Meine Südwest Presse

Ob individuelles oder kollektives Pfeifen im Walde – die SWP meldet und kommentiert es sofort.

Südwest Presse Ulm

Ich kenne einige deutsche Tageszeitungen, darunter welche mit regionaler und überregionaler Verbreitung. Keine Zeitung ist mir aber – selbst nach jahrelanger Lektüre- so ans Herz gewachsen wie die Südwest Presse.

Woran das liegt? Darauf gibt es eine einfache Antwort: an der Lokalausgabe für die Donaustadt Ulm. Oder noch genauer: an wenigen Redakteuren, die eine Sprachkultur und Art der Berichterstattung pflegen, die in Deutschland als einzigartig gelten darf.

Nehmen wir z.B. den Redakteur Hans-Uli Mayer. Er schrieb am 30.März 2011 zwei Beiträge auf der ersten Seite der Lokalausgabe über den ASB in Ulm, der seit einigen Jahren in einer bedrohlichen finanziellen Krise steckt. Jeder gewöhnliche Redakteur würden dem Leser einen Bericht und einen Kommentar vorsetzen, in dem der Umfang der Krise, deren Ursachen und die Verantwortlichen genannt werden. Nicht so der SWP-Redakteur Mayer.

Er schafft es, alles Wesentliche im Dunkeln zu belassen. Alleine durch Andeutungen („Millionenverluste“, „harte Auseinandersetzungen“, „offene Feindschaften“, „Verantwortliche, die komplett den Überblick verloren“) weckt Herr Mayer Interesse und erzeugt Spannung, lässt aber völlig offen, ob Mitbürger, Ulmer SPD-Mitglieder oder gar Außerirdische für das finanzielle Desaster beim ASB verantwortlich waren.

Genau darin liegt nun die große Leistung dieses Journalisten. Bei ihm ist der Leser gefordert. Mit der passiven Haltung des Konsumenten kommt hier keiner durch. Der Leser muss mitdenken, sein lokalgeschichtliches Wissen aktivieren, notfalls mit anderen kommunizieren oder selbst recherchieren. Auf diese Weise kommt es zu einer beispiellosen Mobilisierung des Lesers, wie sie andere Journalisten mit herkömmlichen Texten nie erreichen können.

Sind es in diesem Beispiel Inhalte bzw. inhaltliche Lücken, mit denen der passive zum aktiven Leser gebildet wird, nutzt ein anderer Redakteur raffinierteste stilistische Mittel, um einen Beitrag zur emanzipatorischen Erziehung der Leserschaft zu leisten. Jakob Resch ist ein wahrer Meister dieses Verfahrens. So kommentierte er die Diskussion über den in Ulm geplanten Straßenbahnausbau mit den Worten:

„Damals…zerfleischten sich die Stadträte…Jetzt ist es vielmehr so, dass sie sich mit einem kollektiven Pfeifen im Walde gegenseitig und vorzeitig Mut zusprechen und sich so in Stellung gegenüber möglichem Gegenwind von draußen bringen“ (SWP 31.3.2011, erste Lokalseite).

Sie müssen sich, verehrte Leser, einmal dieses ausdrucksstarke Bild vor ihr geistiges Auge führen: Stadträte, die sich vor nicht allzu langer Zeit noch zerfleischten, sprechen sich jetzt „gegenseitig und vorzeitig“ Mut zu. Und wie machen sie das? Durch ein „kollektives Pfeifen im Walde“. Und dieses „kollektive Pfeifen“ vermag noch mehr: Es bringt die Stadträte „in Stellung gegenüber möglichem Gegenwind von draußen“.

Originalität und Kraft solcher Bilder bewirken, dass dem Leser der Tageszeitung schon morgens die Kaffeetasse samt Löffel aus der Hand fallen und ihn diese Chiffren (das ist wohl die treffendste Bezeichnung für Reschs magische Bilder) den ganzen Tag und länger beschäftigen.

Gibt es eine Formulierung, die einprägsamer die Geschlossenheit der Gemeinderäte und ihre Bereitschaft zur Verteidigung eines gemeinsamen Planes zum Ausdruck bringt?

Können andere Worte präziser fassen, wie stark der zu erwartende Widerstand aus der Gesellschaft sein wird („Gegenwind von draußen“) und wie groß die Entschlossenheit, ihm entgegenzutreten?

Solche stilistisch außergewöhnlichen Mittel setzten einen Reflexionsprozess beim Zeitungsleser in Gang. Dieser Stil führt zu einer Aktivierung, an deren Ende nur ein emanzipierter Leser stehen kann.

Die SWP Ulm verfügt über eine Handvoll Spezialisten, die die ehrgeizige Strategie einer Art moderner Aufklärung verfolgen. Deshalb liebe ich meine Tageszeitung über alles.

22.4.2011

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