Der Alte Friedhof

oder: Das Konzept zur Neugestaltung

AlterFriedhofUlm

Im Ostteil Ulms liegt eingebettet zwischen katholischer Georgskirche und evangelischer Pauluskirche ein annähernd 40.000 Quadratmeter großer Park, „Alter Friedhof“ genannt. Seit 77 Jahren nutzen die Bürger ihn als Grünanlage. Immer noch findet man dort 172 Grabstätten, darunter im nördlichen Teil auch jüdische.

Als idyllischen Ort mitten in der Stadt sehen den Alten Friedhof nur sentimentale Alte. Menschen mit nüchterner Perspektive erblicken etwas anderes: einen wilden Park mit kranken alten Bäumen und einer zu üppig wuchernden Vegetation, schlechten Wegen mit uneinheitlichem Belag und miserabler Beleuchtung, schadhafte Parkbänke sowie Grabsteine und Mauern, die kaum noch saniert werden können. Im Auftrag der Stadt fertigte der Gartenarchitekt Edmund Spengler eine Bestandsaufnahme mit Sanierungskonzept, die er Mitte Juli 2011 der Öffentlichkeit vorgelegte. Fazit des 51 Seiten langen und sehr reich bebilderten Berichtes:

Viele alte Bäume sind krank und sollten entfernt werden; aber auch gesunde alte Bäume müssen zum Teil durch neue ersetzt werden, weil eine Verjüngung nottut. Überhaupt gefällt dem Gartenarchitekten nicht, dass der Park von außen schlecht eingesehen werden kann. Deshalb sei eine Auslichtung dringend erforderlich.

Recht hat Edmund Spengler. In einem Park sollten auf gar keinen Fall zu viele Bäume stehen. Schließlich handelt es sich um einen Park, nicht um einen Wald. Und über Spenglers zweiten Vorschlag sind sich nun wirklich alle einig: Nur ein sehr lichter Park ist ein guter Park. Grade im Hochsommer, wo jeder gern an einem heißen Plätzchen im Freien weilt, können viele Besucher des Alten Friedhofes die Sonne nicht richtig genießen, weil das Blätterdach der überdimensionalen Bäume viel zu dicht ist. Zudem wird dem eiligen Passanten der Einblick in den Park durch die wild sprießende Vegetation verwehrt. Eine nicht hinnehmbare Benachteiligung!

Unsere Stammtischschwester Lucie Lu ist in ihren Vorstellungen, was aus dem Ulmer Alten Friedhof werden soll, noch viel radikaler als der Gartenarchitekt. Für Lucie gehören langweilige alte Parks der Vergangenheit an. Der Alte Friedhof sollte ihrer Meinung nach der erste Park der Donaustadt sein, der nach einem zeitgemäßen Konzept gestaltet wird. Mit großem Engagement sagte Lucie (sie schreibt hauptberuflich für die Wiener Kunstzeitschrift „Ästhetische Kategorien“)neulich am Stammtisch:

„Der bürgerliche Park des 19. Jahrhunderts muss in eine postmoderne Regenerationszone umgewandelt werden, die dem Menschen ganz innovative Formen der Freizeitgestaltung bietet. Mit Baubürgermeister Alexander Wetzig verfügt Ulm über einen international anerkannten Stadtplaner und Sichtbetonspezialisten, der bereits mit der Gestaltung des Ulmer Münsterplatzes und des Hans-und-Sophie-Schollplatzes neue Maßstäbe setzte.“

MeierbauUlm

Auf unseren Fotos oben erhalten Sie, verehrter Leser, einen ersten Eindruck vom Alten Friedhof und von der postmodernen Platzgestaltung in Ulm durch Alexander Wetzig. Wie dem Betrachter sofort auffällt, wird auf den Ulmer Plätzen auf Elemente der Flora fast gänzlich verzichtet. Aus gutem Grund.

Pflanzen und Natur symbolisieren das Triebhafte, Geile, Unkontrollierbare, kurzum das Chaos. Wie sagt Walter Faber über die widerliche Natur in einem Roman Max Frischs: „Überall, wo man hinspuckt, keimt es.“ Die hässliche Natur ist der Feind von Geist und Kultur, von postmodernem Menschen und Zivilisation. Deshalb hat sie im innovativen Ulm der Gegenwart nichts zu suchen.

Neben diesem Aspekt sollte bei der Neugestaltung des Alten Friedhofes Berücksichtigung finden, dass auch postmoderne Parks über Multifunktionalität, optimale Aufenthaltsqualität für alle sozialen Gruppen sowie eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz verfügen müssen. Eine plane Fläche, mit edlem Stein (aus China?) gepflastert und mit nur wenigen Pflanzkübeln (Palmen?) geschmückt, würde auch den Pflegeaufwand und somit die Kosten für die Stadt Ulm erheblich reduzieren.

KunsthalleWeishauptUlm

Auf dem Foto sehen Sie die Nordseite der Ulmer Kunsthalle Weishaupt. Auch sie ist ein wunderbares Beispiel für die mächtige Wirkung planer Flächen auf den menschlichen Geist, der nur so ein Optimum an analytischem Denkvermögen entfalten kann.

6.9.2011

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