Ulmer Doktorarbeiten

Wir sind ja normalerweise genügsame Leser der Südwestpresse; gelegentlich verlangt es aber auch uns nach anspruchsvollerer Lektüre. So entstand die Idee, wissenschaftliche Arbeiten bedeutender Ulmer Zeitgenossen zu lesen und am Stammtisch zu besprechen. Wahrscheinlich spielte bei unserer Entscheidung für einen „Donaufisch Lektürekurs Doktorarbeiten“ auch eine Rolle, dass zurzeit immer mehr Angehörigen der politischen Elite Betrug bei der Anfertigung ihrer Dissertationen nachgewiesen wird (angefangen bei unserem ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU, über Matthias Pröfrock, CDU, bis hin zu Silvana Koch-Mehrin, FDP).

Wir vom DF sind überzeugt, dass unsere Ulmer Doktoren ihre akademischen Titel redlich erworben haben. Ihnen ging es nur um wissenschaftliche Erkenntnis und Fortschritt, nicht um den Erwerb eines Statussymbols. Sie arbeiteten gewissenhaft und mit tadelloser wissenschaftlicher Methodik. Von dieser festen Überzeugung beseelt, machten wir uns an die Lektüre der Arbeit des IHK-Präsidenten Dr. Peter Kulitz, der 1983 an der Juristischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen eine Dissertation mit dem Titel „Unternehmensspenden an politische Parteien“ vorgelegt hat.

Kulitz

In dieser Doktorarbeit geht es, kurz skizziert, um folgendes: Einem historischen Teil über die Spenden von Unternehmern in der Weimarer Republik, der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit folgt eine Darstellung, was unser heutiges Verfassungs- und Staatsrecht z.B. in Artikel 21 GG und im Parteiengesetz von 1967 zu den Aufgaben der Parteien und ihrer Finanzierung zu sagen hat. Verschiedene praktizierte Methoden werden aufgelistet, wie deutsche Parteien die Vorschrift des Parteiengesetzes, alle Spender in ihren Rechenschaftsberichten ab 20.000 DM namentlich zu nennen, umgangen haben. Ein kurzer Blick (12 ½ Seiten) wird auf Unternehmensspenden in den USA geworfen. Steuerliche Aspekte von Unternehmensspenden und eine unternehmensrechtliche Betrachtung bilden die beiden letzten Kapitel.

Wie unsere Stammtischanalyse und unser Meinungsaustausch über „Unternehmensspenden an politische Parteien“ verliefen?

Es begann vernünftig und endete bald im Streit. Dr. Klöbner, dieser alte Rechthaber, zählte mit hochrotem Kopf und geschwollenen Stirnadern, viele vermeintlichen Nachteile der Doktorarbeit von Dr. Peter Kulitz auf:

„Zieht von den 196 Seiten 20 Seiten für Inhalts-und Abkürzungsverzeichnis sowie Vorwort ab, 10 Seiten für die Auflistung der nur teilweise gelesenen Literatur, dann habt ihr noch 166 Seiten Text. Alle Anmerkungen in Fußnoten machen etwa 25 Prozent, also etwa 40 Seiten aus. Das heißt: diese Doktorarbeit zählt läppische 126 Seiten.“

Der Wirt unterbrach ihn energisch mit dem Einwand: „In der Kürze liegt die Würze, Herr Dr. Klöbner!“

„Das Wesentliche aber ist“, so fuhr Dr. Klöbner fort, “diese Arbeit bringt keine einzige neue Erkenntnis. Sie resümiert lediglich, was von anderen an anderer Stelle bereits gesagt wurde. Das Kapitel über die Geschichte der Unternehmerspende in der Weimarer Republik und in Nazideutschland wäre von keinem Lehrstuhlinhaber der Geschichtswissenschaft als Proseminararbeit akzeptiert worden. Kulitz zitiert das Handbuch von Gebhardt! Das ist so, wie wenn ein Germanist als Quelle den Duden angeben würde.“

„Aber“, so unterbrach ihn Quasselstrippe, der Wirt, “ich habe aus keinem Buch so viel darüber gelernt, wie ich mir eine Partei kaufen, dies geheim halten und steuerlich geltend machen kann. Die meisten Bücher sind nicht so nützlich“.

„Nützlich? Hier geht es ums wissenschaftliche Arbeiten und nicht um die Frage, ob etwas nützt oder nicht“, redete sich Dr. Klöbner immer mehr in Rage. „Da wird eine Seite lang Franz Josef Strauß zitiert, seitenweise wird aus dem Spiegel, Der Welt, der Wirtschaftswoche, der FAZ, der FR und der Fernsehsendung „Panorama“ zitiert. Ja, was ist denn das für eine wissenschaftliche Arbeitsmethodik? Da fehlt nur noch, dass er die Bildzeitung als Quelle heranzieht oder persönliche Äußerungen seines Großvaters!“

„Sie tun Dr. Kulitz unrecht. Unser IHK-Präsident ist ein guter Mann!“ Mit diesen Worten verschaffte sich der Wirt wiederum Gehör. „Unser Präsident Kulitz war an einer anthroposophischen Schule und hat dort Häkeln und Stricken gelernt. Sein Schwiegervater Dr. Siegfried Ernst war einer der respektiertesten Konservativen Ulms. Schon seit Jahren fordert Kulitz, dass wieder Moral in die Politik zurückkehre. So jemand kann gar keine schlechte Doktorarbeit geschrieben haben, Sie alter Oberlehrer!“

Die beiden würden sich wohl heute noch streiten, wenn Nimrod nicht den heftigen Disput mit einem salomonischen Vorschlag beendet hätte: „Schickt doch die Dissertation von Peter Kulitz an VroniPlag Wiki. Dort wird von Fachleuten sicher bald der Beweis erbracht, dass die Arbeit des Ulmer IHK-Präsidenten tatsächlich eine einwandfreie wissenschaftliche Arbeit ist.“

So geschah es und gespannt erwarten wir vom Donaufisch das Ergebnis der kompetenten Prüfung, die ein Stammtisch eben doch nicht ganz leisten kann. Unser Lektürekurs aber geht weiter.

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Kommen Sie zu unserem „Donaufisch Lektürekurs Doktorarbeiten“; immer sonntags von 10 bis 12 Uhr. Jeder kann mitmachen. Unsre nächste Lektüre stammt aus der Feder der amtierenden Bundesbildungsministerin. Bitte besorgen und lesen:

Annette Schavan, Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung. 351 Seiten. Frankfurt 1980. Neuausgabe Freiburg 1998

Im Juni geht es dann um die Dissertation von Dr. Georg Nüßlein (CSU), Konzernkonstituierende Leitung. 1998. 181 Seiten.

Im Juli steht die Doktorarbeit unseres Aushilfskellners Dr. Hermann Klöbner zur Diskussion. Er fertigte eine Dissertation zum Thema „Propositionaler Akt, Referenz und Prädikation bei John Rogers Searle unter besonderer Berücksichtigung der Einflüsse des sprachphilosophischen Konzeptes Ludwig Josef Johann Wittgensteins“. Heidelberg 2004. 748 Seiten.

14.4.2011

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