Verunstaltete Sprache

 

In seinem kurzen Aufsatz „Die fatale Kunst, nichts zu sagen“ beschäftigt sich der Tübinger Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer mit der Verarmung der Gegenwartssprache. Seine Diagnose lautet: das Gefühl für Stimmigkeit geht den Schreibern und Sprechern verloren.

Statt von „Kollegen“ werde von „strategischen Partnerschaften“ gesprochen, aus „Nachdenken über Zusammenhänge“ werde „Nachhaltigkeitsphilosophie“.

Wie ein literarischer Text, der aus der Bibel stammt, in „bürokratische Un-Menschen-Sprache“ übersetzt klingt, demonstriert Wertheimer an einem Beispiel:

In der Bibel heißt es:
„Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel zu grämen, und wer viel lernt, der muss viel leiden“ (Kohelet 1,18)

Die verunstaltete Version:
„Angeborene oder erlernte intellektuelle Fähigkeiten stehen nicht notwendigerweise in einem ausgeglichenen Verhältnis zu daraus erwachsenden emotionalen Befindlichkeiten. Die Steigerung der kognitiven Fähigkeiten kann im Ausnahmefall sogar zu einer Erhöhung der affektiven Sensibilität führen.“

Im Juli 2012 erscheint in der Südwest Presse ein Kommentar zur finanziellen Situation der Stadt Ulm mit dem Titel: „Stadthaushalt: Unheimliches Ulm“.

Der Verfasser will in seinem Kommentar ausdrücken, dass es Ulm finanziell sehr gut geht, neue Schulden vermieden und Altschulden getilgt werden können und die Stadt sogar noch in der Lage ist, Millionen zu investieren. Während der Finanzbürgermeister sparsam mit dem Geld umgehe, müsse befürchtet werden, dass die Stadträte unfähig seien, sich angesichts der guten Haushaltslage zu mäßigen.

Statt diese Meinung klar und verständlich zu Papier zu bringen, quält der überforderte Journalist seine Leser mit teils hilflosem, teils unverständlichem Gestammel.

In dem Text, der nur um weniges gekürzt wurde, heißt es:

„Es ist ja schon irgendwie unheimlich, dass um einen herum täglich die Welt untergeht, während in Ulm heiter bis fröhlich der Aufbruch in eine immer noch glorreichere Zukunft gefeiert wird, und das auch noch buchstäblich mit gutem Grund: Eine neue Schuldenaufnahme ist nicht nötig, der Schuldenstand wird vielmehr weiter zurückgeführt…

Es ist in Anbetracht dieser Lage irritierend, dass Kanzlerin Merkel ihren Wohnsitz noch nicht nach Ulm verlegt hat, findet sie hier im Kampf gegen die Schuldenfront doch die von ihr gerühmte „schwäbische Hausfrau“ auf das Bodenständigste beheimatet.

Es folgt Teil zwei der Wahrheit, der noch unheimlicher ist. Während die Stadt Schulden tilgt, tätigt sie Millionen-Investitionen, als gäbe es keine Zinsen und Steuern weiter reichlich. Was soll man davon halten? Schwierige Frage. Doch Begriffe wie „Maß halten“ und „Prioritäten setzen“, die die Finanzverwaltung vorgibt, sind viel zu lange in der Welt, als dass sie nicht auch mal das Heft des Handelns in Ulm bestimmen sollten…

Nun gut: 160 Millionen Euro sind die Schulden-Obergrenze, die sich die Stadträte selbst gesetzt haben. Bei 100 Millionen hat man damit einen Puffer von 60. Au weia. Wer schützt die Stadträte vor sich selbst?“
(Südwest Presse/17.7.2012)

Der Wortschatz des Verfassers stammt aus den verschiedensten Bereichen: der Technokraten- und Bürokratensprache („der Schuldenstand wird zurückgeführt“), der Sprache von Comics („Au weia“), der Kriegsberichterstattung („Kampf gegen die Schuldenfront“), der Umgangssprache („irgendwie unheimlich“).

Missglückte Bilder („Begriffe wie Maßhalten und Prioritäten setzen (sollten) auch mal das Heft des Handelns in Ulm bestimmen“) verunstalten den Text ebenso wie lächerliche Ausdrucksweisen („Es folgt Teil zwei der Wahrheit, der noch unheimlicher ist“) oder völlig absurde Gedanken. („irritierend, dass die Kanzlerin ihren Wohnsitz noch nicht nach Ulm verlegt hat“)

Offensichtlich schafft es der Verfasser nicht, seine Person zurückzustellen. Sein krampfhaftes Bemühen um Originalität wird in jedem Satz erkennbar. Der Text ist ein gutes Beispiel dafür, was der Tübinger Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer als Verlust des Gefühls für die Stimmigkeit der Sprache bezeichnet.

Werden die Artikel von Fachwissenschaftlern, die die SWP veröffentlicht, von Journalisten der Ulmer Lokalredaktion überhaupt gelesen?

Quellen:

(1) Jürgen Wertheimer, Die fatale Kunst nichts zu sagen. SWP/9.8.12

(2) Unheimliches Ulm. SWP/17.7.2012

9.8.2012

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