Bangen um Braunfels‘ Bröselbeton

Pinakothek

Vor einer Woche erreichte uns eine erschütternde Nachricht. Die vom Architekten Stephan Braunfels in München erbaute Pinakothek der Moderne musste geschlossen werden. Täglich kommen 1000 Interessierte in das Museum, seit Dienstag, den 11.10.2011, ist es keinem Besucher mehr zugänglich. Die „Lange Nacht der Museen“ konnte dort nicht stattfinden, zwei geplante Ausstellungen mussten ebenfalls abgesagt werden.

Der Grund für die Schließung der „Pinakothek der Mängel“, wie sie die Süddeutsche Zeitung nannte, sind gravierende Bauschäden. Im September 2002 war das Museum eröffnet worden, 121 Millionen Euro hat es gekostet, und nun zeigt es nach neun Jahren Mauerrisse in der Rotunde, also dem Foyer der Pinakothek, das von einer Lichtkuppel überwölkt ist.

Die gravierenden Schäden machten die Errichtung eines Gerüstes erforderlich. In den kommenden Wochen soll eine Untersuchung durch Fachleute durchgeführt werden. Bereits 2007 wurden Risse entdeckt, allerdings nahm man sie nicht ernst und beschränkte sich auf kosmetische Ausbesserungsarbeiten.

Die Untersuchungen sollen aufklären, woher die Schäden in der Vorsatzschale der 21 Meter hohen Rotunde kommen, wer dafür verantwortlich ist und ob das Problem früher hätte erkannt werden können. Während die Haftungs- und Gewährleistungsansprüche der Bauunternehmen verjährt sind, haftet der Architekt Braunfels 30 Jahre lang.

Eine Vermutung, warum es im Mauerwerk zu Rissen kam, wurde auch schon geäußert: Nach Braunfels Plänen wurden die Betonteile der Rotunde aus einem Stück gegossen, die Mauern sollten bündig sein. Braunfels verzichtete aus ästhetischen Gründen auf die sonst üblichen Dehnungsfugen. Seit Jahren lasse sich beobachten, dass der Beton schwinde, sagte der Leiter des Bauamtes München Kurt Bachmann.

Braunfels selbst sucht die Ursachen für die bedenklichen Schäden in den Sparzwängen, die ihm der Freistaat Bayern als Bauherr seinerzeit auferlegt habe. Nur 500 Euro hätten pro Kubikmeter Bausubstanz zur Verfügung gestanden. 1000 Euro hätten es mindestens sein müssen.

Für die Ulmer sind diese Nachrichten aus München eine Katastrophe. Zwei der drei Bauten ihrer Neuen Mitte wurden von Stephan Braunfels geplant, den sein Freund Alexander Wetzig, der Ulmer Baubürgermeister, in die Donaustadt geholt hat. Müssen die Ulmer nun auch damit rechnen, dass der Sparkassen- und der Inhoferbau in wenigen Jahren Risse bekommen und zerbröseln?

Der Wirt vom DF ist davon überzeugt, dass Stephan Braunfels gute Arbeit geleistet hat und die Ursachen für die Betonschäden nicht in fehlenden Dehnungsfugen zu suchen sind. Bereits vor Jahren machten Forscher auf eine Tierart aufmerksam, die schwerste Schäden in Bauwerken anrichtet. In unserem Video sehen Sie einen TV- Bericht aus den siebziger Jahren, der sich mit diesem Tier beschäftigt, von dem Zoologen bis dahin glaubten, es sei ausgestorben.

21.10.2011

Städtebau und Stadtzerstörung in Ulm

Ich halte Beton für das edelste Material in der Architektur…Es ist…die teuerste Materialität, die man umsetzen kann. Es ist halt wahnsinnig schwer, guten Sichtbeton zu machen. Aber wenn es dann gelingt, hat es etwas, was kein anderes Material schafft: eine starke innere Plastizität und Kraft, eine – sozusagen – monolithische, pulsierende Skulpturalität, und das Gebäude ist eine große begehbare Skulptur…“

(Stephan Braunfels in einem YouTube Video über das Paul-Löbe-Haus in Berlin. 12.04.2009)

Wer so redet, kann keine menschlichen Behausungen schaffen, Häuser, Wohnungen und eine Umgebung, in der sich Menschen geborgen und wohlfühlen. Die von ihm errichteten Bauten und die Materialien sind kühl und zweckmäßig.

Er baut nicht für Menschen. Er baut, um sein Ansehen und seinen Ruhm zu vergrößern. Er möchte in der Welt der Architektur etwas bedeuten, nicht Diener der Menschen sein. Industrie- und Großmarkthallen, Bürokuben, öffentliche Gebäude – das vermag er zu planen und hinstellen zu lassen. Die Menschen aber spüren: Es gibt schon zu viel Utilitarismus in ihrer Welt.

Die Menschen haben keine Freude an Denkmälern aus Beton und Glas. Und sie lieben die Vielfalt, die von Vertretern dieser Architektur systematisch zerstört wird. Der Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig ist ein Jünger Braunfels. Also dürfen die Menschen in der Stadt von ihm nichts erwarten, was ihnen gefällt und was sie lieben könnten.

Ulm wurde in seiner Geschichte einige Male zerstört. Zuletzt am Ende des Zweiten Weltkrieges durch Bomben. Nun wird es erneut zerstört. Von ästhetischen Normen, denen nur eine kleine, abgehobene, elitär denkende Minderheit anhängt. Und von Volksvertretern im Gemeinderat, die diesen Prozess nicht nur hinnehmen, sondern unterstützen, weil sie sich durch einen Blender Geschmacksempfinden und Urteilsfähigkeit haben lähmen lassen.

Nach jeder Zerstörung wurde Ulm neu aufgebaut. Wenn Wetzig und Gönner die Stadt verlassen haben werden und in dreißig, vierzig Jahren die Finanzlage der Donaustadt vielleicht gut sein wird, können die Menschen sich daran machen, die architektonischen Untaten der Jahre 1991-2015 zu beseitigen. Ein kleiner Trost.

„Städtische Region wird […] mehr und mehr zum kontrastlosen, einzigen und ausschließlichen Lebensraum für Millionen von Menschen. So vollständig, dass auch alle Naturprodukte, alles was an Naturprozesse erinnert, in technischer Aufbereitung, Verpackung erscheint.“

(Alexander Mitscherlich. Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Seite 52)

Wer in Ulm glaubt, die Wetzigsche Stadtzerstörung sei bereits vollbracht, täuscht sich. Die Gebäude von Stephan Braunfels und Wolfram Wöhr in der Neuen Mitte waren nur der Auftakt.

Jetzt geht es richtig los:
– mit dem kasernenartigen Neubau der Sparkasse im Zentrum,
– mit einer siebenstöckigen Schachtel Ecke Neue Straße / Frauenstraße,
– mit überdimensionierten Bauten, die sich nicht in die gewachsene Wohnumgebung einfügen in der Marchtalerstraße, in der Königsstraße und im Türmle.

Danach wird noch vor Erreichen des Ruhestandes vom Sichtbetonspezialisten Wetzig mit der Verunstaltung des Bahnhofviertels begonnen.

Den Ulmer Bürgern stehen harte Zeiten bevor.

Auf den Fotos sehen Sie das „Münstertor“, ein von Stephan Braunfels für den Unternehmer Inhofer direkt am Ulmer Münster errichtetes Gebäude. Das zweite Foto zeigt das Inhoferhaus aus Nordwesten, das erste Foto von Osten.

InhoferUlm

InhoferUlm1

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Lektüreempfehlung:

Jacobs, Jane. The death and life of great american cities. New York 1961

Mitscherlich, Alexander. Die Unwirtlichkeit unsrer Städte. Frankfurt 1969

Siedler, Wolf Jobst. Die gemordete Stadt. Berlin 1964

5.10.2011

Ulms wundervolle Stadtsanierung (UWS)

Wie schon oft wird Ulm Vorreiter sein, dieses Mal auf dem Gebiet der Stadtsanierung. Große Köpfe entwickelten ein Modell, das bald vielen Städte Vorbild für eine zeitgemäße und rentable Modernsierung maroder Stadtteile sein könnte. Wie so oft bei Entdeckungen wirkten Zufall und Fantasie in einzigartiger Weise zusammen.

Die Geschichte spielt im Ulmer Stadtteil Türmle. Der Name stammt vom Turm eines Forts, das 1855/56 als Teil einer gigantischen Festungsanlage errichtet worden war. Schon 1946 bauten Bürger dort in Eigenarbeit kleine Häuschen. Zuvor gab es auf dem Gelände nur einen Steinbruch und Wiesen und Baracken für Zwangsarbeiter, die in den Kriegsjahren für Magirus arbeiten mussten. Von 1953-57 errichtete die Ulmer Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft in diesem Stadtteil einige Wohnblöcke, in denen Vertriebene, Ausgebombte und finanziell Benachteiligte untergebracht wurden. Neben den Wohnblöcken gab und gibt es dort viele kleine Einfamilien- und Reihenhäuser. Das Türmle hat bis heute einen dörflichen Charakter, die etwa 1100 Bewohner kennen sich alle.

Nach Errichtung der Häuser und Vermietung der Wohnungen kümmerte sich die UWS wenig um ihr Eigentum. Nur die notwendigsten Renovierungen wurden vorgenommen; alle Mieter lebten zu niedrigen Mieten in einer schönen Umgebung, die mit zahlreichen Grünflächen Kindern herrliche Plätze zum Spielen bot; deshalb stellten die Mieter keine Forderungen. Vor kurzem erinnerte sich die UWS ihrer Wohnblocks, entsandte sachkundiges Personal zur Inspektion, das zu dem Ergebnis kam: Die meisten Hauser können nicht mehr saniert werden, neue sollen entstehen. 350 Mietern wurde gekündigt. Sie mussten alle ihr Viertel verlassen. Dorthin zurückkehren können sie nicht mehr. Die neuen Mieten werden viel zu hoch sein.

Nun machten sich Architekten Gedanken über den Städtebau der Zukunft und die Bebauung des Viertels Türmle. Wie die SWP erfuhr, waren die Vorgaben für ihre Überlegungen: plant energieeffiziente Häuser, macht Wohnungen mit variantenreichen Grundrissen. Wie der Stammtisch erfuhr, erhielten alle Architekten (die es noch nicht wussten) den Rat: die Quartiere müssen zweckmäßig, günstig im Unterhalt und sehr günstig bei der Errichtung sein. Ob sie sich in die vorhandene Bebauung einfügen, von den jetzigen Bewohnern akzeptiert werden und dem gültigen Bebauungsplan entsprechen, spielt keine Rolle.

Eine Jury unter dem Vorsitz unseres einzigartigen Ulmer Baubürgermeisters Alexander Wetzig wählte den Entwurf aus, der sich für die Bebauung des Türmle am besten eignet. Mit sicherem ästhetischem Urteilsvermögen fiel die Wahl einstimmig auf die „Ulmer Wohnschachtel“ (in Jurys, denen Herr Wetzig vorsitzt, wird immer einstimmig entschieden; das ist in Ulm Tradition).

Auf den drei folgenden Fotos sehen Sie, verehrte Leser, die Entwicklungsstufen der Wohnschachtel. Inspiriert durch einen Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs (Abbildung 1) kam dem Architekten eine einzigartige Idee (Abbildung 2). Die Ausarbeitung der Idee führte zum „Prototyp UWS“, also der „Ulmer Wohnschachtel“ (Abbildung.3).

UlmerSchuhschachtel

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UlmerWohnschachtel

***UlmerWohnschachtel

Nachdem der Abriss der alten Wohnblocks und eine verdichtete Bebauung beschlossen, der Prototyp der Wohnschachtel entworfen, der Gesamtplan fertiggestellt und nachträglich die schnelle Änderung des seit 1969 gültigen Bebauungsplanes in die Wege geleitet worden war, begann der Prozess der Bürgerbeteiligung: Im Rahmen dieses urdemokratischen Prozederes verkündete Dr. Pinsler die Neubaupläne und gab den Bürgerinnen und Bürgern unbegrenzt Gelegenheit, die wunderbare Sanierung und die hervorragende Vorarbeit von UWS, Baubürgermeister und Architekten zu loben.

Wir vom DF-Stammtisch sind der Meinung, dass die Ulmer Wohnschachtel über enormes Potenzial verfügt. Mit Hilfe dieses Systems, lassen sich schnell und preiswert alle sanierungsbedürftigen Stadtteile in Ulm und in jeder anderen Stadt in einen zeitgemäßen Zustand bringen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Durch eine exzellente Rendite werden Investitionen im Bereich der Stadtsanierung für jedes Wohnungsbauunternehmen attraktiv. Auch der Bürger hat seine Vorteile: Egal ob er sich in Ulm, Frankfurt, Stralsund oder Köln aufhält – die Wohngegend ist ihm vertraut, er fühlt sich überall zuhause.

Mit Herrn Baubürgermeister Wetzig, Herrn Dr. Pinsler und Herrn OB Gönner tritt der Stammtisch den Bestrebungen etlicher Querulanten vom Türmle energisch entgegen, mitten in einer modernen Stadt wie Ulm ein Dorf erhalten zu wollen!

Im Interesse unserer Ulmer Wohnungsbaugesellschaft (UWS), die durch großes Pech bei Zinswetten mit der Deutschen Bank voraussichtlich 3,5 Millionen Euro verlieren wird, und im Einklang mit Herrn Baubürgermeister Wetzig, Herrn Pinsler und Herrn Gönner sprechen wir uns mit Nachdruck gegen langweilige Satteldächer und für moderne Flachdächer, gegen duckmäuserische Anpassung an die Wohnumgebung und für provozierenden Kontrast aus!

Im Interesse aller Bürger Ulms fordert der Donaufisch: Verdichtet endlich die Bebauung in unseren Städten! In einer Welt, in der die Menschen oft eine vereinzelte und vereinsamte Existenz fristen, kann größere Nähe nur nützen.

Weitere Artikel über die UWS finden Sie unter:

UWS Spekulationsgeschäfte – Ulm verliert Millionen / 9.4.2008

UWS Spekulationsgeschäfte / 21.11.2009

UWS Spekulationsgeschäfte 2 / 5.8.2010

Spekulationsgeschäfte in Ulm

12.9.2011

Der Alte Friedhof

oder: Das Konzept zur Neugestaltung

AlterFriedhofUlm

Im Ostteil Ulms liegt eingebettet zwischen katholischer Georgskirche und evangelischer Pauluskirche ein annähernd 40.000 Quadratmeter großer Park, „Alter Friedhof“ genannt. Seit 77 Jahren nutzen die Bürger ihn als Grünanlage. Immer noch findet man dort 172 Grabstätten, darunter im nördlichen Teil auch jüdische.

Als idyllischen Ort mitten in der Stadt sehen den Alten Friedhof nur sentimentale Alte. Menschen mit nüchterner Perspektive erblicken etwas anderes: einen wilden Park mit kranken alten Bäumen und einer zu üppig wuchernden Vegetation, schlechten Wegen mit uneinheitlichem Belag und miserabler Beleuchtung, schadhafte Parkbänke sowie Grabsteine und Mauern, die kaum noch saniert werden können. Im Auftrag der Stadt fertigte der Gartenarchitekt Edmund Spengler eine Bestandsaufnahme mit Sanierungskonzept, die er Mitte Juli 2011 der Öffentlichkeit vorgelegte. Fazit des 51 Seiten langen und sehr reich bebilderten Berichtes:

Viele alte Bäume sind krank und sollten entfernt werden; aber auch gesunde alte Bäume müssen zum Teil durch neue ersetzt werden, weil eine Verjüngung nottut. Überhaupt gefällt dem Gartenarchitekten nicht, dass der Park von außen schlecht eingesehen werden kann. Deshalb sei eine Auslichtung dringend erforderlich.

Recht hat Edmund Spengler. In einem Park sollten auf gar keinen Fall zu viele Bäume stehen. Schließlich handelt es sich um einen Park, nicht um einen Wald. Und über Spenglers zweiten Vorschlag sind sich nun wirklich alle einig: Nur ein sehr lichter Park ist ein guter Park. Grade im Hochsommer, wo jeder gern an einem heißen Plätzchen im Freien weilt, können viele Besucher des Alten Friedhofes die Sonne nicht richtig genießen, weil das Blätterdach der überdimensionalen Bäume viel zu dicht ist. Zudem wird dem eiligen Passanten der Einblick in den Park durch die wild sprießende Vegetation verwehrt. Eine nicht hinnehmbare Benachteiligung!

Unsere Stammtischschwester Lucie Lu ist in ihren Vorstellungen, was aus dem Ulmer Alten Friedhof werden soll, noch viel radikaler als der Gartenarchitekt. Für Lucie gehören langweilige alte Parks der Vergangenheit an. Der Alte Friedhof sollte ihrer Meinung nach der erste Park der Donaustadt sein, der nach einem zeitgemäßen Konzept gestaltet wird. Mit großem Engagement sagte Lucie (sie schreibt hauptberuflich für die Wiener Kunstzeitschrift „Ästhetische Kategorien“)neulich am Stammtisch:

„Der bürgerliche Park des 19. Jahrhunderts muss in eine postmoderne Regenerationszone umgewandelt werden, die dem Menschen ganz innovative Formen der Freizeitgestaltung bietet. Mit Baubürgermeister Alexander Wetzig verfügt Ulm über einen international anerkannten Stadtplaner und Sichtbetonspezialisten, der bereits mit der Gestaltung des Ulmer Münsterplatzes und des Hans-und-Sophie-Schollplatzes neue Maßstäbe setzte.“

MeierbauUlm

Auf unseren Fotos oben erhalten Sie, verehrter Leser, einen ersten Eindruck vom Alten Friedhof und von der postmodernen Platzgestaltung in Ulm durch Alexander Wetzig. Wie dem Betrachter sofort auffällt, wird auf den Ulmer Plätzen auf Elemente der Flora fast gänzlich verzichtet. Aus gutem Grund.

Pflanzen und Natur symbolisieren das Triebhafte, Geile, Unkontrollierbare, kurzum das Chaos. Wie sagt Walter Faber über die widerliche Natur in einem Roman Max Frischs: „Überall, wo man hinspuckt, keimt es.“ Die hässliche Natur ist der Feind von Geist und Kultur, von postmodernem Menschen und Zivilisation. Deshalb hat sie im innovativen Ulm der Gegenwart nichts zu suchen.

Neben diesem Aspekt sollte bei der Neugestaltung des Alten Friedhofes Berücksichtigung finden, dass auch postmoderne Parks über Multifunktionalität, optimale Aufenthaltsqualität für alle sozialen Gruppen sowie eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz verfügen müssen. Eine plane Fläche, mit edlem Stein (aus China?) gepflastert und mit nur wenigen Pflanzkübeln (Palmen?) geschmückt, würde auch den Pflegeaufwand und somit die Kosten für die Stadt Ulm erheblich reduzieren.

KunsthalleWeishauptUlm

Auf dem Foto sehen Sie die Nordseite der Ulmer Kunsthalle Weishaupt. Auch sie ist ein wunderbares Beispiel für die mächtige Wirkung planer Flächen auf den menschlichen Geist, der nur so ein Optimum an analytischem Denkvermögen entfalten kann.

6.9.2011

Leo und der Siddibahnhof

Als das Internetforum der Stadt Ulm eröffnet wurde, auf dem interessierte Bürger über die Gestaltung eines neuen Hauptbahnhofes diskutieren können, war Quasselstrippe, der Wirt vom DF, begeistert. Endlich nahm die Stadtverwaltung die Bürger ernst, endlich sollten sie mitreden dürfen.

War das der Beginn einer neuen Ära der Demokratie? Hatte Ivo Gönner, SPD, (bei Stuttgart 21 rigoros gegen jede Bürgerbeteiligung) sich zufällig an Willy Brandts alte Forderung „Mehr Demokratie wagen“ erinnert?

Der Wirt registrierte sich umgehend beim Forum und schrieb einen Brief an den Stammtischbruder Leo.

Große Arbeitsbelastung hatte diesen, der im DF(wegen seiner Kompromisslosigkeit) den Spitznamen Trotzki trägt, einige Zeit vom Besuch am Stammtisch abgehalten. Quasselstrippe forderte ihn schriftlich auf, es als Schwabenpflicht zu sehen, am Diskussionsforum Siddibahnhof Ulm teilzunehmen (haben wir eigentlich keine treffenden deutschen Ausdrücke mehr, die auch unser nicht Englisch sprechender Oberbürgermeister versteht?)

Die Antwort Leos war deprimierend. Aber lesen Sie selbst:

Werter Herr Wirt,

Sie finden mich völlig unvorbereitet zum Thema. Eigentlich bin ich jeglicher Bahnhofsdiskussionen im engeren und weiteren Sinne überdrüssig, weil völlig übersättigt. Aber ich möchte Ihnen trotzdem – improvisiert und aus dem Bauch heraus – antworten.

Zuerst: Was ist schon ein Bahnhof? Da kommen Züge an und fahren ab, und Menschen steigen ein und aus. Damit hat sich’s. Und wenn das Zugfahren noch so teuer, umständlich und unangenehm ist wie mit der Bundesbahn, was braucht es da noch großartige Bahnhöfe?

Und wenn ich an einer pseudopartizipatorischen Diskussion teilnehmen soll, die nicht nur nach dem panischen Versuch riecht, sondern geradezu danach stinkt, alles was auch nur im Entferntesten mit den Ereignissen um Stuttgart 21 zu tun hat, zu verhindern, indem die Menschen sich in völlig nutzlosen Internetforen zu Tode quatschen sollen, während die „Entscheidungsträger“ und „Macher“ sich insgeheim ins Fäustchen lachen, dann, ja was dann?

Dann wird mir wieder einmal klar, dass es eigentlich nur noch darum geht, einigermaßen ungeschoren davonzukommen. Unbehelligt von allen Diskussionen, in denen die Worte vorkommen:

„city“,
„urban“,
„Erlebnisräume“,
„Platzräume“
„Vernetzung“,
„Identifikationspunkt“,
„Juwel“ (!),
„Jahrhundertchance“ (!),
„Impulsgeber“,
„Brückenschlag“,
„Stadtquartier“,
„Machbarkeitsstudie“,
„städtebauliche Herausforderung“,
„Freiraumnetz“ (besonders dämlich),
„solitäre Gesamtskulptur“ (King Kong?),
„zeichenhafter Solitär“ (noch um 1 Stufe blöder),
„Freiraumkorridore“ (Einer flog über das Kuckucksnest?),
„qualitätsvolle Stadträume“ (hä?)
„Wegebeziehungen mit Dominanten“
„Kiss & Ride-Stellplätze“ (ist das ein Druckfehler?),
„Landschaftstreppe“ (Au weia),
„kraftvolle Stadtkante“,
„Campus-Platz“,
„überformte Blockstrukturen“
usw.
usf.
oh je …

Und dann melden sich da Horst Kächele und Emma Scheiffele, die sich ja auch längst einen Computer gekauft haben und in „dem Inderned“ zugange sind, welche heute natürlich die Nicknames Cityhopper57″ oder „Urban Guerilla“ tragen, und äußern sich in den Ihnen gegeben „Freiräumen“ zum Thema (was immer das auch sein mag).

Und machen Vorschläge:

Bahnhofsuhr als rotierender Würfel, solarstrombetrieben
Bus oben oder unten,
Blau renaturiert oder als Aquädukt,
Fahrradbrücke,
Bushaltestelle ca. 20 cm weiter vorne oder hinten oder womöglich gar nicht,
Inlineskaterrampe im Bahnhofsshoppingbereich,
Cityökosupermarkt,
„Kinderlounge“ (kotz!).

Und dann kommen noch die reaktionären Stinker, die endlich mal keine Punks mehr auf dem Bahnhofsvorplatz haben wollen, sondern wieder „Normale“.

Und alle halten sich für Sachverständige,
Oder Bürger,
Oder womöglich beides (noch schlimmer, weil komplett falsch).

Und reden natürlich mit (nur: mit wem?).
Als ob sie an ihrer Modelleisenbahn arbeiten würden.
Als ob jemand anders als ihresgleichen zuhören würde.

Sie sehen also, lieber Wirt, dass ich wohl nicht der Richtige bin. Ich will eigentlich eher nur mehr unbehelligt bleiben.

Von all denen.
Und all dem.
Hätte mich früher natürlich empört, eine solche Haltung.
Ist aber schon lange her.
Kann mich kaum mehr erinnern.

Herzlichst Ihr Leo

11.7.2011

Citybahnhof Ulm – ein Partizipationsmodell?

Die Ulmer Bauverwaltung möchte den Bürgern einen neuen Hauptbahnhof schenken. Pardon. Einen C i t y b a h n h o f. Aber damit nicht genug: Ein ganzes Areal – so groß wie ein Dutzend Fußballfelder – soll neu gestaltet und bebaut werden. Die gewählten Volksvertreter haben sich Gedanken gemacht Die Bauverwaltung hat sich Gedanken gemacht. Und natürlich hat sich auch der Chef der Bauverwaltung Alexander Wetzig Gedanken gemacht.

Danach fand ein Architektenwettbewerb statt, 27 Architektenbüros nahmen daran teil, neun Entwürfe wurden von einer Jury ausgewählt.

Die vorgegebene Aufgabenstellung an die Architekten war bereits so restriktiv, dass wesentliche Fragen, z.B. das Weiterbestehen einer von täglich 30.000 Autos befahrenen Straße direkt vor dem neuen Hauptbahnhof, schon beantwortet waren noch ehe die Architekten sich überhaupt an die Arbeit machten.

Dabei wäre die Verlegung dieser stark befahrenen Straße in einen unterirdischen Tunnel etwas, was allen Reisenden, Spaziergängern, Einkaufsbummlern, Radfahrern am meisten nutzen würde, da sie problemlos ebenerdig und zügig von Bussen und Bahnen zum neuen Hauptbahnhof oder zum Stadtzentrum gehen könnten.

Daneben ist es mehr als fraglich, ob eine Stadt, die so hoch verschuldet ist wie Ulm (2009 betrug die Schuldenlast 127.876.000 Euro) überhaupt in absehbarer Zeit in der Lage sein wird, ein so teures Großprojekt zu finanzieren.

Wenn die Gemeinderäte nicht nur leeres und unverantwortliches Gerede pflegen, sondern es ernst meinen mit dem Abbau der Verschuldung öffentlicher Kassen und der Verantwortung vor kommenden Generationen, ist an ein Projekt von der Größenordnung des neuen Ulmer Hauptbahnhofes nicht zu denken.

Nach Auswahl und Platzierung von neun Entwürfen hat nun der Bürger das Wort.

100 Bürger trafen sich vergangenen Donnerstag im Stadthaus und wurden dort von unserem Baubürgermeister persönlich informiert. 121.987 Bürger hatten offenbar kein Interesse oder keine Zeit, diese Veranstaltung zu besuchen.

In einem von der Stadt Ulm in Auftrag gegebenen und von einem Münchener Kommunikationsbüro organisierten und betreuten Internetforum können nun Vorschläge, Kommentare und Meinungen ins Netz gestellt werden.

40.000 Euro lässt sich das die Bauverwaltung kosten. Nützlich angelegtes Geld, um die demokratische Partizipation zu stärken, oder Alibiveranstaltung, um sich zusätzlich Legitimation zu kaufen?

Zum Ulmer Diskussionsforum: http://www.citybahnhof.ulm.de/

Der DF wird Sie weiter auf dem Laufenden halten. Schon bald werden Sie erfahren, was unser Stammtischbruder Leo in einem Brief an Quasselstrippe zu diesem städtischen Forum zu sagen hat.

10.7.2011

Die Brücke

Adenauerbrücke1

Sie stellen sich das sicher ganz einfach vor, verehrte Leser: eine Brücke, die Adenauerbrücke in Ulm, 1954 erbaut und täglich von 96.000 Fahrzeuge frequentiert, ist nach sechzig Jahren heruntergekommen. Sie weist nicht nur gravierende Schäden auf, auch an der Zuverlässigkeit der Statik bestehen gutachterlich geäußerte Zweifel.

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Da gibt es nicht viel zu überlegen, denken Sie: Sofort Pläne für den Abriss und den Bau einer neuen Brücke ausarbeiten und sich dann rasch an die Ausführung eines Neubaus machen. Tja, das mag anderswo so ablaufen, in Ulm nicht. Hier gehen die Uhren anders und vor allem tickt unser Baubürgermeister Alexander Wetzig anders.

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Herr Wetzig ist nämlich Feingeist. Er befasst sich ungern mit Trivialem. Die Erneuerung von Brücken, die Sanierung von Straßen und Baudenkmälern interessiert ihn nicht. Herr Wetzig ist Fachmann für Ästhetik, Spezialist für moderne Architektur, weltweit anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Errichtung schachtelartiger Stahlbetonbauten, wie sie die Ulmer Mitte zieren.

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Deshalb kann es in Ulm schon einmal passieren, dass es zu Problemen kommt, von denen nur unser Baubürgermeister Wetzig überrascht wird, sonst keiner:

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Jahrelang zerbröselte der Ulmer Bahnhofsteg, die Hauptverbindung für Fußgänger über die Bahngleise zwischen Innenstadt und Dichterviertel. Unser Baubürgermeister bemerkte nichts und unternahm nichts. Es kam so, wie es kommen musste: der Steg wurde baufällig, von einem Tag auf den anderen musste er gesperrt werden. Bis ein neuer gebaut war, vergingen Jahre. Die Fußgänger nahmen den Umweg, den sie nun täglich (oft mehrmals) gehen mussten, ihrem stets ohne jeden Selbstzweifel auftretenden Baubürgermeister zuliebe gerne in Kauf.

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Die durchs Ulmer Stadtgebiet führende B 10 führt durch zwei 1963 errichtete Tunnel. Bauschäden und mangelnde Verkehrssicherheit machten 2006 eine Sanierung der 385 Meter langen Oströhre dringend erforderlich; die 501 Meter lange Weströhre sollte später folgen.

Bald schon wurde deutlich, dass Baubürgermeister Wetzig mit dieser Aufgabe überfordert war: der Zeitplan konnte nicht eingehalten werden, Staus nahmen beständig zu, die Kostenplanung geriet aus den Fugen und die IHK machte Wetzig für Umsatzeinbußen des Handels verantwortlich.

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Schließlich beendeten der Präsident der IHK Peter Kulitz und der Geschäftsführer Otto Sälzle das hilflose Agieren Alexander Wetzigs auf ungewöhnliche Weise: mit einem Scheck von 200.000 Euro erschienen sie auf dem Ulmer Rathaus und verlangten, ein externes Planungsbüro mit der Projektsteuerung der B 10-Röhren-Sanierung zu beauftragen.

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Manchmal ist man sprachlos, wie Demokratie in Ulm praktiziert wird. Der IHK-Coup funktionierte: ein Hauptabteilungsleiter in der Ulmer Bauverwaltung verlor seinen Führungsposten, ein Abteilungsleiter quittierte frustriert den Dienst, ein externes Planungsbüro erledigte die Aufgaben der Ulmer Bauverwaltung. Im November 2013 wurde die Sanierung abgeschlossen; 25 Millionen Euro hat sie gekostet; Herr Wetzig hatte 2010 noch mit Kosten unter 10 Millionen gerechnet.

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Als vor wenigen Tagen nach siebenjähriger Sanierung ein nächtliches Tunnelfest gefeiert wurde, steckte sich der Ulmer Baubürgermeister eine kubanische Zigarre an (hat er die von Herrn Sälze bekommen?), blies den Rauch in die Luft und sagte, dass es Ärger ohne Ende gegeben, die Zusammenarbeit mit der IHK aber bestens geklappt habe.

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Doch Herr Wetzig lernt aus Erfahrungen.

Die jetzt zum Sanierungsfall gewordene Adenauerbrücke überspannt die Donau und gehört somit zur Hälfte zu Neu-Ulm (Bayern), zur anderen Hälfte zu Ulm (Baden-Württemberg). Eingedenk seiner schlechten Erfahrungen mit dem Bahnhofsteg übertrug Ulms Baubürgermeister die Planung für die Sanierung der Adenauerbrücke dem Staatlichen Planungsamt in Krumbach.

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Dort untersuchte man die Sachlage und kam zu folgendem Resultat: eine dringend nötige Sanierung der Brücke lohnt sich nicht mehr. Es kommt nur ein Neubau in Frage. Da das Verkehrsaufkommen seit der letzten Zählung 2010 zugenommen hat, ist eine Vergrößerung der Brücke von sechs auf acht Spuren nötig. Die Kosten für eine neue Brücke betragen 15-16 Millionen Euro. Wenn die Planungen jetzt anlaufen, kann 2018 mit dem Neubau begonnen werden. Wer die Verbreiterung der Adenauerbrücke nicht will, muss angesichts des erhöhten Verkehrsaufkommens eine weitere Donaubrücke am Ostrand der Stadt Ulm in Betracht ziehen.

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Wie jeder Ulmer erfuhr unser Baubürgermeister Wetzig von diesen Plänen und Vorschlägen des Bauamtes Krumbach aus der Presse. Und jetzt stellen Sie sich vor, verehrter Leser: Herr Wetzig war empört! Außer sich. „Das ist ein Affront!“ rief er laut aus. „Respektlos“ verfahre das Amt in Krumbach mit ihm. Er werde sich das nicht bieten lassen.

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Ja, sehen Sie Herr Wetzig, so geht es den Ulmern seit Jahr und Tag. Sie hätten gerne rechtzeitig und umfassend erfahren, was die Bauverwaltung plant, zum Beispiel bei der Einkaufsgalerie am Sedelhof. Doch die Bauverwaltung unter Ihrer Führung treibt meist das gleiche Spielchen: in der Verwaltung werden heimlich Pläne ausgearbeitet, sodann das Projekt auf den Weg gebracht. Wenn alles unabänderlich ist, werden die Bürger informiert, dürfen ihre Meinung sagen und Sie, Herr Wetzig, sorgen dann noch für eine gehörige Portion Zynismus, indem sie davon sprechen, dass in Ulm die Bürger auf vorbildliche Weise an politischen Entscheidungen beteiligt würden.

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Die Krumbacher Bauverwaltung hat einen Fehler gemacht. Sie hat keine schlechte Analysen und Pläne vorgelegt oder Unmögliches zur Diskussion gestellt. Nein. Sie hat unseren Herrn Baubürgermeister Wetzig in seiner Eitelkeit verletzt. Das war ein folgenreicher Fauxpas. Jetzt wird es vermutlich soweit kommen, dass die Adenauerbrücke irgendwann in den kommenden Jahren wegen mangelhafter Verkehrssicherheit ganz oder teilweise gesperrt werden wird, da kein Neubau beschlossen werden kann. Denn mit restriktivem Verhalten der Ulmer Bauverwaltung und der ebenfalls in ihrer Eitelkeit verletzten Ulmer Gemeinderäte sollten die Krumbacher Planer nun auf alle Fälle rechnen.

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Adenauerbrücke2

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Adenauerbrücke3

Kein Wengenturm

Missverständnis und Rechenfehler

Nun kann er leider nicht gebaut werden, der von Gottfried Böhm entworfene futuristische Turm der Ulmer Wengenkirche, der genau so ausgesehen hätte wie das neueste Raumschiff von Darth Vader. Warum nicht? fragen sich die Ulmer, die sich nichts sehnlicher wünschten als die Realisierung dieses Projektes. Die Erklärung ist verblüffend einfach: Ein kleines Missverständnis und ein kleiner Flüchtigkeitsfehler.

Am vergangenen Freitag lud Oberbürgermeister Gönner Vertreter der katholischen Kirche, des Landes Baden-Württemberg und Baubürgermeister Wetzig zu sich ins Rathaus. Zusammen rechneten sie nochmals die Baukosten durch. Prompt bemerken die Herren, dass doch tatsächlich bisher vergessen worden war, Mehrwertsteuer zu den veranschlagten Baukosten zu addieren, somit der Wengen-Turm nicht 1,2 Millionen, sondern 1,5 Millionen Euro kosten wird. (Ergibt 1,2 Millionen plus 19 Prozent tatsächlich 1,5 Millionen?)

Uns vom DF-Stammtisch machte diese Nachricht richtig stolz, da sie doch zeigt, dass die Ulmer Intelligenz im Rathaus auch schwierige mathematische Aufgaben zuverlässig zu lösen imstande ist. Aber dies hätte noch nicht zur Verschiebung des Bauprojektes geführt.

Wie die Ulmer Stadtverwaltung vor wenigen Tagen bekannt gab, wollten sich die Katholische Kirche, das Land Baden-Württemberg (das Eigentümer des Wengenturmes ist) und die Stadt Ulm die Kosten teilen: 400.000 sollte jeder bezahlen. Nun fiel Herrn Wetzig und den Vertretern des Landes in der Freitagssitzung ein, dass Baden-Württemberg eigentlich nie vorhatte, 400.000- Euro für den Turm auszugeben.

Wir vom Stammtisch vermuten, dass sich unser Baubürgermeister Wetzig in dem entscheidenden Telefonat mit der Stuttgarter Regierung verhört hat. Während die Regierungsvertreter sagten: „Wir übernehmen die Kosten für die Stabilisierung des Turmes in Höhe von 100.000 Euro“ verstand Herr Wetzig: „Wir zahlen ein Drittel der Bausumme“. Ein einfaches Missverständnis also, das kann schon mal vorkommen.

Nun hätte sich aber durch die Entdeckung des Rechenfehlers und die Aufdeckung des Missverständnisses der Finanzbeitrag Ulms zum Wengenturm von 400.000 auf eine volle Million erhöht. Deshalb beschlossen die versammelten Herren, das Projekt sofort zu stoppen. Die Ulmer Gemeinderäte wurden, wie sich das gehört, Tags darauf auf direktem Wege durch die Lokalpresse informiert.

Wir vom Stammtisch sind froh, dass wir mit unserem Oberbürgermeister und Herr Baubürgermeister Wetzig verantwortungsvolle Politiker im Rathaus haben, die nicht nur von den klammen öffentlichen Kassen reden, sondern mit dem Sparen richtig ernst machen.

Dennoch geben wir die Hoffnung nicht auf: Es werden auch wieder bessere Zeiten kommen. Sollte die Stadtkasse dann gefüllt sein und der Bau eines neuen Wengenturmes in Angriff genommen werden, hätten wir ein paar alternative Vorschläge zu dem Turmentwurf Gottfried Böhms.

Einer der bedeutendsten Stadträte Ulms und ein ausgewiesener Fachmann für moderne Kunst, Herr Gerhard Bühler von den Freien Wählern, bescheinigte unseren Entwürfen bereits außerordentliche ästhetische Qualität: „Das Stadtbild verträgt diese Türme“, sagte Herr Bühler zum Wirt Quasselstrippe als dieser ihm die Turmentwürfe für die Wengenkirche präsentierte.
Nachstehende Fotos zeigen die innovativen Entwürfe.

4.7.2010

1.Erlösung 2.Fegefeuer 3. Hiob 4.Sieben Plagen 5.Unbefleckte Empfängnis 6. Wasser zu Wein

Erlösung

Fegefeuer

Hiob

Plagen

Empfängnis

WasserzuWein

Bahnhofsteg und Blindgänger

Der Bahnhofsteg verband jahrzehntelang die Ulmer Innenstadt mit dem Dichterviertel. 6000 Menschen und mehr benutzten ihn täglich auf ihrem Weg zur Arbeit oder zur Schule. Der amtierende Baubürgermeister kümmerte sich um Ulms neue Mitte. Die war ihm wichtig. Neue Gebäude, architektonisch einmalig, überregionale Beachtung. Dem Zerfall des Bahnhofssteges schaute er untätig zu – über Jahre (übrigens genauso dem Zerfall der Ulmer Stadtmauer). Der wichtigste Lokalredakteur der SWP bemerkte vom Verfall der Brücke nichts und schrieb in seiner Zeitung kein Wort darüber, dass eine Sanierung dringend nötig sei und der Bürgermeister sich gefälligst ans Werk machen solle.

2008 war die Brücke schließlich baufällig und eine Sanierung nicht mehr möglich. Sie wurde abgerissen. Der Baubürgermeister hatte zwar einen Plan für einen Brückenneubau in seiner Schublade, aber diese Brücke wäre äußerst luxuriös und verschwenderisch teuer geworden, eben so, wie der Baubürgermeister es schätzt, der nie auf den Gedanken käme, etwas Zweckmäßiges und Günstiges bauen zu lassen, nur weil es die Menschen eben brauchen. Der wichtigste Lokalredakteur der SWP wurde von der Notwendigkeit des Brückenabrisses auch ganz unvorbereitet getroffen. Zum teuren Plan des Baubürgermeisters hatte er keine Meinung, zumindest schrieb er in seiner Zeitung darüber kein einziges Wort.

Tausende mussten jetzt täglich einen großen Umweg durch eine (vor allem bei Nacht) grausige Unterführung machen. Deshalb geriet der Baubürgermeister in die öffentliche Kritik. Zu seiner Rechtfertigung führte er an, eine neue Brücke gar nicht alleine realisieren zu können, weil die Deutsche Bundesbahn für die Planung und Genehmigung zuständig sei. Dann stellte sich heraus, dass die Aussagen des Baubürgermeisters gar nicht stimmten. Die Brücke kann von der Stadt alleine geplant und gebaut werden, die Bundesbahn hat dabei nichts zu melden. Der wichtigste Lokalredakteur der SWP meldete sich jetzt energisch zu Wort. Er forderte aber nicht etwa, den Menschen möglichst schnell eine neue und nicht so teure Brücke zu bauen. Nein, er nahm den Baubürgermeister in Schutz und entschuldigte umständlich dessen Pflichtversäumnisse, Schlampereien und Lügenmärchen.

Die Brücke wird jetzt 2010 gebaut. So beschlossen es die zuständigen Gremien der Stadt Ulm. Statt zu schweigen und dadurch andere mit seinem Versagen als Redakteur vielleicht zu versöhnen, meldete sich nun der wichtigste Lokalredakteur der SWP wieder zu Wort und befand: Wegen alter Bomben, die auf dem Bauareal vermutet werden, käme der Brückenneubau viel zu teuer und am besten wäre ein Verzicht auf die Brücke gewesen, da in zehn oder zwanzig Jahren sowieso eine neue Unterführung gebaut werde.

Wir von Donaufisch wollen einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass der neue Bahnhofsteg kostengünstig gebaut werden kann. Deshalb empfehlen wir dem Bombenräumkommando aus Stuttgart: Meine Herren, schauen sie zuerst in den Redaktionsräumen der SWP und dann im Ulmer Rathaus nach. Dort werden sie zwei Blindgänger finden, die gefährlicher sind als jene auf dem Baugelände.

15.3.2009

Die Ulmer Baugenehmigung

Völlig neue Wege beschreitet das „Planning Department and Building Controll Office“ in Ulm (früher: Bauamt Ulm) unter seinem Leiter Alexander Wetzig. Während viele Politiker nur darüber reden, dass Bürokratie abgebaut, der personell aufgeblähte Staat verschlankt, das Dickicht an Gesetzen und Verordnungen gelichtet und dem Bürger endlich wieder mehr Freiheit gewährt werden muss, handelt der Ulmer Baubürgermeister entschlossen. Mit der „planning and building permission to go“ bricht in der Donaustadt eine neue Ära an.

Was musste ein privater Bauherr vor der Wetzigschen Reform nicht alles an Vorschriften beachten? Die Dachform, die Gestaltung der Fassade, die Heizung (Gas von den SWU), die Bepflanzung des Vorgartens, Bodenbeläge, Küchenausstattung und Mobiliar – alles hatte sich an exakten Vorschriften zu orientieren, deren Einhaltung ein Heer von Mitarbeitern der Bauverwaltung überwachte. Und als sei das alles nicht schon umständlich genug, kam mit dem Landesdenkmalamt noch eine weitere Behörde ins Spiel. Damit ist nun Schluss. An die Stelle eines komplexen Verfahrens tritt ein einfaches Prozedere: Der Bauherr kommt mit seinem Architektenplan und einer Kostenkalkulation ins Planning Departement, der Beamte überprüft den Plan umgehend und erteilt nach Barzahlung einer Gebühr in Höhe von 25 Prozent der Bausumme an Ort und Stelle die Baugenehmigung. Dabei wird dem Beamten bei seiner Entscheidung ein sehr großer Ermessensspielraum eingeräumt. Gibt es ein einfacheres und vernünftigeres Verfahren?

Die Ulmer Baugenehmigung befindet sich bereits in der Erprobungsphase. Der erste Antragsteller war ein stadtbekannter Arzt, der sein denkmalgeschütztes Gebäude unweit der ehemaligen Ulmer Hochschule für Gestaltung durch einen Anbau vergrößern wollte. Nur fünfzehn Minuten dauerte der Aufenthalt des Antragstellers bei den Ulmer Behörden, schon war sein Gesuch positiv beschieden. „Wir haben“, sagte ein Beamter der Ulmer Bauverwaltung, „in diesem Fall auch ganz bewusst die kleinkarierten Einwände des Landesdenkmalamtes ignoriert.“ Das Landesdenkmalamt hatte in einer Stellungnahme den Bauantrag abgelehnt, weil durch den Anbau der Charakter des Hauses zu stark verändert werde. Abgelehnt wurde auch der Antrag eines Nachbarn des Arztes vom Ulmer Planning Departement. Auch er wollte sein Haus, das denselben Grundriss aufweist, ausbauen, und zwar genau so wie der Arzt. Der Beamte der Bauverwaltung meinte hierzu: „Was für den einen gut ist, taugt für den anderen nicht. Wir waren schon immer der Meinung, dass eine Verwaltung nicht alle Bürger über einen Kamm scheren sollte. Wir halten nichts von sozialistischer Gleichmacherei. Verdiente Bürger der Stadt verdienen auch eine zuvorkommende Behandlung.“

Leider ist es oft so in unserer Demokratie, dass neue Ideen zunächst sehr angefeindet und bekämpft werden, ehe die Vernunft siegt. So geschieht es jetzt auch bei der Ulmer planning and building permission to go. Ein uneinsichtiger Mensch macht Bürgermeister Wetzig das Leben schwer. Durch eine Dienstaufsichtsbeschwerde soll ihm ein Verstoß gegen seine Amtspflichten nachgewiesen werden.

Für uns vom Stammtisch ist das völlig unverständlich. Wo kommen wir hin, wenn jeder Prozesshansel unsere kreativen Geister vor den Richter zerren und ihnen die Zeit stehlen kann? Wir waren Feuer und Flamme, als wir vor ein paar Tagen in der Presse von Wetzigs neuester Vision lasen, die Albert-Einstein-Allee in einen Albert-Einstein-Campus-Boulevard umzugestalten. Allein schon der Begriff raubte uns den Atem. Was soll nun aus diesen genialen Plänen werden, wenn die Energien des Baubürgermeisters durch überflüssige Rechtshändel gebunden werden? Und was wird aus der unglaublichen planning and building permission to go?

4.2.2009