Ulm als Marke

 Ulm soll eine Marke werden. Seit Jahren träumen sie im Rathaus davon. Daimler Benz kennt jeder – auf der ganzen Welt. Aber Ulm? Allen Menschen, allen Unternehmern, allen Reisenden soll sofort die Donaustadt einfallen, wenn sie überlegen, wo sie gerne wohnen, wo sie am besten produzieren und wohin sie am liebsten reisen würden. Im Rathaus läuft schon manchem der Sabber aus dem Mund, wenn er daran denkt, wie eine gute Vermarktung des Städtchens die Kassen bis zum Rand füllt.

Erwartungsvoll lud man deshalb einen Züricher Fachmann in die Münsterstadt. Professor Dr. Jürgen Häusler kam ins Stadthaus und verzauberte das Auditorium. Aus Ulm eine Marke machen? Ein Kinderspiel für den Marketingexperten: „Schaffung eines vielfältigen kommunikativen Systems…eine auf das Wesentliche reduzierte Botschaft kreieren…sich dabei des minimalistischen Ulmer Stils bedienen… denn Ulm hat alles, was zur Marke taugt: den Spatz, das Münster, Einstein und die Universität…kurzum: Zurückhaltung, klare Linien, Konzentration und – ganz wichtig – Briefköpfe, Schriftzüge und Logos aller Institutionen und Organisationen Ulms brauchen eine einheitliche Gestaltung.

Am Ende saßen die blassen Provinzräte mit offenen Mündern vor dem Vortragenden: Frau Kühne von der SPD fasste die allgemeine Stimmung in Worte: „Wir brauchen den großen professionellen Draufblick, und den bekommen wir jetzt.“ Der Professor wurde engagiert. 120.000 Euro erhielt er, damit er weiter darüber sinniere, wie aus Ulm eine Marke werde. Ein dreiviertel Jahr verging, dann ließ der Professor das Rathaus in einem Brief wissen, dass ihm zu Ulm trotz aller Anstrengungen immer nur „Nebel“, „Langeweile“ und „Kleingeistigkeit“ einfalle, sich daraus aber keine Marke entwickeln lasse. Deshalb schickte er beiliegend 120.000 Euro plus 5.000 zusätzlich zurück und bat um sofortige Entlassung aus städtischen Diensten.

An dieser Stelle der Geschichte kommt das Gasthaus Donaufisch ins Spiel. Eine Stunde nach Eintreffen des Briefes aus Zürich richtete ein Mitarbeiter des Oberbürgermeisters telefonisch die dringende Bitte an den Wirt, bei der Ausarbeitung einer „Marke Ulm“ behilflich zu sein. Hinter uns liegt eine Woche anstrengenden Brainstormings und erschöpfender Diskussionen, aber mit einem Ergebnis, das auch Sie überzeugen wird. Ausgangspunkt unserer Marketingstrategie ist eine große historische Gestalt, die mit der Stadt verbunden und überall in der Welt bekannt ist: Napoleon Bonaparte. Zweimal weilte Napoleon in Ulm, insgesamt 4 Stunden und 37 Minuten, verteilt auf einen Tag im Jahr 1805 und einen 1809. Bei einiger Vereinfachung (was ja beim Marketing immer nötig ist) könnte man sagen, dass er Ulm die Freiheit schenkte, indem er die Stadt aus den Klauen der Bayern befreite.

Dieser Akt steht im Zentrum der „Napoleonfestspiele“, die alljährlich auf der Wilhelmsburg Ulms aufgeführt werden. Dabei darf die Stadt mit etwa 1.000.000 Besuchern aus aller Welt rechnen, mehr als bei den Oberammergauern Passionsfestspielen, die uns als Inspirationsquelle dienten. Die Donaumetropole wird in Verlauf eines Jahrzehntes in ganz Europa, in Nordamerika, in Asien und hier vor allem in Japan zu einem Synonym für einzigartig, frei und prächtig („unique, libre, magnifique“; alternativ für den englischen Sprachraum: „unique, liberal, magical“).

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Napoleon in Ulm.

Festspiel in fünf Szenen
Nach einer Idee von Theophil Quasselstrippe

KaiserGönner

2.11.2009

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