Albrecht Ludwig Berblinger

Johannes Schweikle, Fallwind. Vom Absturz des Albrecht Ludwig Berblinger. Roman. Tübingen 2011. 183 Seiten. Klöpfer & Meyer. ISBN 978-3-86351-004-6

Die Geschichte Albrecht Ludwig Berblingers (1770-1829) kennen nur wenige. Er war einer der bedeutendsten Bürger Ulms, erfand einen Kinderwagen, eine Beinprothese (damals äußerst zweckmäßige Innovationen), vielleicht auch ein Klavier für Anfänger, genau wissen es die Historiker nicht. Seine genialste Idee aber, die ihn beinahe zu einem weltberühmten Mann gemacht hätte, war ein Hängegleiter.

Etliche Male hatte er dieses selbst erdachte und gebaute Fluggerät mit Erfolg an den Hängen des Michelsberges am nördlichen Ulmer Stadtrand ausprobiert. Als er am 31.5.1811 seine Fähigkeit zu fliegen vor großem Publikum an der Donau demonstrieren sollte, stürzte Berblinger in den Fluss.

Damit war er ein für alle Mal gescheitert, eine weitere Möglichkeit, die Funktionsfähigkeit seiner Erfindung unter Beweis zu stellen, gaben ihm die Bürger Ulms nicht. Verarmt und ausgezehrt starb er 18 Jahre später.

Dabei war es nur eine Kleinigkeit, die Berblinger 1811 zum Verhängnis geworden war: die thermischen Verhältnisse an der Adlerbastei über der Donau, die dort selbst bei wärmstem Wetter herrschenden stetigen Abwinde. Dieser wesentliche Umstand war dem „Schneider von Ulm“ unbekannt. Deshalb ging er nicht in die Geschichte ein, sondern wurde zur Spott- und Witzfigur einer einfältigen Bürgerschaft. 80 Jahre nach Berblingers Absturz gelang in Berlin Otto Lilienthal der erste Gleitflug.

Rechtzeitig zum diesjährigen Berblinger-Jubiläum, legte der Hamburger Journalist Johannes Schweikle einen 183 Seiten langen Roman vor, der Berblingers fehlgeschlagene Großtat ins Zentrum rückt.

In 24 kurzen Kapiteln erzählt der Roman „Fallwind“ in kleinen Szenen und Berichten vom Ulmer Flugpionier, seinem persönlichen Umfeld und der Stadtgesellschaft, in der er lebte. Schweikle durchforschte zwar das Stadtarchiv, bevor er sich ans Schreiben machte. Da die Quellenlage aber sehr lückenhaft ist, entstand eine größtenteils fiktive Erzählung. Ihm deswegen einen Vorwurf zu machen und ihm mangelnde historische Authentizität vorzuwerfen, ist unberechtigt und ignoriert die Intentionen Schweikles.

Der Autor will keine geschichtlich exakte Darstellung abliefern oder Geschichtsunterricht erteilen. Vielmehr erzählt er die Geschichte eines Mannes, der mit genialen Ideen, handwerklichem Geschick, Mut, Eigensinn und Beharrlichkeit gesegnet war, und der trotz dieser guten Voraussetzungen an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen scheitern musste. Die Dummheit und Unwissenheit seiner Mitmenschen, der Neid und die Missgunst führten zu Berblingers gesellschaftlichem Absturz, der dem Sturz in die Donau folgte.

Diesen Erzählabsichten folgend berichtet Schweikle vom Leben Berblingers nur sehr lückenhaft. Während der Kindheit des Flugpioniers ein wenig Raum im Roman eingeräumt wird, erfährt der Leser über Berblingers letzten 18 Jahre nichts. Wäre das wichtig gewesen, um zu zeigen, wie eng ruhmreiche Glanztat und totaler Absturz oft beieinander liegen?

Schweikle schreibt in einem puristischen sprachlichen Stil: Kurze, klar gebaute Sätze, keine überflüssigen Adjektive, anschaulich, ein Erzählstil, der sich durch fließende Übergänge zum Bericht auszeichnet.

Seine Beschreibungen wichtiger Personen sind skizzenhaft, treffen aber immer das Wesentliche. Zum Beispiel Schweikles Porträt des Ulmer Patriziers Wilhelm Neithard. Dieser ist ein bedeutender Unternehmer mit politischen Ämtern, seine Gesinnung ist eine ganz eigenwillige Mischung aus konservativen und opportunistischen Elementen.

Beeindruckend, wie Schweikle mit diesem Protagonisten eine Figur schafft, die in diametralem Gegensatz zu Berblinger steht: ideenlos, krampfhaftes Festhalten an alten Formen der Tuchproduktion, die Waren hervorbringt, die auf den Märkten immer weniger konkurrenzfähig sind.

In der Stadtgesellschaft aber ist dieser Mann sehr geachtet und einflussreich. Ein bisschen erinnert diese Figur auch an die Gegenwart der Donaustadt Ulm. So gelang Schweikle in wesentlich abgeschwächter Form etwas, was Anfang des 19. Jahrhundert dem Schneidermeister Berblinger wider Willen gelungen war: eine Provokation.

Literatur

Uwe Schmidt, Der geflügelte Mensch.
Am 19.2.2011 in „Zeit Online“ http://www.zeit.de/2011/08/Flugpionier-Berblinger

Max Eyth, Der Schneider von Ulm. Historischer Roman aus dem Jahr 1906
http://gutenberg.spiegel.de/buch/3847/1#ulm10

Wikipedia zu Berblinger
http://de.wikipedia.org/wiki/Albrecht_Ludwig_Berblinger

17.3.2011

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s