutzung schaffen wollen, müssen wir die Menschen und die menschliche Energie in die Wirtschaft zurückbringen“ (S.239).

Rotpunktverlag Zürich. 260 Seiten. 19,50 Euro. September 2009

LebenOhneErdöl

27.10.2009

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