Die Wischmannskala

 

…oder Zeugnisse für Stadträte

Schüler erhalten Zeugnisse, Studenten Scheine, Berufstätige Beurteilungen. Aber wie steht es mit unseren Volksvertretern? Reicht es aus, wenn sie sich alle vier Jahre zur Wiederwahl stellen? Wissen die Wähler dann, was ihre Kandidaten in den zurückliegenden Jahren Gutes zustande gebracht, unterlassen oder vermasselt haben?

Nein, sagt das Kölner Unternehmen Public Affairs Management GmbH. Die Wähler haben vieles vergessen und lassen sich bei ihrem Wahlentscheidungen oft von sachfremden Überlegungen leiten: wichtig ist ihnen, ob der Kandidat einen sympathischen, vertrauenswürdigen und kompetenten Eindruck macht, ob er sich gut kleidet und in geordneten Verhältnissen lebt; die reale Bilanz seiner politischen Tätigkeit bleibt ausgeblendet.

Dem soll nun abgeholfen werden. Bald wird jeder Politiker ein Zeugnis erhalten, in Ulm schon jetzt im Frühjahr 2010. Mit einem komplexen Verfahren will das Kölner Politikberatungsinstitut jedem Ulmer Politiker eine Note erteilen, die seine Gesamtleistung widerspiegelt. Analog den Schulzensuren reichen die Beurteilungen von sehr gut bis ungenügend.

Da es sich bei der Notengebung für Politiker um ein sehr kompliziertes Verfahren handelt, kann hier nicht näher darauf eingegangen werden. Nur eines sei hervorgehoben: Mit bis zu einem Drittel fließt die mündliche Leistung in die Endnote ein. Beurteilt wird diese mündliche Leistung mit der nach unter offenen Wischmannskala.

Die Zeugnisse unserer Politiker in Ulm werden übrigens in der Südwest Presse veröffentlicht. Da es sich bei Politikern um Personen handelt, die in der Öffentlichkeit und im Auftrag des Souveräns agieren, ist gegen eine Veröffentlichung weder aus juristischer noch aus moralischer Sicht etwas einzuwenden.

Sie können schon mal etwas üben, verehrte Leser, bei der Beurteilung von stadtbekannten Politikern. Vergeben Sie für jede der nachstehenden Äußerungen eine Note, wie Sie Ihnen aus Ihrer Schulzeit vertraut ist. In unserem nächsten Beitrag veröffentlichen wir dann zum Vergleich, wie Public Affairs Management die zitierten Äußerungen beurteilt. Viel Spaß beim Benoten.

Soweit wird es nicht kommen, dass ich auf Bauern mehr höre als auf Wissenschaftler. (Bundesministerin Schavan zu einer Delegation deutscher Bauern, die mit ihr über die Gefahren genveränderten Saatguts sprechen wollten)

Wer mit der Straßenbahn von Böfingen zu McDonald’s fahren kann, der kann auch vollends zur Stadtbibliothek laufen. (Ulms OB Gönner über Kinder und Jugendliche, die oft eine Stadtteilbibliothek besuchen, die er schließen will)

Dieses Geld ist gut angelegt. (Die Stadträte Bühler (FWV), Waidmann (FDP), Pflüger (SPD) und Walter (CDU) über 90.000 Euro, die die Stadt Ulm ausgibt, um einen Turm anzuleuchten in Zeiten, in denen Ausgaben für Kinder und Jugendliche in erheblichem Umfang gekürzt werden.

Ach ja: Der Maßstab, den Public Affairs Management GmbH zur Bewertung der Äußerungen von Politikern verwendet, orientiert sich ganz ähnlich der Celcius-Temperaturskala an einem Nullpunkt. Diesen markiert ein Satz des Ulmer FDP-Stadtrates Erik Wischmann. In einer Diskussion über die Schließung eines Lehrschwimmbeckens an der Martin-Schaffner-Schule, an der 90 Prozent der Drittklässler noch nicht schwimmen können, begründete Herr Wischmann seine Entscheidung für eine Schließung des Bades mit den Worten :

Mir sind Kinder, die lesen können, lieber als Analphabeten mit Seepferdchen.

7.2.2010

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