Außergewöhnliche Maßnahmen

oder: Der Ulmer Biber

Seit jeher hält die Evolution Überraschungen für uns bereit. Über Generationen verändert sie die Merkmale von Lebewesen, lässt Arten aussterben und neue entstehen. Vorhandene Lebewesen einer Art verändern ihre Gestalt oder ihre Lebensgewohnheiten. Erst die Anpassung an eine andere Umwelt gewährleistet das Weiterleben.

Die Erkenntnisse der Evolutionstheorie nutzt nun auch die Ulmer Stadtverwaltung. Sie will damit Probleme lösen, die bisher als unlösbar galten.

Die derzeit gravierendsten Probleme der Donaustadt sind – nicht der abspringende Sedelhofinvestor MAB,  der nicht finanzierbare Citybahnhof,  die überschuldeten Stadtwerke, die kundenfeindliche Sparkasse, die neue Tramlinie zur Uni, die nicht rechtzeitig fertiggestellt wird, um Fördergelder zu erhalten – , sondern die Biber, die sich seit 2001 im Stadtgebiet angesiedelt haben. 100 Exemplare dieser prächtigen Art gibt es bereits und ihre Lust, sich zu mehren und neue Stadtgebiete in Besitz zu nehmen, scheint grenzenlos.

Der beliebteste städtische Park der Stadt, die Friedrichsau, wurde von zahlreichen Biberfamilien okkupiert. 100 geschützte Bäume fielen unbändigem Trieb zum Opfer, 1200 Bäume stehen  noch. Wie lange der eilends errichtete Drahtschutz die munteren Tiere abhalten kann, vermag niemand zu sagen.

Uferwege an Auseen mussten von der Stadtverwaltung gesperrt werden, da der Biber sie unterwühlt  und damit sogar Kinderspielplätze in unsicheres Terrain verwandelt hat. Umfangreiche Grabungsarbeiten wurden durch die Behörden eingeleitet, ein Stahlgitter vier Meter tief in den Boden eingelassen (auf einer Länge von drei Kilometern!), um den Nager am weiteren unterirdischen Vordringen zu hindern.

Ulms pensionierter Kreisjägermeister Siegfried Keppler von der CDU-Rathaus-Fraktion würde die Viecher am liebsten abknallen, traut sich aber nicht, das öffentlich zu sagen, weil er mit diesem Vorschlag zum Bruch geltenden Rechts aufforderte. Schließlich zählt das Bundesnaturschutzgesetz den Biber zu den besonders geschützten Arten und verbietet, ihm nachzustellen, ihn zu fangen oder zu töten.

Also, was tun?  In Ulm gilt wie überall in der Republik: Wenn du nicht mehr weiterweißt, gründe einen Arbeitskreis. Während nun die Damen und Herren der Biberkommission des Ulmer Gemeinderates beraten, dass die Köpfe rauchen, Experten aus der ganzen Welt anhören und täglich den Fortgang sinnloser Grabungsarbeiten in der Friedrichsau in Augenschein nehmen, hat Ulms Oberbürgermeister  außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen.

Unter Berufung auf eine EU-Richtlinie veranlasste Gönner in Ulm, dass für Wasservögel, also Enten, Gänse, Möwen und Schwäne, ein Fütterungsverbot erlassen wird. Schlau wie unser OB nun einmal ist, verbarg er – zur Vermeidung unnötiger Konflikte – seine Absichten hinter Begründungen, die nur für die Öffentlichkeit bestimmt sind: es gelte, städtisches Recht mit EU-Recht zu harmonisieren; Wasservögel müssten vor falscher Ernährung, die Donau vor bakterieller Verseuchung durch Nahrungsreste geschützt werden.

In Wirklichkeit setzt der Oberbürgermeister auf die biologische Theorie der Evolution, die in unserem konkreten Fall besagt: Finden Enten, Gänse, Möwen und Schwäne keine ausreichende pflanzliche Nahrung an der Donau, werden sie auch tierische Nahrung fressen. Sie verstehen nun, wie in Ulm mit einer langfristigen Strategie das Problem einer Biberüberpopulation gelöst werden soll. Wieder einmal zeigt sich: Unser Oberbürgermeister – einfach genial.

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