Besuch vom Mars

Viele dachten, es handle sich um eine öffentliche Probe. „Warten auf Godot“ an der Chirurgischen Universitätsklinik Ulm:

Eine Karosse fährt am Haupteingang vor. Dort sitzt – einem Sumo-Ringer gleich – ein stark übergewichtiger Mann in kurzen Hosen und Sandalen. Aus seinen Kleidungsstücken dringen Schläuche, neben ihm ein mobiler Infusionsständer behängt mit Flaschen und Beuteln. Dem vorgefahrenen Auto entsteigt ein dünner, gepflegter Herr.

Ohne Umschweife eilt er zum Dicken. Der hat seine riesigen Hände auf die nackten Oberschenkel gelegt, der Ankömmling setzt sich ungefragt neben ihn auf die Bank, legt jovial sein linkes Händchen auf den mächtigen Arm des Sumo-Ringers und fängt an, schnell und ohne Luft zu holen in breitem Schwäbisch wie eine verrostete Trompete auf den überrumpelten Riesen einzureden.

Nein, das war keine Probe des Theaterensembles unter dem Intendanten Andreas von Studnitz. Das war die Ankunft von EU-Kommissar Günther Oettinger am 29.9. 2012 an der neuen Chirurgische Universitätsklinik Ulm.

Weswegen kam der Energiekommissar überhaupt?

Wollte er sich operieren lassen? Überprüfen, ob in der Klinik überall Energiesparlampen verwendet werden? Wollte er den Ärzten erläutern, dass die geplante Energiewende, so wie sie von der Bundesregierung betrieben wird, keinen Erfolg haben könne und der Atomausstieg falsch sei? Oder wollte er genießen, dass ihn die Ulmer Anhänger mit Respekt und Ehrfurcht behandeln, während er in Berlin und Brüssel oft nur Spott zu spüren bekommt?

Eine Antwort auf diese drängende Frage, weiß ein Redakteur der Südwest Presse Ulm. Am 1.10. schreibt er in der Printausgabe der SWP:

Die einstündige Besichtigung „findet statt, nicht etwa, weil Oettinger zum Eröffnungsakt im Mai, dem am 15.Juni an einem einzigen Tag der unter Regie des Geschäftsführers des neuen Chirurgiezentrums, Prof. Florian Gebhard, generalstabsmäßig vorbereitete Umzug vom Safranberg folgte, vergessen worden wäre. Vielmehr sollten Kollisionen mit Oettingers Nachnachfolger, dem Grünen Winfried Kretschmann vermieden werden.“

(Obwohl der Artikel der Südwest Presse keinen Verfasser nennt, erkennt der geübte Leser dieser Zeitung, aus wessen Feder der Bericht stammt. In der Lokalredaktion ist nur ein Redakteur zu stilistisch so einzigartiger Syntax und Ausdrucksweise fähig)

Mit anderen Worten: Günther Oettinger war zur Eröffnung im Mai 2012 zwar eingeladen, wollte aber nicht kommen, weil bei diesem Termin Ministerpräsident Kretschmann anwesend war. Und so kam Kommissar Oettinger eben vier Monate später; der Hofstaat begleitete ihn auf seinem Rundgang durch die Chirurgie.

Die Landtagsabgeordnete, der Fraktionschef, die Parteivorsitzenden, der Vorstand des Klinikums, der kaufmännische Direktor, der Chef der Chirurgie – alle waren da, alle wurde in der Presse erwähnt und fast alle durften mit aufs Foto. Die zwei Medizinprofessoren erbaten EU-Gelder für die Forschung, zusagen wollte der Herr Oettinger indes nur, dass er sich in Brüssel (wie unser Stilist schreibt) als „Türöffner“ für die Ulmer Uniklinik in Brüssel betätigen werde.

Zur Strafe mussten die Herren und die eine Dame dann Oettingers abgestandenen Geschichten über Trinkgelage vor wichtigen Entscheidungen und lustige Vorkommnisse bei Fraktionssitzungen lauschen. Den Stilisten inspirierten Günthers Jugendschwänke. Er versah seinen Artikel über die Besichtigung mit dem Titel: „In Ulm wird der Mars besiedelt“ Untertitel: „Beobachtungen beim Besuch der neuen Chirurgie…“.

Wir vom Gasthaus DF hätte als Überschrift für Oettingers Show-Veranstaltung „Besuch vom Mars“ vorgeschlagen. Die Absurdität dieses Theaters wäre noch besser zum Ausdruck gekommen.

Wird Ihnen, verehrte Leser, nicht manchmal bange bei der Vorstellung, dass solche Menschen wie Günther Oettinger in Brüssel darüber mitentscheiden, was aus unserem Währungssystem wird und wie viele Billionen Euro zur Stützung maroder Staatshaushalte aufgebracht werden müssen?

2.10.2012

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: