Alexander Wetzig und die Überweisung

Alle Welt weiß, dass Staatsanwälte in Berlin, München und Ulm gegen Baubürgermeister Alexander Wetzig und den Planer der Pinakothek der Moderne Stephan Braunfels ermitteln.

Uns vom Stammtisch beschäftigten die Vorkommnisse selbstverständlich auch. Gestern zerbrachen wir uns die Köpfe, was die beiden Herren wohl zu ihrer Entlastung anführen könnten.

Die Wirklichkeit gibt es bekanntlich nicht. Es gibt nur verschiedene Sichtweisen. Deshalb versetzen wir uns gedanklich in den Protagonisten Wetzig und überlegen, wie könnte er erklären, dass er im Februar 2009 500.000 Euro von Stephan überwiesen bekam und im November 503.333 Euro an ihn zurück überwies.

Lesart 1: Das Geburtstagsgeschenk
Wissen Sie, Stephan und ich sind schon lange gut befreundet. Wie unter guten Freunden üblich, beschenken wir uns jedes Jahr zu Ostern, zu Weihnachten und zum Geburtstag. Letztes Jahr hat Stephan im Februar einen Pauschalbetrag sozusagen für alle Anlässe überwiesen. Ich habe hier noch den Dankesbrief, den ich ihm eigentlich schicken wollte. Wegen des großen Ärgers in Ulm blieb er aber unvollendet liegen Alles wegen der Donauuferbebauung durch die Agaplesion und dieser verleumderischen Bürgerinitiative, die mich als „ Mafioso der Woche“ beschimpfte. Als ich zufällig im November entdeckte, dass das Geld noch auf meinem Girokonto ist und ich mich bei Stephan dafür noch nicht bedankt hatte, überwies ich es (samt Zinsen) sofort zurück. Sich beschenken lassen und so lange kein Dankeschön sagen – das ist ungehörig.

Lesart 2: Bonuszahlung 2008
Als ich im Februar die 500.000 Euro auf meinem Kontoauszug sah, dachte ich: Ah, das kommt von der Stadt Ulm, das ist mein Bonus fürs vergangene Jahr. 2008 waren die Aufwandsentschädigungen für Gemeinderäte rückwirkend zum 1.7. um 50 Prozent angehoben worden. Ich glaubte mich daran zu erinnern, dass mein Chef Gönner in diesem Zusammenhang gesagt hat: auch dem Baubürgermeister gebührt für überragende Verdienste unsere Anerkennung. So freute ich mich neun Monate lang über einen vermeintlichen Baubürgermeisterbonus. Erst im November 2009 stellte ich durch eine genaue Prüfung meiner Kontovorgänge fest, dass die Überweisung von Stephan gekommen war. Eine telefonische Rückfrage ergab, dass sich einer seiner Mitarbeiter bei der Überweisung geirrt hat. Deshalb überwies ich das Geld plus die angefallenen Zinsen umgehend zurück auf Stephans Konto. Von meinem Chef Gönner war ich sehr enttäuscht, weil er seinen Worten keine Taten hatte folgen lassen.

Lesart 3: Die Rentenrücklage
Als das Landgericht München im Juni 2007 Stephans Klage gegen das Land Bayern auf Zahlung von Schadenersatz in Höhe von zehn Millionen Euro zurückwies, brach für ihn eine Welt zusammen. Ungestraft hatte der bayrische Kunstminister Zehetmair behauptet, Stephan habe beim Bau der Pinakothek der Moderne den Zeit- und Kostenplan nicht eingehalten. Die Folgen: Rufschädigung und vermasselte Geschäfte. Stephan hatte seinen Glauben an den Rechtsstaat verloren und wollte sobald wie möglich aus dem mörderischen Geschäftsleben aussteigen. Erst 2009 wurden seine Pläne konkreter. Um als Frührentner auf einer Insel leben zu können, wollte sich Stephan etwas Geld zur Seite legen. Das war der Grund, warum er mir als Treuhänder sozusagen im Februar 2009 die 500.000 Euro überwiesen hatte. In den kommenden Monaten überlegte sich Stephan die Sache noch einmal anders. Er wollte weitermachen. Die Rücklage war nun nicht mehr nötig und ich konnte sie zurück überweisen.

Lesart 4: Die Kooperationsgratifikation
Jahrelang hatten Stephan und ich in Ulm ausgezeichnet zusammengearbeitet. Zwei weltweit beachtete Gebäude entstanden in der Neuen Mitte. Ich war der städtische Planer, Stephan der geniale Architekt, zwei private Investoren waren die Bauherren. Ist es da unrechtmäßig oder moralisch verwerflich, wenn diese gute Kooperation honoriert wird? Diese Überweisung von Februar 2009 an mich war eine Gratifikation für exzellente Kooperation zum Wohle der Allgemeinheit. Dies als Bestechlichkeit oder Vorteilsannahme zu interpretieren ist juristisch und moralisch völlig unhaltbar. Dennoch überwies ich das Geld (samt Zinsen) im November 2009 an Stephan zurück, weil ich befürchtete, dass die Medien diesen ganz normalen Vorgang zum Skandal aufbauschen würden. Ich betone: Stephan und ich haben uns nicht das Geringste vorzuwerfen.

Haben Sie, verehrte Leserin und verehrter Leser, auch eine Theorie, wie das mit der Überweisung wirklich gewesen ist? Schreiben Sie uns. Die besten Ideen werden prämiert.

Übrigens soll sich bereits der bekannte Krimiautor Ulrich Ritzel des Stoffes angenommen haben. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfuhren, wird dieser Roman (Arbeitstitel: Die Ulmer Überweisung) der blutigste, den der Autor bisher geschrieben hat.

18.4.2010

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