Der Heilige Antonius wohnt in Ulm

Alle Stammtischbesucher haben geweint. Grund war eine wunderbare Legende, die der Hofdichter Hans-Uli Thierer vor wenigen Tagen für das städtische Volk gedichtet hat.

Dieser Legende nach irrte König Ivo als Bettler verkleidet durch Ulm, um selbst zu hören, was das Volk begehre und brauche. Da schleppte sich ein Lahmer auf Krücken zum verkleideten König und übergab dem erbärmlich aussehenden Bettler aus Mitleid eine verlorene Geldbörse, damit dieser nach eigenem Gutdünken über die Börse und deren Inhalt (ein beträchtliches Vermögen an Gönnergulden) verfüge.

Doch statt sich des wertvollen Inhalts zu bemächtigen und damit frommes Werk in der Donaustadt zu vollbringen und seinen Ruhm zu mehren, telefonierte der König mit dem Besitzer der Geldbörse, einem Studenten, der anhand einiger Dokumente vom Zeremonienmeister des Königs Walter Laitenberger schnell ermittelt war.

Überglücklich war der Studiosus, der seine Börse durch einen reitenden Boten des Rathauses wenig später wieder in Empfang nehmen konnte.Während der König sittsam über seine großmütige Tat Stillschweigen bewahren wollte, hielt es der Hofpoet für seine Pflicht, das Volk über die Güte und Größe seines Königs zu unterrichten.

Unserem König, von dessen selbstloser Tat in ganz Europa bald jedes Kind wusste (dank jener bezaubernden Legende des Poeten Thierer) wurde von Papst Benedikt zum irdischen Gehilfen des Heiligen Antonius ernannt. Doch damit nicht genug:

Der Heilige Antonius (umgangssprachlich auch der Schlampertoni) ist bekanntlich der Schutzpatron der Bäcker, Schweinehirten und Sozialarbeiter. Er wird bei Unfruchtbarkeit und Viehkrankheiten sowie für das Wiederauffinden verlorener Gegenstände angerufen. In Ulmer Stadtteil Unterweiler steht eine Kirche, die dem Heiligen Antonius geweiht ist. Dorthin sollen zukünftig unzählige Wallfahrten führen, die der Student organisieren möchte, um auf diesem Weise dem Stadtkönig zu danken.

König Gönner will in seiner Bescheidenheit von all den Ehren nichts wissen. Selbstlos wie immer kommentierte er: „ Mögen die zu erwartenden vielen Pilger den Wohlstand Ulms und den Ruhm der Stadt in der Welt mehren. Dann können wir mit der daraus dem Herrscherhaus zufließenden Gewerbesteuer den Notleidenden helfen. Als Gehilfe Antonius‘ ist mir nur dies eine Herzensangelegenheit“.

Der Wirt von Gasthaus Donaufisch aber errichtete, kurz nachdem sich die allgemeine Rührung wieder etwas gelegt hatte, vor dem Gasthof einen kleinen Altar, an dem die Gäste dem Gehilfen Antonius‘ still gedenken können. In einem Glaskasten daneben kann der Besucher die auf Pergament geschriebene Legende des Hofdichters Thierer lesen.

Auf diese Weise kam Ulms Stadtkönig zu neuen Ehren und die Spatzenstadt Ulm zu einer neuen Marketingstrategie: „Antonius als Marke“ sozusagen. Wessen Herz könnte da widerstehen?

Uns vom Stammtisch bleibt dagegen eine bange Frage: Wird Ivo Gönner vorzeitig aus der Königsherrschaft in Ulm ausscheiden und eine Karriere als Berufsheiliger im Höchsten Kirchendienst antreten?

2.9.11

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