Städtebau und Stadtzerstörung in Ulm

Ich halte Beton für das edelste Material in der Architektur…Es ist…die teuerste Materialität, die man umsetzen kann. Es ist halt wahnsinnig schwer, guten Sichtbeton zu machen. Aber wenn es dann gelingt, hat es etwas, was kein anderes Material schafft: eine starke innere Plastizität und Kraft, eine – sozusagen – monolithische, pulsierende Skulpturalität, und das Gebäude ist eine große begehbare Skulptur…“

(Stephan Braunfels in einem YouTube Video über das Paul-Löbe-Haus in Berlin. 12.04.2009)

Wer so redet, kann keine menschlichen Behausungen schaffen, Häuser, Wohnungen und eine Umgebung, in der sich Menschen geborgen und wohlfühlen. Die von ihm errichteten Bauten und die Materialien sind kühl und zweckmäßig.

Er baut nicht für Menschen. Er baut, um sein Ansehen und seinen Ruhm zu vergrößern. Er möchte in der Welt der Architektur etwas bedeuten, nicht Diener der Menschen sein. Industrie- und Großmarkthallen, Bürokuben, öffentliche Gebäude – das vermag er zu planen und hinstellen zu lassen. Die Menschen aber spüren: Es gibt schon zu viel Utilitarismus in ihrer Welt.

Die Menschen haben keine Freude an Denkmälern aus Beton und Glas. Und sie lieben die Vielfalt, die von Vertretern dieser Architektur systematisch zerstört wird. Der Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig ist ein Jünger Braunfels. Also dürfen die Menschen in der Stadt von ihm nichts erwarten, was ihnen gefällt und was sie lieben könnten.

Ulm wurde in seiner Geschichte einige Male zerstört. Zuletzt am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Bomben. Nun wird es erneut zerstört. Von ästhetischen Normen, denen nur eine kleine, abgehobene, elitär denkende Minderheit anhängt. Und von Volksvertretern im Gemeinderat, die diesen Prozess nicht nur hinnehmen, sondern unterstützen, weil sie sich durch einen Blender Geschmacksempfinden und Urteilsfähigkeit haben lähmen lassen.

Nach jeder Zerstörung wurde Ulm neu aufgebaut. Wenn Wetzig und Gönner die Stadt verlassen haben werden und in dreißig, vierzig Jahren die Finanzlage der Donaustadt vielleicht gut sein wird, können die Menschen sich daran machen, die architektonischen Untaten der Jahre 1991-2015 zu beseitigen. Ein kleiner Trost.

„Städtische Region wird […] mehr und mehr zum kontrastlosen, einzigen und ausschließlichen Lebensraum für Millionen von Menschen. So vollständig, dass auch alle Naturprodukte, alles was an Naturprozesse erinnert, in technischer Aufbereitung, Verpackung erscheint.“

(Alexander Mitscherlich. Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Seite 52)

Wer in Ulm glaubt, die Wetzigsche Stadtzerstörung sei bereits vollbracht, täuscht sich. Die Gebäude von Stephan Braunfels und Wolfram Wöhr in der Neuen Mitte waren nur der Auftakt.

Jetzt geht es richtig los:
– mit dem kasernenartigen Neubau der Sparkasse im Zentrum,
– mit einer siebenstöckigen Schachtel Ecke Neue Straße / Frauenstraße,
– mit überdimensionierten Bauten, die sich nicht in die gewachsene Wohnumgebung einfügen in der Marchtalerstraße, in der Königsstraße und im Türmle.

Danach wird noch vor Erreichen des Ruhestandes vom Sichtbetonspezialisten Wetzig mit der Verunstaltung des Bahnhofviertels begonnen.

Den Ulmer Bürgern stehen harte Zeiten bevor.

Auf den Fotos sehen Sie das „Münstertor“, ein von Stephan Braunfels für den Unternehmer Inhofer direkt am Ulmer Münster errichtetes Gebäude. Das zweite Foto zeigt das Inhoferhaus aus Nordwesten, das erste Foto von Osten.

InhoferUlm

InhoferUlm1

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Lektüreempfehlung:

Jacobs, Jane. The death and life of great american cities. New York 1961

Mitscherlich, Alexander. Die Unwirtlichkeit unsrer Städte. Frankfurt 1969

Siedler, Wolf Jobst. Die gemordete Stadt. Berlin 1964

5.10.2011

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