Hochschulrätin Schavan

Donnerstag dieser Woche tagt der Hochschulrat der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Wie der Aufsichtsrat eines Unternehmens wirkt der Hochschulrat an Strukturentscheidungen der Universität mit, bestimmt deren Grundordnung und wählt den Präsidenten. Dem Hochschulrat gehören Professoren, Angestellte und Studenten an; daneben kommen 50 Prozent der Mitglieder aus Bereichen außerhalb der Uni, sie werden in einem Verfahren von der Bayrischen Staatsregierung berufen, das sich öffentlicher Kontrolle entzieht. Als externes Mitglied sitzt beispielsweise der Unternehmensberater Roland Berger im Hochschulrat der LMU.

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Mit großer Freude hat unser Stammtisch vom Gasthaus Donaufisch von der Berufung unserer verehrten Bundestagsabgeordneten Annette Schavan in den Hochschulrat der LMU Kenntnis genommen. Sie wird das Gremium mit ihren vielfältigen Erfahrungen und besten Beziehungen in Berlin sicher bereichern.

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Unseren herzlichen Glückwunsch an den Präsidenten der LMU Bernd Huber: Unsere Frau Schavan wird Ihrer Universität nicht nur unter finanziellem Aspekt von Nutzen sein, indem sie für einen optimalen Zufluss öffentlicher Mittel in Forschung und Lehre sorgt. Sie ist gewiss auch in anderer Hinsicht von unschätzbarem Wert: Wer könnte besser daran mitwirken, an einer Universität ein Klima des gewissenhaften Lehrens und Forschens herzustellen, als Frau Schavan, die sich bekanntlich in einem viel diskutierten Buch mit dem Gewissen des Menschen beschäftigt hat? Wer könnte besser Anregungen geben, wie Plagiatsfälle bei Dissertationen künftig aufgedeckt oder vermieden werden können, als Frau Schavan, die auf diesem Terrain über jede Menge persönliche Erfahrungen verfügt.

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Für uns vom Stammtisch steht völlig außer Zweifel, dass Annette Schavan für das Amt einer Hochschulrätin in München bestens geeignet ist. Was uns allerdings Sorge bereitet ist die Stimmungsmache gegen ihre Berufung.

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Selbst Medien, die nach der Aberkennung des Doktortitels und dem Rücktritt als Bildungsministerin zu Schavan gestanden haben, üben nun Kritik: der Focus, die Welt, die Frankfurter Allgemeine. An der Münchner Universität melden sich Wissenschaftler mit Bedenken zu Wort. Der Deutsche Hochschulverband stellt sich in einer Erklärung vom 10.Oktober gegen Annette Schavan, die er als „überführte Plagiatorin“ beschimpft. Es ist unerträglich.

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Wir vom DF-Stammtisch leiden mit 85.984 Wählern aus dem Wahlkreis Ulm, die unsere CDU-Kandidatin im September 2013 wieder zur Abgeordneten gewählt haben. Uns treibt die Frage um. Was können wir tun, um Annette Schavan zu helfen?

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Ulm steht wie ein Mann hinter Schavan. 52 Prozent der Wähler haben sie 2013 im Wahlkreis 291 in den Bundestag gewählt. Bereits im Januar entschieden sich von 307 CDU-Delegierten 294 für Schavan als Kandidatin, das entspricht 96 Prozent. Wir Ulmer sind davon überzeugt, dass Schavan mit „Person und Gewissen“ eine exzellente Doktorarbeit vorgelegt hat. Um dies beurteilen zu können, müssen wir die Dissertation nicht gelesen haben, schließlich kennen wir unsere gläubige und redliche Annette, und wir wissen, dass die Aberkennung ihres Doktortitels nur Folge einer politischen Hetzkampagne gewesen ist.

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Was können wir also tun, um Annette Schavan zu helfen?

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Annette muss rehabilitiert werden, überall in Deutschland soll sie ein Ansehen genießen wie in Ulm. Wir vom Stammtisch denken dabei an verschiedene Wege, um dieses Ziel zu erreichen:

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1. Wir sorgen dafür, dass Frau Schavan einen neuen akademischen Titel erhält.

2. Frau Annette Schavan erhält als Kompensation für den Verlust ihres akademischen Titels einen Adelstitel.

3.Optimal wäre, Frau Schavan erhielte einen akademischen und einen Adelstitel.

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Wir vom DF werden die Möglichkeiten zur Hilfe sorgfältig prüfen und schnell handeln, so dass bereits bei der übernächsten Sitzung des Hochschulrates der Ludwig-Maximilian-Universität in München nicht mehr Frau Annette Schavan, sondern die Freifrau Professor Dr. Annette von Schavan, Bundesministerin a.D. und MdB teilnehmen kann.

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Da solche Unterstützungsaktionen Geld kosten, bitten wir alle Wähler und Wählerinnen von Frau Schavan, auf das bei der Sparkasse Ulm eingerichtete Sonderkonto „Ein Titel für Frau Schavan“ eine kleine Spende zu überweisen. Wir danken Ihnen an dieser Stelle bereits vielmals für Ihre großzügige Unterstützung.

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Zum Hintergrund:

„Berufung von Schavan ist ein Affront“ In: Tagesspiegel vom 10.10.2013

„Senatschef verteidigt Schavan-Berufung“ In: SZ vom 20.10.2013

Bundestagswahl 2009 (4))

2009.2

Legitimationsprobleme

Im gesamten Bundesgebiet gingen nur 70,8 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl. Das ist die niedrigste Wahlbeteiligung seit 1949. Mit 73,9 Prozent Wahlbeteiligung ist auch Ulm auf einem beschämenden Niveau angekommen, beschämend für die Parteien und ihr Führungspersonal – nicht für die Nichtwähler.

Dass im Dezember 2007 nur 43 Prozent der Ulmer an der Oberbürgermeisterwahl teilnahmen, im Juni 2009 nur 46,4 Prozent der Ulmer Wahlberechtigten „ihren“ Gemeinderat und nur 47,8 Prozent das Europaparlament wählten, ist kein Trost.

Mit einfallslosen Appellen von Oberbürgermeistern und anderen Politikern, doch bitteschön zur Wahl zu gehen, ist es nicht getan. Parteien, vor allem die SPD und die CDU/CSU, und ihr Führungspersonal haben enorm an Glaubwürdigkeit verloren. Wer wie die SPD HartzIV und die Rente mit 67 zu verantworten hat und sich für Kriegseinsätze der Bundeswehr ausspricht und mit einem Spitzenkandidaten antritt, der an Schröders Seite mit dem Sozialabbau begonnen hat, oder wie die CDU im Wahlkampf jede konkrete Aussage zur zukünftigen Politik vermeidet, darf sich nicht wundern, wenn die Wahlberechtigten zu Hause bleiben oder abwandern.

Die zunehmende Tendenz zur Wahlenthaltung führt das politische System Deutschlands immer mehr in eine Legitimationskrise. Weder die CDU/CSU (33,8 % Zweitstimmenanteil) noch die SPD (23,0%) können weiterhin als Volksparteien bezeichnet werden. Es gibt bei uns heute ein Fünf-Parteien-System; die Zeiten der Volksparteien sind vorbei.

2005 beteiligten sich 80 Prozent der Ulmer an der Bundestagswahl. Fast 49 Prozent von ihnen wählten Frau Dr. Schavan von der CDU. 2009 wählten bei einer Beteiligung von knapp 74 Prozent noch 42,8 Prozent Frau Schavan. Damit muss die Bundesbildungsministerin neben dem blamablen Ergebnis bei ihrer Nominierung als Wahlkreiskandidatin der CDU nun auch einen herben Verlust an Wählerstimmen hinnehmen.

Es scheint wahrscheinlich, dass Frau Dr. Schavan der nächsten Bundesregierung als Ministerin nicht mehr angehören wird. Hoffentlich verschont uns Bürger die Ulmer CDU dann, wenn es so weit sein wird, mit verlogenen Worten des Bedauerns und des Mitgefühls.

2009.1

27.9.09

Bundestagswahl 2009 in Ulm (1)

Erststimme für Atomkraft! Erststimme für Schavan!

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Sehr geehrte Frau CDU-Wahlkreiskandidatin, verehrte Frau Ministerin Schavan!

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Als absolut neutraler Atomwissenschaftler äußere ich mich in aller Regel nicht zu politischen Fragen. Unverantwortliche journalistische Indiskretionen veranlassen mich heute, von diesem Prinzip abzuweichen. Als Direktor des Kernforschungszentrums Ulm-Soeflingen bin ich empört, dass unser vertrauliches „Konzept für ein Energieforschungsprogramm“ in den Medien veröffentlich wurde.

Die Professoren Behrendt (TU Berlin), Renn (Uni Stuttgart), Schütt (Max-Planck-Institut Mühlheim), Umbach (Forschungszentrum Karlsruhe) und ich hatten uns bei der Übergabe unseres Papers am 24.6.2009 mit Ihnen ausdrücklich darauf verständigt, unser Konzept erst nach der Bundestagswahl am 27. September der Öffentlichkeit vorzustellen. Nun ist die Gefahr groß, dass unsere Vorschläge, neue Atomkraftwerke in Deutschland zu bauen und ein Atommüllendlager zwischen Riedlingen und Ulm oder im Allgäu zu errichten, im Wahlkampf zu einer Irritation der Bevölkerung beitragen und im Parteienstreit zerredet werden.

Da die demagogische Publikation durch die Financial Times nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, empfehle ich Ihnen eindringlich:

– Geben Sie Ihre edle Haltung, den Bürger in Wahlkampfzeiten nicht mit komplizierten Inhalten zu überfordern, auf!

– Sagen Sie den Wählerinnen und Wählern, dass wir die Weltklimakatastrophe nur durch den Bau und den Betrieb neuer Atomkraftwerke verhindern können!

– Legen Sie dar, dass nur Kernkraftwerke unsere Wirtschaft, die sich in der schwersten Krise seit 1929 befindet, sicher und kostengünstig mit Energie versorgen und somit zu einem Konjunkturaufschwung beitragen können!

– Sagen Sie den Wählern, welche positiven Auswirkungen ein Atommülllager westlich von Ulm für die Wirtschaft, die regionale Beschäftigungslage und die kommunalen Finanzen haben wird.

Verehrte Frau Schavan! Gehen Sie ohne Hemmungen in die Offensive und ergänzen Sie Ihren Wahlkampfslogan „Wir haben die Kraft“. Schleudern Sie den Wählerinnen und Wählern, die nach Orientierung suchen, entschlossen entgegen: „Wir haben die Atomkraft!“ Ich und alle anderen unabhängigen Atomforscher Deutschlands sind davon überzeugt: Ihre klare und mutige Position wird am 27.September durch eine überwältigende Mehrheit der Erststimmen im Wahlkreis Ulm honoriert werden. Der kluge Ulmer wählt Annette Schavan und damit eine vernünftige Energieforschung und Energieversorgung!

Mit den besten Wünschen

Professor Quasselstrippe

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Anmerkung zur strikten Objektivität unserer wissenschaftlichen Arbeit

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Kritiker von fragwürdiger Kompetenz ziehen immer wieder die Unabhängigkeit unserer Forschung im Kernforschungszentrum Ulm-Söflingen in Zweifel. Deshalb betone ich ausdrücklich: Wir fühlen uns im KFZ-Ulm-Söflingen einer Wissenschaftsethik verpflichtet, die sich jeder Einflussnahme durch Politik und Wirtschaft verschließt. Es geht uns ausschließlich um die Gewinnung objektiver Erkenntnisse. An unserer wissenschaftlichen Unabhängigkeit ändert auch der Sachverhalt nichts, dass nebensächliche Forschungsbereiche unseres Institutes von RWE, EON, EnBW und SWU finanziell gefördert werden.

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19.9.09

Schavan im Gespräch mit Quasselstrippe

In den vergangenen Wochen war der Chefredakteur der lokalen Presse unterwegs und besuchte einige Damen der Ulmer Elite. Leider gelang es dem Journalisten nicht, mit den Frauen ein persönliches Gespräch zu führen. Die Dialoge erbrachten nur langweilige, längst bekannte Informationen, Erhellendes über die Persönlichkeit der Gesprächspartnerinnen erfuhr der Leser nicht. Deshalb schickten wir vom Donaufisch Quasselstrippe los. Er brachte Interviews mit, die uns die Sprache verschlugen. Sein erstes Gespräch führte Quasselstrippe mit der Bundesbildungsministerin Annette Schavan.

Frau Ministerin! Ich habe Düsseldorfer Alt, Klosterfraumelissengeist und selbst gemachten Likör nach einem alten Rezept meiner Großmutter mitgebracht. Was darf ich Ihnen anbieten?

SCHAVAN: Ich trinke selten Alkohol. Gelegentlich bei Abendgesellschaften ein Gläschen. Aber jetzt am Morgen?

Eine so bedeutende Frau wie Sie, Frau Ministerin, sollte sich nicht durch Regeln gängeln lassen, die nur für Wesen gemacht sind, die sich nicht selbst regieren können.

SCHAVAN: Also schön. Aber nur weil Sie es sind. Als Literaturliebhaberin schätze ich Ihre facettenreichen Texte. Dieser Wertschätzung wegen möchte ich Sie nicht brüskieren

O, Frau Ministerin, Sie beschämen mich!

SCHAVAN: Likör, bitte!

(Nach einem etwa einstündigen Vorgespräch und einigen Gläsern Likör und Altbier beginnt unser Interview)

Fangen wir mit den Fragen zum Urlaub an, Frau Ministerin. Finden Sie es nicht ätzend, 13 Jahre hintereinander am Bodensee Urlaub zu machen?

SCHAVAN: Doch! Aber mir bleibt keine Wahl. Die Berater sagen, um in der CDU in Baden-Württemberg zu punkten, reicht es nicht, katholisch zu sein. Als unverheiratete, kinderlose, allein lebende Frau brauchst Du zumindest das Image, bodenständig zu sein.

Also mehr Pflicht denn Neigung?

SCHAVAN: Was sonst? Könnte ich noch ein Gläschen von dem wunderbaren Ingwerlikör haben? (Gießt sich selbst ein)

Wen würden Sie auf eine einsame Urlaubsinsel mitnehmen, Frau Ministerin?

SCHAVAN: Leonardo DiCaprio vielleicht. Oder Brad Pit. Irgendwas junges Knackiges halt. Langweile Dödel hab ich in Berlin genug. Prösterchen, meine liebe Quasselstrippe! Wollen wir nicht „Du“ sagen? (Wir stoßen an.)

Haben Sie … Hast Du unerfüllte Urlaubswünsche, Annette?

SCHAVAN: Ich glaube, das kann ich nicht sagen, das ginge jetzt zu weit.

Liebe Annette, Du sagst immer, Du seist ganz normal, auch als Ministerin seist Du ganz normal geblieben und hättest nicht abgehoben, überhaupt seien die meisten Politiker ganz normale Menschen …

SCHAVAN: …also ich bin schon normal…aber das mit den anderen Politikern war gelogen. Als Ministerin hab ich ja eine Verantwortung für die Glaubwürdigkeit des Systems. Apropos Glaubwürdigkeit: Ich glaub, ich trink noch ein Gläschen von dem wunderbaren Likör.

Wie jeder Promi, der nach seinen Hobbies gefragt wird, hast auch Du, liebe Annette, neulich gesagt, dass Du gerne kochst. Der Langer kocht auch. Möchtest Du nicht mal mit dem zusammen was brutzeln? Für arme Ulmer in der Pauluskirche vielleicht? Kommt sicher gut an!

SCHAVAN: Nö! So wie der Langer aussieht, kocht der ganz anders als ich… Und das Rezept für dieses edle Tröpfchen stammt also tatsächlich von Deiner Großmutter? (Ich gieße nach)

Annette! Du wohnst hier in einer zum Luxusquartier umgebauten ehemaligen Kaserne. Warum?

SCHAVAN: Ich könnt Dir jetzt was erzählen vom schönen Blick auf Ulm … Aber das ist Quatsch! Ich bewundere Napoleon. Und hier oben hat Napoleon Bonaparte im Oktober 1805 gestanden, und die besiegten Österreicher mussten an ihm vorbeimarschieren und ihre Waffen ablegen. Tausende Männer mussten zu Kreuze kriechen…

Ah ja, verstehe, historisches Bewusstsein…

SCHAVAN: Nö, nur ein geiles Gefühl…So wie beim Fliegen!

Der Flug von Stuttgart nach Zürich mit einem Bundeswehrhubschrauber im Mai, um dort einen Vortrag zu halten, verursachte viel Ärger. „Verschwendung öffentlicher Mittel“, sagten viele. Hans Herbert von Arnim warf Dir vor, Deinen Amtseid zu verletzen…

SCHAVAN: (lacht) Der Arnim ist nur neidisch, weil er immer mit seiner Karre fahren muss und noch nicht mal einen Chauffeur hat…Ich sag Dir, Quasselstrippchen, es ist unbeschreiblich: Du besteigst den Hubschrauber, die feschen Herrn in Uniform salutieren, und dann geht s ab in die Lüfte – das ist berauschender als Likör trinken! Kennst Du den Roman von Erica Joung, Angst vorm Fliegen? (Ich gieße unsere Gläser nochmals voll)

Über Erica Joung sollten wir jetzt nicht sprechen. Das ginge zu weit. Bleiben wir bei der Politik. Was ist nach den Ferien die größte Herausforderung für Dich, liebe Annette?

SCHAVAN: Herausforderung? Tja, ich muss diesen blöden Bildungsgipfel im Oktober vorbereiten. Dabei habe ich in der Bildungspolitik sowieso nichts zu melden. Ländersache! Du verstehst? Aber man tut halt so, als sei man wichtig. So sind die Regeln. Ich könnte ja mal wieder vorschlagen, in allen 16 Bundesländern die gleichen Schulbücher zu verwenden. Was meinst Du? Da wären 16 Minister gleich ganz oben auf der Palme…(lacht)

Du liebst Ulm. Wie lange möchtest Du noch Abgeordnete für Ulm bleiben?

SCHAVAN: Tja, Liebe ist das nicht direkt. Ich sitze halt seit drei Jahren für dieses Kaff im Bundestag. Eigentlich wollte ich nie in die Provinz. Aber man braucht halt einen Wahlkreis. In einem Wahlkreis mit einem angestammten Platzhirsch, hast Du keine Chance, Kandidat zu werden. Die Ulmer CDU ist personell so ausgeblutet, die sind immer froh, wenn jemand kommt und kandidiert…

Frau Ministerin, ich danke Dir vielmals für das Gespräch. Und wenn Du mal wieder raus willst aus der Berliner Tretmühle – ruf an, ich hab noch einige Flaschen Ingwerlikör.

(Ich gieße noch einmal nach. Wir stoßen an.Prösterchen!)

10.9.08

Frustrationsbewältigung in der Politik

oder:  Frau Dr. Schavan liest vor

Leider vergessen wir allzu oft, dass unsere politischen Führer auch nur Menschen sind. Wie ihre Mitmenschen erleben sie Misserfolge und Anfeindungen, wie andere müssen sie einen Weg finden, um mit ihren Enttäuschungen und ihrer Niedergeschlagenheit fertig zu werden. Einen völlig neuen Weg schlug jetzt Bildungsministerin Schavan ein. Es wäre durchaus denkbar, dass ihr Beispiel für Bewältigung von Frustrationen anderen Politikern als Vorbild dienen wird.
In den vergangenen Monate hatte Frau Dr. Schavan eine Menge Ärger : Studenten feindeten sie wegen ihrer Pläne zur Abschaffung der Ausbildungsförderung an. Bildungsfachleute warfen ihr vor, dass sie mit dem Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen eine angemessene Schulausbildung vorenthalte. Die Wirtschaft rügte eine gravierenden Mangel an Ingenieuren und prangerte die hohe Quote an Studienabbrechern an. Und als sei dies alles nicht genug, zog die Ministerin nun den Zorn jener Organisation auf sich, der sie sich auf Erden am meisten verbunden fühlt : der katholischen Kirche. Auf einem CDU Parteitag hatte sich Frau Dr. Schavan, die katholische Theologin ist, für eine Liberalisierung der Forschung mit embryonalen Stammzellen eingesetzt. Mit Erfolg. Denn der Parteitag stimmte mit knapper Mehrheit für ihr Konzept. Da trat Furienkardinal Joachim Meisner auf die Bühne und wetterte : Schavan habe unter dem Druck von Interessenvertretern christliche Prinzipien aufgegeben, sie wirke an der Auflösung unseres Wertefundamentes mit. Schavan sei unwahrhaftig und prinzipienlos und missbrauche das Wort katholisch.
Verletzt und enttäuscht floh die Ministerin in ihre schwäbische Wahlheimat, um sich dort Musischem zu widmen und Gutes zu tun. Gemeinsam mit einem Organisten begab sich Frau Dr. Schavan in Ulm in die Georgskirche und las vor 400 dort versammelten Greisinnen und Greisen Texte zum Thema „… und es kamen Weise aus dem Morgenland“. Die Zuhörerschaft war wie verzaubert von der glockenhellen Stimme, von der kultivierten Sprechweise und der ausdrucksvollen Interpretation. Am Ende wurde stehend Applaus gespendet. Die Seele der Ministerin gesundete.
Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich rasch im politischen Berlin. Schon finden sich die ersten Nachahmer unter den Spitzenpolitikern, die sich von einem kulturellen Engagement ebenfalls die Bewältigung von Frustrationen erhoffen.
So planen dem Vernehmen nach die grünen Politiker Reinhard Bütikofer und Fritz Kuhn mehrere Auftritte in Comedysendungen; sie wollen Sketche von Stan Laurel und Oliver Hardy nachspielen. Guido Westerwelle wird im Unterhaltungsprogramm des nächsten deutsche Juristentages als Dragqueen zu sehen sein. Von Kurt Beck und Ulla Schmidt wird berichtet, dass sie auf zahllosen Gewerkschaftsveranstaltungen als Gesangsduo auftreten wollen, das altes proletarisches Liedgut zu Gehör bringt. Nun denn. Hoffentlich hilft es.

Vorwärts! Und nicht vergessen,
worin unsre Stärke besteht.
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts! Und nicht vergessen
Die Solidarität!

/ 1.2.08

Frau Dr. Schavan und Pisa

Die Pisa-Studie versucht die Leistungsfähigkeit und Qualität von Schulsystemen verschiedener Länder miteinander zu vergleichen. Alle drei Jahre führt die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) Tests in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften durch, an denen mehrere Tausend Schüler im Alter von 15 Jahren teilnehmen. Im Jahr 2000 wurde die erste Pisa-Studie erstellt; die neuesten Daten stammen von 2006 und wurden in 57 Ländern an 230 Schulen gesammelt, im Mittelpunkt stehen naturwissenschaftliche Kompetenzen der Schüler. Weltweit arbeiten 300 Wissenschaftler und ihre Mitarbeiter daran, Testaufgaben zu erstellen und die Ergebnisse der Tests auszuwerten.

Offiziell werden die neuesten Pisa-Ergebnisse erst am kommenden Dienstag von der OECD bekannt gegeben. Durch Indiskretionen einer spanischen Lehrerzeitung sind bereits einige Ergebnisse in die Öffentlichkeit gelangt. Danach schnitten die deutschen Schüler mit einem 13. Platz unter 57 Teilnehmerländern sehr passabel ab.
Kaum waren Teile der Pisa-Studie bekannt und eine ganz vage gehaltene Äußerung von Andreas Schleicher, dem Pisa-Koordinator der OECD, veröffentlicht, meldeten sich schon die konservativsten deutschen Bildungspolitiker zu Wort. Der niedersächsische Kultusminister Bernd Busemann will aus zukünftigen Pisastudien aussteigen. Annette Schavan, die deutsche Bundesbildungsministerin, glaubt, dass Andreas Schleicher der OECD schade und ein schlechter Berater der Mitgliedsländer sei, im Klartext : Schavan verlangt, dass ihn die OECD rausschmeißt.
Hintergrund der Anfeindungen ist nicht die Tatsache, dass Schleicher ganz vorsichtig davor gewarnt hat, die jetzigen Ergebnisse mit älteren ohne Vorbehalte zu vergleichen. Der Grund für die rüden Angriffe ist, dass der studierte Mathematiker und Physiker in der Vergangenheit immer wieder auf die gravierenden Mängel des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland hingewiesen hat.
Dabei steht der OECD-Mitarbeiter Schleicher mit seiner Kritik am deutschen Schulsystem keineswegs alleine. Immer mehr Wissenschaftler und Bildungspolitiker, Schulpraktiker (Lehrer und Rektoren) und Eltern verlangen eine grundsätzliche Reform des dreigliedrigen Schulsystems. Es selektiere, so heißt es, Schüler viel zu früh (am Ende der 4. Klasse im Alter von zehn Jahren) und führe zu einer systematischen Benachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Schichten und Migrantenfamilien.
Schleicher hat diese Benachteiligung am eigenen Leib erfahren : Am Ende seiner Grundschulzeit erhielt er zunächst keine Empfehlung fürs Gymnasium; später schaffte er den Sprung ans Gymnasium doch noch und legte  seine Reifeprüfung mit einer Note von 1,0 ab.

Es gibt Schüler, die von ihrem Lehrer eine schlechte Zensur erhalten, und daraufhin den Lehrer attackieren, indem sie ihm Parteilichkeit oder Inkompetenz vorwerfen. Die Ursache für ihre schlechte Benotung suchen sie zuletzt bei sich selbst. Von einer Bundesbildungsministerin erwarte ich, dass sie sich nicht benimmt wie eine Schülerin, die ihren charakterlichen Reifungsprozess noch lange nicht abgeschlossen hat. Ist diese Erwartung zu hoch?
Erhält Annette nun wegen Undiszipliniertheit eine Stunde Arrest?

Frau Dr. Schavan und das BAFöG

Als Vorsitzender des Vereins wohlhabender Studenteneltern möchte ich es ganz deutlich sagen: Um die Ausbildung an unseren Hochschulen ist es schlecht bestellt. Unsere Kinder sitzen in überfüllten Seminarräumen und Hörsälen, werden in Labors von zu wenig Personal ungenügend angeleitet und vermissen eine persönliche Betreuung durch Dozenten und Professoren.
Die Massenuniversität führte zu einer Entqualifizierung des Studiums. Die Universitätsabschlüsse unserer Kinder sind nichts mehr Wert und können einem internationalen Vergleich nicht standhalten, allenfalls einen Vergleich mit dem Abschluss in der Ukraine oder in Weissrussland. Die Schuld für die Misere tragen sozialistische Gleichmacher. Sie geben jedem Schnorrer von unseren Steuergeldern und nennen das Bundesausbildungsförderung.

Auf diese Weise werden alle, die es durch ihre Leistung zu etwas gebracht haben, in mehrfacher Hinsicht bestraft: sie zahlen mehr Steuer als die Habenichtse und müssen ihre Kinder auf Universitäten schicken, die nichts mehr taugen, weil sich die Habenichtse ihrer bemächtigt haben. Jedermann mit Verstand erkennt sofort : auf diese Weise wird durch staatliche Umverteilung die Grundlage unserer freiheitlichen Gesellschaft zerstört.

Angesichts dieser Lage blicken wir vom Verein wohlhabender Studenteneltern mit großer Dankbarkeit auf die wenigen Politiker, die es noch wagen, sich dieser Entwicklung entgegenzustemmen und die universitäre Ausbildung wieder zu dem machen wollen, was sie sein muss: Auszeichnung und Chance für jene, deren Eltern etwas geleistet haben.
Und seien wir doch einmal ganz ehrlich : kann man von jemandem sagen, er habe etwas geleistet, der nicht einmal in der Lage ist, seinem Sohn oder seiner Tochter aus eigenen Mitteln ein Studium zu bezahlen?

Unsere Bundesbildungsministerin, Frau Dr. Schavan, zählt zu jenen mutigen Politikern, die sich mit uns zum Ziel gesetzt haben, der Massenuniversität ein Ende zu bereiten. Da die Ministerin in den Jahren von 1974 bis 1980 studierte, weiss sie aus eigener Erfahrung, was Massenuniversität bedeutet. Als kultivierte Frau aus gläubigem Hause, die katholische Theologie und Erziehungswissenschaften studiert und sich in ihrer Doktorarbeit mit der Gewissensbildung beschäftigt hat, ist sie außerdem über jeden Verdacht erhaben, gewissen- und herzlos zu handeln.
Das macht sie für uns zu einer geschätzten Mitstreiterin.
Über Jahre hinweg konnte Frau Dr. Schavan verhindern, dass durch eine Erhöhung der Ausbildungsförderung für Studenten und des Elternfreibetrages noch mehr unfähige Müßiggänger aus den Unterschichten an die Universitäten drängten. Ihrer tatkräftigen Unterstützung bei der Einführung von Studiengebühren ist es zu danken, dass viele Abiturienten vom Studium abgeschreckt wurden.
Für diese Verdienste wollen wir Frau Dr. Schavan ganz herzlich danken. Als Ausdruck unseres Dankes erlauben wir uns heute, die Frau Ministerin zum Ehrenmitglied unseres Vereins wohlhabender Studenteneltern zu ernennen, wohlwissend, dass Frau Dr. Schavan weder verheiratet noch Mutter ist. Das spielt keine Rolle. Allein die Gesinnung zählt.

Wir sind sicher, dass Frau Dr. Schavan auch zukünftig für unsere Sache streiten wird. Rückschläge wie die jetzt bevorstehende Erhöhung des BAFöG bringen uns und die Ministerin nicht vom Kurs ab. Mit großer Freude sehen wir Frau Dr. Schavans Vorschläge, das Studium über Kredite zu finanzieren oder durch einen Job das nötige Geld zu verdienen. Sie zeugen von der Weitsicht und strategischen Begabung der Ministerin und geben uns vom Verein wohlhabender Studenteneltern Anlass, voller Zuversicht auf die Zukunft der Universitäten zu blicken.

Quasselstrippe, 1.Vorsitzender des Vereins wohlhabender Studenteneltern