DC Commercial und der Sedelhof

Investor am Ulmer Sedelhof ist der Hamburger Immobilienentwickler DC Commercial (Tochter von Dahler & Company) . Er kaufte die Projektgesellschaft von MAB (Rabobank).

Mit 36 von 40 Stimmen votierte der Gemeinderat am 28.1.2015 in nicht-öffentlicher Sitzung für DC Commercial als neuen Investor. 170 Millionen Euro will dieser ausgeben. Kein abgeschottetes Shoppingcenter, sondern ein Einkaufs- und Wohnquartier soll gebaut werden mit Supermarkt, Lebensmitteldiscounter und großem Elektrogeschäft. In den Obergeschossen entstehen Büros und 100 hochwertige Wohnungen.

Der Bau des DC-Commercial-Projektes beginnt im Sommer 2016, heißt es, 2018 sei das neue Quartier fertig. Das hört sich alles nicht schlecht an. Die bisher bekannt gegebenen Pläne über die Gestaltung des neuen Viertels wecken die Hoffnung, dass aus dem neuen Sedelhof doch noch ein Gebiet wird, das Qualität hat.

Was aber wird Ulm für das Projekt unterm Strich draufzahlen?
Alle hochfahrenden Pläne von Gönner, Wetzig und Czisch sind beim Teufel. Wahrscheinlich werden die drei froh sein, wenn sie am Ende „nur ein paar Millionen“ weniger von DC Commercial bekommen, als sie für den Kauf von Häusern und Grundstücken am Sedelhof ausgeben mussten. In Vergessenheit geraten wird, dass die Stadt Ulm McDonald’s mit Millionen subventioniert, damit die Fast-Food-Kette den Sedelhof vorübergehend verlässt, um später in ein neues Quartier dorthin zurückzukehren.

Bis vor kurzem zitterten Verwaltung und Stadtrat um das Projekt. Nun sind alle erleichtert und werden den Bürgern die nächsten Monate weismachen, dass der neue Sedelhof für Ulm nicht nur ein Bombengeschäft, sondern auch ein ganz einzigartiges Projekt sei, das in Europa seinesgleichen suche.

Es ist diese Angeberei und Großtuerei, dieses Beschönigen, das vorsätzliche Verschweigen wichtiger Tatsachen, die listige Verdrehung oder versteckte Lüge, Unehrlichkeit und Verschlagenheit, was manche Politiker so unglaubwürdig macht und damit viele Bürger zu empfindlichen Skeptikern.

Sedelhof

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Das Sedelhofspiel

Die Sedelhöfe – ein Spiel für die ganze Familie

Die Sedelhöfe sollten eine einzigartige Shopping-Mall werden, die Ulm einen Haufen Geld einbringt. So planten es Oberbürgermeister Gönner, BM Wetzig und BM Czisch.

Alle Grundstücke auf dem Gelände waren in Rekordzeit von der Stadt aufgekauft, sämtliche Gebäude ruck, zuck abgerissen, in Windeseile die holländische Rabo-Bank als Investor gefunden, schnell noch eine öffentliche Straße in den Kaufvertrag aufgenommen und die Zusage gemacht, dass die Besucherströme durch städtische Planung in die Sedelhöfe geleitet werden, eben noch kurz der Gemeinderat informiert und dann – ja, dann hätte eigentlich der Vertrag unterzeichnet und mit dem Bau begonnen werden sollen. Denn bereits in gut einem Jahr, 2016, sollte die Eröffnung sein.

Und jetzt? Stillstand. Der Investor ist abgesprungen. Kein neuer in Sicht. Wer will heute auch noch in Shoppingmalls investieren? Zu wenig Rendite, keine Zukunft. Was tun, wenn sie mitten in der Stadt eine große plane Fläche fabriziert haben und diese nicht sinnvoll nutzen können? Wenn sie 35 Millionen in eine Luftnummer investiert haben? Alles abschreiben? Nein, Sie müssen sich vergegenwärtigen, dass auch aus Niederlagen, Fehlplanungen und Irrtümern Kapital geschlagen werden kann!

Ein kleiner Artikel, der bereits 2013 in „Der Postillon“ erschienen ist, weist den Weg

Lego startet neue Serie „Gescheiterte deutsche Großprojekte“

„ Billund/Dänemark (dpo) – Der Spielzeughersteller Lego beweist wieder einmal, dass er auf der Höhe der Zeit ist. Heute stellte das dänische Unternehmen eine speziell auf den deutschen Markt zugeschnittene neue Serie vor. Unter dem Titel „Gescheiterte deutsche Großprojekte“ können bald auch Kinder vergeblich versuchen, den Berliner Großflughafen BER, den unterirdischen Bahnhof Stuttgart21 sowie die Hamburger Elbphilharmonie zu bauen.

Jørgen Vig Knudstorp, der Geschäftsführer des Traditionsunternehmens, erklärte bei der Präsentation: „Wir haben uns alle Mühe gegeben, das Erlebnis so realistisch und damit so frustrierend wie möglich zu gestalten. Unser Ziel ist es, dass sich Kinder keine Illusionen machen, was Großbauprojekte in Deutschland angeht.“
Mit je 69,99 Euro Grundpreis sind die Basissets BER, S21 und die Elbphilharmonie zwar kostspielig, aber erschwinglich. Beim Aufbau stellt sich allerdings schnell heraus, dass die sonst bei Lego sehr übersichtlich gehaltenen Baupläne völlig unbrauchbar sind. Viele Arbeitsschritte sind vollkommen undurchführbar, immer wieder muss von vorne begonnen werden und nicht zuletzt fehlen wichtige Bauteile.

Zusätzlich zu den drei Grundboxen will Lego vierteljährlich Erweiterungsboxen (je 29,99 Euro) herausbringen, die Eltern ihrem Nachwuchs schon allein deswegen kaufen werden, damit die Anfangsinvestition nicht vergeblich war. Doch obwohl die Erweiterungssets vielversprechend aussehen, lassen sie das Chaos durch zahlreiche Bauplanänderungen und weitere unpassende Teile nur noch größer werden.

Dabei hat der Spielwarenhersteller selbst auf kleinste Details geachtet: So sind sämtliche Lego-Bauarbeiter mit zwei linken Händen ausgestattet, beim Flughafen BER sind allein vier Erweiterungsboxen für den Brandschutz nötig und Stuttgart21 wird mit zahlreichen Demonstranten geliefert, die den Bau immer wieder empfindlich stören.
Kurz nach Bekanntwerden der neuen Serie schnellten die Aktienkurse von Lego in die Höhe. Börsenexperten vermuten, dass sie dem Spielwarenhersteller bis mindestens 2063 satte Gewinne einbringen wird.“

So weit also „Der Postillon“. Aber was hat das Ulmer Projekt Sedelhöfe mit den beliebten Legospielsteinen zu tun?

Das Sedelhofspiel

Der Ulmer Finanzbürgermeister sollte schnellstens damit beauftragt werden, zu Lego, Legoland bei Günzburg und zu Ravensburger Spiele einen Kontakt herzustellen, um diesen Firmen einen attraktiven Vorschlag zu unterbreiten:

Ihr Unternehmen erhält vom Ulmer Rathaus alle Rechte und Informationen, um aus dem gescheiterten Sedelhofprojekt ein Spiel für Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu machen. Für die Älteren denken wir an ein Strategiespiel: „Bürgermeister und Investor“ oder: „Wie stelle ich den Gemeinderat kalt“; für die Kleineren käme ein Spiel in Frage, das in kindgerechter Weise auf die Bürgerbeteiligung vorbereitet, die in Ulm heute bereits eine zentrale Rolle spielt. Wir denken beispielsweise daran, dass auf einem Areal im Legoland Kinder mit vorgefertigten Bausteinen gemeinsam mit Ihren Eltern gestalten lernen: „Wir bauen uns einen Sedelhof“.

Gewiss werden die kreativen Geister der Spielwarenindustrie ganz formidable Ideen hervorbringen. Die Stadt Ulm könnte mit etwas Glück durch eine vertraglich garantierte Umsatzbeteiligung aus einer kommunalpolitischen Katastrophe eine sprudelnden Geldquelle machen.

Ulmer Architekt ausgezeichnet

Gleich zwei angesehene Preise auf dem Gebiet moderner Baukunst konnte ein Ulmer Architekt jetzt ergattern.

Adrian Hochstrasser erhielt neben dem „Kreativpreis 2014“ des Zentralverbandes Europäischer Kisten- und Schachtelfertigung (ZEKS) auch den „Numerobis Preis“ des Bundesverbandes genialer Statiker (BGS).

Was für eine Ehre für den Architekten! Welcher Stolz für die Bürger Ulms, die sich glücklich schätzen, so hervorragende Mitbürger unter sich zu wissen.

Den Kreativpreis des ZEKS erhielt Hochstrasser für seinen 2008 am Ulmer Hauptbahnhof errichteten Infopavillon. (siehe Foto) Ulms Baubürgermeister Alexander Wetzig erteilte seinerzeit den Auftrag den sog. „i-Pavillon“ für 380.000 € zu bauen.

Der Statikerpreis wurde Hochstrasser vom BGS für das von ihm konstruierte Eventschiff verliehen. Seit Monaten schwimmt das 3,2 Millionen € teure Gastroschiff des Unternehmes Eberhard Riedmüller ohne nennenswerte Beeinträchtigungen auf der Donau (siehe Foto). Wasserhöchst- und Wassertiefständen trotzt das Hausboot im Großen und Ganzen dank solider statischer Berechnungen Hochstrassers.

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Die neuen Sedelhof-Investoren

Die Firma MAB, die am Sedelhof in Ulm ein Shoppingcenter bauen sollte, gibt es nicht mehr. Die niederländische Rabobank hat MAB platt gemacht, weil die Planung und der Bau innerstädtischer Einkaufszentren nicht mehr genügend Rendite abwirft.

Gönner, Wetzig und Czisch und die meisten Gemeinderäte halten unbeirrt an einem gescheiterten Projekt fest. Längst geht es nicht mehr darum, Gewinn mit dem Verkauf der Grundstücke in bester Lage zu erzielen und mehr Gewerbesteuer einzunehmen. Ein Scheitern soll um jeden Preis verhindert werden, um einem Verlust von Ansehen und Glaubwürdigkeit vorzubeugen.

Zwei Investoren stehen jetzt in Verhandlungen mit der Stadt. Beide, Mfi Management und OFB Projektentwicklung / Wöhr + Bauer, hatten sich bereits 2011 um die Realisierung des Projektes am Sedelhof beworben.

OFB wollte der Stadt Ulm damals 30,4 Millionen für die in Bahnhofsnähe geräumten Grundstücke bezahlen und verlangte, dass der Abbruch des unter der Erde gelegene Atombunkers von der Stadt bezahlt werden müsse. Mfi Management bot 31 Millionen Euro. Den Zuschlag bekam im November 2011 der Meistbietende. MAB war bereit, 31,5 Millionen zu bezahlen. Vielleicht hat sich diese Firma auch deshalb in Luft aufgelöst, weil sie immer die verlockendsten Angebote machte.

Ulm und OB Gönner sind in einer misslichen Lage. 24 Monate benötigt der Bau der Shoppingmall am Hauptbahnhof. 2016 sollte sie ursprünglich fertig gestellt sein. Jetzt steht ein Baubeginn in den Sternen. Mögliche Investoren haben viel Zeit. Sie haben keine Eile und genügend Möglichkeiten, Ulms politisch Verantwortliche unter Druck zu setzen. In dieser Situation müssten die Grundstücke am Sedelhof doch zu einem Schnäppchenpreis zu haben sein! Auch andere Wünsche des zukünftigen Investors stoßen gewiss auf größtes Verständnis bei Gönner, Czisch und Wetzig.

In dieser vertrackten Lage ist Hilfe erforderlich. Deshalb sind wir vom DF-Stammtisch entschlossen, dem Ulmer Rathaus mit gutem Rat zur Seite zu stehen. Sorgen Sie, Herr Gönner dafür, dass Ihre Verhandlungspartner von Mfi und OFB unter Druck geraten und deren Bereitschaft zum schnellen Abschluss wächst. Wie?

Die Drohung, das Sedelhofprojekt europaweit neu auszuschreiben, können Sie vergessen, Herr Gönner. Da lachen die Entscheider dieser beiden Konzerne nur. Wer sollte Mfi und OFB bei einer erneuten Ausschreibung als Konkurrenz in die Quere kommen? Wird sich nach der Eröffnung der Neu-Ulmer Glacis-Galerie und der Stuttgarter Einkaufszentren „Milaneo“ und „Gerber“ (von Ulm aus bestens mit dem Zug erreichbar) noch ein Mensch für ein Shoppingcenter in Ulm interessieren?

Ihnen, Herr Gönner, würde eine erneute Ausschreibung nur zum Nachteil gereichen: Die Sedelhöfe wären jahrelang Brache, das vom Handel benötigte Parkhaus nicht mehr vorhanden, andere Großprojekte (Straßenbahnausbau) wegen finanzieller Engpässe in Frage gestellt. Ulm und sein Mall-Projekt würden zum Gespött ganz Baden-Württembergs.

Wie können Sie, Herr Gönner, die interessierten Investoren unter Druck setzen?

Drohen Sie ihnen an, dass sie das ganze Areal Sedelhof an McDonalds verkaufen, damit die Fastfoodkette dort ein einmaliges Projekt verwirklichen kann: ein gigantisches Drive-In-Restaurant, das größte der Welt. DRIVE-THROUGH-ULM – das wäre doch was! Und wenn die Investoren dann jedes Interesse verlören – sei s drum – Ulm wäre um ein Alleinstellungsmerkmal reicher (Gewerbesteuer!).

DRIVE-IN-ULM

Lesenswerter Betrag in : KONTEXT WOCHENZEITUNG vom 23.7.2014

Sedelhof und die Kosten

26 Millionen Euro. Diese Zahl sollten Sie sich unbedingt merken, verehrte Leser.

Ende Juni 2014 fragte der Lokalchef der Südwest Presse den Ulmer Baubürgermeister Wetzig: „Wie viel öffentliches Geld ist bisher in die Sedelhöfe geflossen?“ Die Antwort Wetzigs: „Die Stadt hat bisher rund 26 Millionen Euro für die Grundstücke, Entmietung und Freimachung, Abbruch, Leitungsverlegung und weitere Projektkosten aufgewendet.“ (SWP vom 28.6.2014)

Wir können davon ausgehen, dass Baubürgermeister Alexander Wetzig nicht gelogen hat und die am 28. Juni 2014 tatsächlich an Grundstückeigentümer, Baufirmen, McDonalds, Sport Sohn geflossene Summe 26 Millionen Euro betrug.Was Wetzig nicht sagt und wonach auch der Journalist nicht weiter fragt, ist folgendes: Wie viel öffentliches Geld wird bis zur Realisierung des Shoppingcenters noch in das Sedelhofprojekt fließen? Da nach allen veröffentlichten Zahlen jetzt schon klar ist, dass die Sedelhöfe etliches mehr kosten werden als 26 Millionen Euro, fragen wir uns:

Warum hakt der Journalist nicht nach und fragt nach noch zu erwartenden Kosten? Warum sagt der Baubürgermeister nicht: 26 Millionen sind schon überwiesen. Einige Millionen (neun?) werden wir noch überweisen müssen?

Wer einen Teil der Wahrheit verschweigt – wissentlich und mit bestimmten Absichten – trägt dazu bei, dass die Entfremdung zwischen Bürgern und politischem System wächst, der Ansehensverlust von Politikern zunimmt und das Vertrauen der Bürger in ihre politischen Repräsentanten schwindet. Wer so handelt, sollte sich über sinkende Beteiligungen bei Wahlen nicht wundern. Wenn Sie, verehrte Leser, in einigen Jahre die wirklichen Kosten des Projektes Sedelhöfe erfahren, werden Sie keine Gelegenheit mehr haben, Baubürgermeister Wetzig zu fragen, warum er im Juni 2014 von „nur“ 26 Millionen Euro Kosten gesprochen hat. Herr Wetzig wird nämlich 2015 in Pension gehen.

Dilettanten, Schlitzohren & Sedelhöfe


Sie kaufen ein 9300 qm großes bebautes Gelände mit intakten Gebäuden in zentraler Lage, lassen sämtliche Gebäude abreißen, darunter ein einträgliches Parkhaus, errichtet 1983 für 16,5 Millionen DM. Kosten dieses Deals: 30 Millionen Euro. Weil in einem der Gebäude McDonald s sein Restaurant betreibt, erhält die Fastfoodkette 5 Millionen, um einem Umzug zuzustimmen. Einem angrenzenden Ulmer Geschäftshaus, Sport Sohn, muss geholfen werden, weil dessen Andienung durch ein geplantes Shopping-Center anders organisiert werden muss. Kosten 600.000 Euro.

Dann lassen sie sämtliche Gebäude abreißen. Ausgaben wohl einige Millionen. Genaues wird der Öffentlichkeit nie mitgeteilt.Die Kosten dürften sich also bisher auf insgesamt knapp 40 Millionen Euro addieren.

Jetzt kommt der erste dramatische Höhepunkt in diesem Schwank aus der Provinz: Sie schließen einen Vertrag mit dem Investor MAB, durch den das gesamte Gelände für 31 Millionen verkauft wird. Vor Vertragsabschluss ist bekannt, dass der Investor nach Errichtung eines Einkaufscenters auf dem erworbenen Gelände dieses an unbekannte Betreiber weiter veräußern und selbst abgewickelt werden wird. Eine Zukunft der Sedelhöfe als Spekulationsobjekt ist greifbar.

Die Hauptdarsteller dieser Komödie: Ivo Gönner, Oberbürgermeister der Stadt Ulm. Gunter Czisch, Finanzbürgermeister. Alexander Wetzig, Baubürgermeister. Volker Jescheck, Planungschef der Stadt Ulm. In wichtigen Nebenrolle: Herr Dr. Weber, Leiter des Referats 14 beim Regierungspräsidium Tübingen sowie sein Chef Dr. Strampfer, ein Regierungspräsident, der sich bestens mit der Ulmer Stadtspitze versteht. In weiteren Nebenrollen: Hans-Uli Thierer und andere Redakteure der SWP , die das Vorgehen der Stadt befürwortend begleiten, sich bei Kritik bis zur Selbstverleugnung mäßigen und die Bürger mit selektiven Informationen versorgen. Ganz am Rand des Bühnengeschehens: die gewählten Ulmer Gemeinderäte, die sich – mit todernster Miene – mit Wattebäuschen bewerfen.

Der erste Akt des Schwanks schließt mit den Worten des Stadtplanungschefs Jescheck. Dieser antwortet auf einer öffentlichen Veranstaltung im März 2014 auf die Frage, ob die Stadt an dem Geschäft überhaupt noch etwas verdiene: „Wir sind noch im grünen Bereich“. (Wo hat der Mann bloß rechnen gelernt?) Eine Erkenntnis dürften alle intelligenten Bürger Ulms jetzt bereits gewonnen haben: Nach dem CBL-Geschäft und dem Niedergang der Stadtwerke Ulm (SWU), den die Stadtspitze hilf- und tatenlos hinnimmt, aber wortreich verbrämt, wird der Sedelhof-Deal zur dritten großen Erblast, die Ivo Gönner der Stadt hinterlassen wird.

Wir langweilen unsere Leser in der Regel nicht mit juristischen Fragen. Gelegentlich ist es aber unvermeidlich, solche aufzuwerfen, auch deshalb, weil Verwaltungen ihr Handeln oft damit legitimieren, dass ihnen wegen der Rechtslage keine Alternative bleibe. Dieses Argument erstickt jeden Widerstand: wenn bestehende Gesetze ein bestimmtes Handeln verlangen, kann man eben nichts machen – außer auf eine Novellierung rechtlicher Maßstäbe hinwirken, was langwierig und meist wenig Erfolg versprechend ist.

Auch die Ulmer Bauverwaltung begründete ihr Vorgehen zu Beginn der Ausschreibung für das Sedelhöfe-Einkaufszentrum mit der herrschenden Rechtslage. Das Vergaberecht verlange ein „Bieterverfahren“, ein Verfahren also, das es nicht zulässt, die Bürger umfassend zu informieren und an der Planung mitwirken zu lassen.

Ein Fachmann für städtebauliche Planung, der sich mit Ausschreibungen nach dem § 101 GWB auskennt, kommentierte das Vorgehen Ivo Gönners und der Stadtspitze 2010 zu Beginn des Sedelhofprojektes mit den Worten:

Das Tragische an dem Ulmer Projekt für mich ist der Umstand, dass die Stadt die falsche Rechtsauffassung vertritt, dass sie die Ausschreibung europaweit durchführen musste und deshalb ein Verfahren wählte, das nach Wettbewerbsrecht Verschwiegenheit verlangt.

Im März 2010 wurde durch den Europäischen Gerichtshof das sogenannte „Ahlhorn-Urteil“ aufgehoben, durch das Grundstücksverkäufe und städtebauliche Verträge der öffentlichen Hand als ausschreibungspflichtige Bauaufträge betrachtet wurde (deshalb glaubte die Stadt wohl ausschreiben zu müssen).

Durch das knapp drei Monate vor Ausschreibung ergangene EuGH-Urteil vom 25. März 2010 hätte die Stadt Ulm sich das komplizierte und intransparente Vergabeverfahren ersparen können.

Ausschreibungspflichtig sind nur jene Verkäufe mit Bauverpflichtung, bei denen die öffentliche Hand ein unmittelbares wirtschaftliches Interesse an der Bauleistung hat (z.B. wenn sie Eigentümerin des Gebäudes wird). Eine Verpflichtung zur Verfolgung städtebaulicher Ziele ist kein wirtschaftliches Interesse an der Bauleistung. Vermutlich war die Ausschreibung in dieser Zeit schon sehr weit fortgeschritten oder man traute dem neuen Urteil und dessen Folgen noch nicht.“

Somit fällt die Bilanz des interessierten Bürgers bereits vor Errichtung des erste Sedelhof-Center- Gebäudes noch düsterer aus:

Nicht genug damit, dass Gönner beim Sedelhof-Deal Millionen Euro zum Fenster rausgeworfen hat und aus dem Sedelhof ein Spekulationsobjekt machen wird; der konsequente Ausschluss der Bürger bei der Diskussion des Projektes durch angeblich unumgängliche Geheimhaltung war rechtlich unnötig. Und die Rechtsaufsicht des Regierungspräsidiums in Tübingen hält das alles, was in Ulm geschieht, für völlig legal.

In Kenntnis dieser Sachlage können die Bürger kaum davon ausgehen, dass die Rathausspitze sie respektiert und die Rechtsaufsicht rechtlich einwandfreies Handeln einer Stadt garantiert. Im Gegenteil, bei genauerer Betrachtung wird mancher den Verdacht hegen, dass hier neben Dilettantismus auch schlitzohrige politische Taktik am Werk war und ist.

Das Vetterntor

Sind sie nicht wunderbar – die beiden eben fertig gestellten Gebäude auf den Fotos? Von unverwechselbarer Form? Aus bezauberndem Material? Mit betörend schön gestalteten Fassaden? Kurzum von unwiderstehlichem Charme?

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Die konsequente architektonische Fortsetzung der Neuen Mitte, wie sie von Stefan Braunfels und Wolfram Wöhr unter Mitwirkung des Ulmer Baubürgermeisters Alexander Wetzig erschaffen wurde. Das eine Gebäude steht schräg gegenüber vom Ulmer Theater und trägt den klangvollen Namen Wengentor. Das andere befindet sich an der Kreuzung von Neuer Straße und Frauenstraße und ist leider noch ohne Namen.

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Napoleontor würde sich anbieten, da der französische Kaiser 1805, wie es heißt, hier mit seiner Kutsche vorbei gekommen sein soll. Auch Einsteintor wäre eine Option, da Albert Einstein nachweislich als Säugling im Kinderwagen hier von seiner Mutter spazieren gefahren wurde.

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Die Geschichte, wie es zum Bau des Wengentores kam

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2009 veranstaltete die Stadt Ulm eine Ausschreibung. Potenzielle Bauherrn und Architekten ihrer Wahl sollten Entwürfe vorlegen, wie sie sich die Bebauung eines Grundstückes vorstellten, das der Stadt gehörte.

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Acht Investoren nahmen am Ausschreibungsverfahren teil (sog. Gutachterverfahren), drei kamen zunächst in die engere Wahl. Baubürgermeister Wetzig und ein paar Mitglieder des Gemeinderates, die im zuständigen Ausschuss saßen, trafen einstimmig die Entscheidung: Bauen dürfen Christoph und Markus Botzenhart und deren Architekt Dr. Max Stemshorn.

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Die beiden Brüder waren in der Vergangenheit Gemeinderäte. Ihr Vater, Udo Botzenhart, wirkte über viele Jahre mit großem Einfluss und besten Beziehungen an der Ulmer Kommunalpolitik mit. Die meisten, die in der Bauverwaltung an entscheidender Stelle sitzen oder im Ausschuss über die Vergabe zu entscheiden hatten, sind persönlich mit der Söflinger Familie Botzenhart bekannt. Der Architekt Dr. Max Stemshorn war früher Referent des Ulmer Baubürgermeisters.

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Wetzig und die Ausschussmitglieder entschieden sich also beim Zuschlag für ihre Vettern Botzenhart und Stemshorn. Im November 2010 stimmte der Gemeinderat dem Satzungsbeschluss zu.

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Empört waren aber die Grünen. Sie kritisierten, dass der Gemeinderat an den Entscheidungen nicht angemessen beteiligt gewesen sei. Außerdem habe die endgültige Planung in „Grundriss, Form und Höhe“ nichts mehr mit dem ursprünglich bei der Ausschreibung eingereichten Entwurf zu tun.

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Produktivkraft Vetternwirtschaft

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Wir vom DF-Stammtisch finden überhaupt nichts Untadeliges an der Ulmer Vetternwirtschaft. Verdiente Ulmer müssen eine bevorzugte Behandlung genießen. Was sind schon der Verkauf eines städtischen Grundstückes und die großzügige Beurteilung eines Bauplanes in Anbetracht der Dienste, die die Familie Botzenhart der Stadt Ulm geleistet hat?

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Außerdem sollten wir nie vergessen, wie segensreich sich der Botzenhart-Neubau auf die lokale und regionale Wirtschaft auswirkt. Arbeitsplätze entstehen. Umsätze werden generiert. Gewerbesteuer fließt der Stadt zu. Sie sehen, verehrte Leser, es gibt unzählige Gründe, das Bauprojekt der Familie Botzenhart durch die Stadt Ulm zu fördern.

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Gehen wir mutig einen Schritt weiter. Setzen wir ein Zeichen. Bekennen wir uns zur Vetternwirtschaft. Vetternwirtschaft muss vom schlechten Beigeschmack befreit werden. Als erfahrene Praktizierende einer produktiven Vetternwirtschaft sollten Ulmer vorangehen.

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Nennen wir das neue Gebäude doch einfach „Vetterntor“.

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ActivImmobilien1

 /18.12.2013

Alter Friedhof & Dialog mit dem Bürger

oder: Verwirrt und orientierungslos

Der Polizeibericht von heute enthält eine äußerst interessante Geschichte über zwei Herren, die in der Morgendämmerung von einer motorisierten Polizeistreife in „hilflosem Zustand“im Alten Friedhof aufgegriffen und zur medizinischen Versorgung in die Universitätsklinik Ulm gebracht wurden. Wir zitieren aus dem Polizeibericht:

Bei unserer morgendlichen Routinefahrt durch den Alten Friedhof hörten wir bei herabgelassenem Seitenfenster ein leises Schluchzen und Wimmern hinter einem mächtigen Grabstein. Wir verständigten sofort die Zentrale, stiegen aus unserem Dienstfahrzeug und näherten uns vorsichtig.

Hinter dem Grabmal sahen wir zwei ca. 50 bis 70 Jahre alte Männer, der eine auf Knien, der andere flach auf dem Boden liegend. Beide Personen weinten laut vernehmlich, ihre Kleidung von bester Qualität war stark verschmutzt, überhaupt befanden sie sich in einem erbärmliche Zustand. Mein Kollege verständigte sofort den medizinischen Rettungsdienst, ich sprach unterdessen die hilflosen Männer an und erkundigte mich nach ihrem Befinden.

Während einer der Aufgegriffenen zu keiner verständlichen Äußerung mehr fähig war und fortwährend unter Schüttelkrämpfen in lautes Wehklagen und Schluchzen verfiel, erlangte der zweite schnell die Beherrschung und machte in tadelloser deutscher Sprache Angaben. Danach ergab sich folgendes Geschehen:

Die beiden Herren hatten am späten Abend des vorhergehenden Tages den Alten Friedhof betreten und nach einem Spaziergang und einer anregenden Unterhaltung über Philosophie und moderne Stadtplanung die Orientierung verloren. So sehr sie sich auch bemühten, es gelang ihnen nicht mehr, aus dem Park heraus zu finden. In den zahllosen kleinen Wegen und der absoluten Unübersichtlichkeit des verwinkelten Riesenparks sah der Befragte den Grund für die nächtliche Orientierungslosigkeit. Als wir die beiden hilflosen Männer um Angaben zur Person baten, antwortete mein Gegenüber: „Ich bin der Baubürgermeister Alexander Wetzig und der Herr auf Knien ist Christian Giers, der Leiter der Abteilung Grünflächen bei der Stadt Ulm.“

Mein Kollege und ich entschlossen uns daraufhin, erneut Kontakt zum Rettungsdienst aufzunehmen und dort zur Unterstützung zusätzlichen einen Facharzt für Psychiatrie anzufordern.“

Wir vom DF möchten diese wahre Begebenheit und fast tägliche Vorfälle, bei denen alte Mitbürger aus dem nahe gelegenen Elisa-Stift in der undurchdringlichen Wildnis des Alten Friedhofs verschwinden, zum Anlass nehmen, um nochmals eindringlich den Herrn Baubürgermeister Wetzig aufzufordern:

– Gestalten Sie den Alten Friedhof endlich zeitgemäß um!
Weg mit den vielen kleinen, verwinkelten Nebenwegen! Ein Rundweg, auf dem sich niemand verlaufen kann, genügt.

-Vor allem älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern sollte durch eine schön asphaltierte Bahn die Gelegenheit zum Biken und Skaten gegeben werden!

-Reißen Sie endlich die abscheulichen und trennenden Mauern und Tore ein, die den Park von den angrenzenden Straßen abtrennen. Freier Parkeinblick für jedermann!

-Nieder mit den Bäumen! Eine riesige Grünfläche inmitten des Alten Friedhofes würde es auch ermöglichen, dass die Senioren des nahegelegenen Stiftes sich täglich an wilden Ballspiele jeder Art auf großen Spielfeldern erfreuen können.

Bürgerbeteiligung und Bürgerverachtung

Am 30.5. 2012 kamen der Herr Baubürgermeister Alexander Wetzig und der Grünflächenplaner Christian Giers in den Alten Friedhof, um den Anwohnern ihre Pläne zur Umgestaltung des Parks vorzustellen und mit den Bürgern in einen „Dialog“ zu treten. Die erschienen Bürger waren laut Bericht der Lokalzeitung entsetzt über die Vorstellungen der Ulmer Stadtverwaltung, trugen aber ihre Einwände dennoch relativ sachlich vor.

Direkt am Park gelegen befindet sich eine Seniorenresidenz. Für viele der dort lebenden alten Menschen ist der Alte Friedhof die einzige Gelegenheit, einen Spaziergang in einem naturnahen Park zu machen. Die Pläne Wetzigs und Giers müssen diesen Menschen äußerst befremdlich vorkommen.

Vorschläge und vorgetragenen Begründungen für eine „Umgestaltung“ des Alten Friedhofs zeigen, dass die Verwaltung weit weg von Bürgern agiert und im „Dialog“ mit ihnen auch noch den gehörigen Respekt vermissen lässt, der Grundlage jeder Bürgerbeteiligung sein muss.

Tasächlich sagte Herr Giers auf die Frage, warum die vielen kleinen Wege in dem übersichtlichen Park beseitigt werden sollen: „Weil man sich dann besser orientieren kann“.

Wer solche Argumente vorträgt, zeigt, dass er sein Gegenüber für einen kompletten Deppen hält.

31.5.2012

Städtebau und Stadtzerstörung in Ulm

Ich halte Beton für das edelste Material in der Architektur…Es ist…die teuerste Materialität, die man umsetzen kann. Es ist halt wahnsinnig schwer, guten Sichtbeton zu machen. Aber wenn es dann gelingt, hat es etwas, was kein anderes Material schafft: eine starke innere Plastizität und Kraft, eine – sozusagen – monolithische, pulsierende Skulpturalität, und das Gebäude ist eine große begehbare Skulptur…“

(Stephan Braunfels in einem YouTube Video über das Paul-Löbe-Haus in Berlin. 12.04.2009)

Wer so redet, kann keine menschlichen Behausungen schaffen, Häuser, Wohnungen und eine Umgebung, in der sich Menschen geborgen und wohlfühlen. Die von ihm errichteten Bauten und die Materialien sind kühl und zweckmäßig.

Er baut nicht für Menschen. Er baut, um sein Ansehen und seinen Ruhm zu vergrößern. Er möchte in der Welt der Architektur etwas bedeuten, nicht Diener der Menschen sein. Industrie- und Großmarkthallen, Bürokuben, öffentliche Gebäude – das vermag er zu planen und hinstellen zu lassen. Die Menschen aber spüren: Es gibt schon zu viel Utilitarismus in ihrer Welt.

Die Menschen haben keine Freude an Denkmälern aus Beton und Glas. Und sie lieben die Vielfalt, die von Vertretern dieser Architektur systematisch zerstört wird. Der Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig ist ein Jünger Braunfels. Also dürfen die Menschen in der Stadt von ihm nichts erwarten, was ihnen gefällt und was sie lieben könnten.

Ulm wurde in seiner Geschichte einige Male zerstört. Zuletzt am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Bomben. Nun wird es erneut zerstört. Von ästhetischen Normen, denen nur eine kleine, abgehobene, elitär denkende Minderheit anhängt. Und von Volksvertretern im Gemeinderat, die diesen Prozess nicht nur hinnehmen, sondern unterstützen, weil sie sich durch einen Blender Geschmacksempfinden und Urteilsfähigkeit haben lähmen lassen.

Nach jeder Zerstörung wurde Ulm neu aufgebaut. Wenn Wetzig und Gönner die Stadt verlassen haben werden und in dreißig, vierzig Jahren die Finanzlage der Donaustadt vielleicht gut sein wird, können die Menschen sich daran machen, die architektonischen Untaten der Jahre 1991-2015 zu beseitigen. Ein kleiner Trost.

„Städtische Region wird […] mehr und mehr zum kontrastlosen, einzigen und ausschließlichen Lebensraum für Millionen von Menschen. So vollständig, dass auch alle Naturprodukte, alles was an Naturprozesse erinnert, in technischer Aufbereitung, Verpackung erscheint.“

(Alexander Mitscherlich. Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Seite 52)

Wer in Ulm glaubt, die Wetzigsche Stadtzerstörung sei bereits vollbracht, täuscht sich. Die Gebäude von Stephan Braunfels und Wolfram Wöhr in der Neuen Mitte waren nur der Auftakt.

Jetzt geht es richtig los:
– mit dem kasernenartigen Neubau der Sparkasse im Zentrum,
– mit einer siebenstöckigen Schachtel Ecke Neue Straße / Frauenstraße,
– mit überdimensionierten Bauten, die sich nicht in die gewachsene Wohnumgebung einfügen in der Marchtalerstraße, in der Königsstraße und im Türmle.

Danach wird noch vor Erreichen des Ruhestandes vom Sichtbetonspezialisten Wetzig mit der Verunstaltung des Bahnhofviertels begonnen.

Den Ulmer Bürgern stehen harte Zeiten bevor.

Auf den Fotos sehen Sie das „Münstertor“, ein von Stephan Braunfels für den Unternehmer Inhofer direkt am Ulmer Münster errichtetes Gebäude. Das zweite Foto zeigt das Inhoferhaus aus Nordwesten, das erste Foto von Osten.

InhoferUlm

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Lektüreempfehlung:

Jacobs, Jane. The death and life of great american cities. New York 1961

Mitscherlich, Alexander. Die Unwirtlichkeit unsrer Städte. Frankfurt 1969

Siedler, Wolf Jobst. Die gemordete Stadt. Berlin 1964

5.10.2011

Ulms wundervolle Stadtsanierung (UWS)

Wie schon oft wird Ulm Vorreiter sein, dieses Mal auf dem Gebiet der Stadtsanierung. Große Köpfe entwickelten ein Modell, das bald vielen Städte Vorbild für eine zeitgemäße und rentable Modernsierung maroder Stadtteile sein könnte. Wie so oft bei Entdeckungen wirkten Zufall und Fantasie in einzigartiger Weise zusammen.

Die Geschichte spielt im Ulmer Stadtteil Türmle. Der Name stammt vom Turm eines Forts, das 1855/56 als Teil einer gigantischen Festungsanlage errichtet worden war. Schon 1946 bauten Bürger dort in Eigenarbeit kleine Häuschen. Zuvor gab es auf dem Gelände nur einen Steinbruch und Wiesen und Baracken für Zwangsarbeiter, die in den Kriegsjahren für Magirus arbeiten mussten. Von 1953-57 errichtete die Ulmer Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft in diesem Stadtteil einige Wohnblöcke, in denen Vertriebene, Ausgebombte und finanziell Benachteiligte untergebracht wurden. Neben den Wohnblöcken gab und gibt es dort viele kleine Einfamilien- und Reihenhäuser. Das Türmle hat bis heute einen dörflichen Charakter, die etwa 1100 Bewohner kennen sich alle.

Nach Errichtung der Häuser und Vermietung der Wohnungen kümmerte sich die UWS wenig um ihr Eigentum. Nur die notwendigsten Renovierungen wurden vorgenommen; alle Mieter lebten zu niedrigen Mieten in einer schönen Umgebung, die mit zahlreichen Grünflächen Kindern herrliche Plätze zum Spielen bot; deshalb stellten die Mieter keine Forderungen. Vor kurzem erinnerte sich die UWS ihrer Wohnblocks, entsandte sachkundiges Personal zur Inspektion, das zu dem Ergebnis kam: Die meisten Hauser können nicht mehr saniert werden, neue sollen entstehen. 350 Mietern wurde gekündigt. Sie mussten alle ihr Viertel verlassen. Dorthin zurückkehren können sie nicht mehr. Die neuen Mieten werden viel zu hoch sein.

Nun machten sich Architekten Gedanken über den Städtebau der Zukunft und die Bebauung des Viertels Türmle. Wie die SWP erfuhr, waren die Vorgaben für ihre Überlegungen: plant energieeffiziente Häuser, macht Wohnungen mit variantenreichen Grundrissen. Wie der Stammtisch erfuhr, erhielten alle Architekten (die es noch nicht wussten) den Rat: die Quartiere müssen zweckmäßig, günstig im Unterhalt und sehr günstig bei der Errichtung sein. Ob sie sich in die vorhandene Bebauung einfügen, von den jetzigen Bewohnern akzeptiert werden und dem gültigen Bebauungsplan entsprechen, spielt keine Rolle.

Eine Jury unter dem Vorsitz unseres einzigartigen Ulmer Baubürgermeisters Alexander Wetzig wählte den Entwurf aus, der sich für die Bebauung des Türmle am besten eignet. Mit sicherem ästhetischem Urteilsvermögen fiel die Wahl einstimmig auf die „Ulmer Wohnschachtel“ (in Jurys, denen Herr Wetzig vorsitzt, wird immer einstimmig entschieden; das ist in Ulm Tradition).

Auf den drei folgenden Fotos sehen Sie, verehrte Leser, die Entwicklungsstufen der Wohnschachtel. Inspiriert durch einen Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs (Abbildung 1) kam dem Architekten eine einzigartige Idee (Abbildung 2). Die Ausarbeitung der Idee führte zum „Prototyp UWS“, also der „Ulmer Wohnschachtel“ (Abbildung.3).

UlmerSchuhschachtel

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UlmerWohnschachtel

***UlmerWohnschachtel

Nachdem der Abriss der alten Wohnblocks und eine verdichtete Bebauung beschlossen, der Prototyp der Wohnschachtel entworfen, der Gesamtplan fertiggestellt und nachträglich die schnelle Änderung des seit 1969 gültigen Bebauungsplanes in die Wege geleitet worden war, begann der Prozess der Bürgerbeteiligung: Im Rahmen dieses urdemokratischen Prozederes verkündete Dr. Pinsler die Neubaupläne und gab den Bürgerinnen und Bürgern unbegrenzt Gelegenheit, die wunderbare Sanierung und die hervorragende Vorarbeit von UWS, Baubürgermeister und Architekten zu loben.

Wir vom DF-Stammtisch sind der Meinung, dass die Ulmer Wohnschachtel über enormes Potenzial verfügt. Mit Hilfe dieses Systems, lassen sich schnell und preiswert alle sanierungsbedürftigen Stadtteile in Ulm und in jeder anderen Stadt in einen zeitgemäßen Zustand bringen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Durch eine exzellente Rendite werden Investitionen im Bereich der Stadtsanierung für jedes Wohnungsbauunternehmen attraktiv. Auch der Bürger hat seine Vorteile: Egal ob er sich in Ulm, Frankfurt, Stralsund oder Köln aufhält – die Wohngegend ist ihm vertraut, er fühlt sich überall zuhause.

Mit Herrn Baubürgermeister Wetzig, Herrn Dr. Pinsler und Herrn OB Gönner tritt der Stammtisch den Bestrebungen etlicher Querulanten vom Türmle energisch entgegen, mitten in einer modernen Stadt wie Ulm ein Dorf erhalten zu wollen!

Im Interesse unserer Ulmer Wohnungsbaugesellschaft (UWS), die durch großes Pech bei Zinswetten mit der Deutschen Bank voraussichtlich 3,5 Millionen Euro verlieren wird, und im Einklang mit Herrn Baubürgermeister Wetzig, Herrn Pinsler und Herrn Gönner sprechen wir uns mit Nachdruck gegen langweilige Satteldächer und für moderne Flachdächer, gegen duckmäuserische Anpassung an die Wohnumgebung und für provozierenden Kontrast aus!

Im Interesse aller Bürger Ulms fordert der Donaufisch: Verdichtet endlich die Bebauung in unseren Städten! In einer Welt, in der die Menschen oft eine vereinzelte und vereinsamte Existenz fristen, kann größere Nähe nur nützen.

Weitere Artikel über die UWS finden Sie unter:

UWS Spekulationsgeschäfte – Ulm verliert Millionen / 9.4.2008

UWS Spekulationsgeschäfte / 21.11.2009

UWS Spekulationsgeschäfte 2 / 5.8.2010

Spekulationsgeschäfte in Ulm

12.9.2011