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Kein Zweifel – das Ansehen staatstragender Institutionen in Baden-Württemberg hat stark gelitten.

Die Landesbank (LBBW) versenkte in der Finanzkrise unter Ministerpräsident Oettinger über zwei Milliarden Euro durch unsolide Aktionen; deshalb musste das Land Baden-Württemberg fünf Milliarden frisches Kapital geben sowie Bürgschaften in Höhe von 12,7 Milliarden Euro übernehmen.

Obwohl die Bedeutung des Landtages ständig abnimmt und von den Abgeordneten immer weniger wichtige Entscheidungen zu treffen sind, beschloss der Landtag, dass er ab März 2011 vom Teilzeitparlament in ein Vollzeitparlament umgewandelt wird. Folge: die Abgeordnetenbezüge steigen.

Während die Menschen in Deutschland um ihre Arbeitsplätze bangen und Merkel und Westerwelle bei Armen und Schwachen sparen, plant die Stuttgarter Regierung den Neubau weiterer Ministerien. Auch die Volksvertreter sind nicht zimperlich; sie brauchen ein neues Landtagsgebäude und neue Abgeordnetenbüros. Unter menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, meinen die meisten Abgeordneten, müssten sie ihre schweren Aufgaben erfüllen.

Landtagspräsident Peter Straub hätte gerne als Dienstfahrzeug einen Porsche Panamera; da er im Alter von 70 Jahren im März 2011 als Politiker aufhören wird, will er es in den letzten Monaten seiner Amtszeit mit dem 300 PS starken und mindestens 76.000 Euro teuren Auto nochmal so richtig krachen lassen. Leider meinen sogar Parteifreunde von der CDU, dass durch eine solche Anschaffung das Ansehen des Parlamentes und der ganzen politischen Klasse leiden könnte, und verweigern dem Präsidenten die Erfüllung seines Wunsches.

Bundesweit kommen die Landesregierung von Baden-Württemberg und CDU-, FDP- und SPD-Abgeordneten im Landtag immer mehr in die Schlagzeilen durch das Bahnprojekt Stuttgart21. Trotz Kostenexplosion, gravierender Fehlplanungen und wachsendem Widerstand der Bevölkerung halten Parlament und Regierung unbeirrt an dem größenwahnsinnigen Projekt fest. Viele vergleichen Stuttgart21 bereits mit Wyhl. An diesem südbadischen Ort sollte vor 35 Jahren ein Atomkraftwerk gebaut werden. Massiver Widerstand der Bevölkerung führte damals jedoch dazu, dass die Landesregierung ihre Pläne aufgeben und der Bau des Kernkraftwerkes eingestellt werden musste.

Ja, das Ansehen von Regierung und Parlament hat gelitten, und das in einer Zeit, in der im März 2011 Landtagswahlen anstehen.

Was tun? fragen sich unsere Volksvertreter und unsere christliche Landesregierung. Werden noch mehr Wähler aus Frustration Wahlen fernbleiben? Werden sich noch mehr Bürgerinnen und Bürger von den „Volksparteien“ abwenden?

Was tun? Inhaltliche Korrekturen kommen nicht in Frage. Da bleibt nur eines: Wenn an der geplanten Politik nichts geändert wird, muss diese Politik in der Öffentlichkeit in ein anderes Licht gerückt werden. Die Bürgerinnen und Bürger sollen sich wieder mit Parlament und Regierung identifizieren, was immer diese Institutionen auch beschließen und durchführen.

Den Abgeordneten Reinhard Löffler (CDU) und Rosa Grünstein (SPD) kam die rettende Idee. Sie wollen Artikel herstellen lassen, die das Landeswappen Baden-Württembergs tragen: Taschen, Kugelschreiber, Postkarten, Porzellangeschirr und Weinflaschen. Diese wappenverzierten Produkte sollen das Herz der Menschen erobern. Die Sozialdemokratin Grünstein gerät regelrecht ins Schwärmen: „Wir haben so tolle Produkte. Das wäre eine gute Werbung fürs Land und für den Landtag.“

Recht hat Frau Grünstein. Und da auch wir vom Donaufisch-Stammtisch eine staatstragende Institution in Baden-Württemberg sind, wollen wir mit gutem Beispiel voran gehen. Auf den Abbildungen sehen das Landtags-Ochsen-Festbier und die Heimatrolle Baden-Württemberg. Diese Identität stiftenden Produkte können ab sofort, in unserem Donaufisch-Onlineshop bestellt werden. Eine Flasche Landtags-Ochsen-Festbier kostet 3,70 Euro, die Heimatrolle erhalten Sie für 2,45 Euro.

Die aus unserer Verkaufsaktion erzielten Gewinne fließen selbstverständlich wohltätigen Zwecken zu. Es ist uns eine Herzensangelegenheit mit diesem Geld dazu beizutragen, dass auch unsere Landtagsabgeordneten im Alter eine bescheidene Rente erhalten und nicht in demütigender Altersarmut leben müssen.

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13.8.2010

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Napoleonfestspiele in Ulm

UlmerFestspiele

Zur Handlung

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1. Szene: Abend. Alle Kirchenglocken läuten. Unter donnerndem Salut der bayerischen Garnison rollt eine grüne Kutsche über die Donaubrücke. Eskortiert von schmucken Gardejägern passiert sie das Herdbruckertor. Es ist der 22. Oktober 1809. In der Kutsche sitzt der mächtigste Mann der Welt: Napoleon Bonaparte. Mehrere siegreiche Schlachten gegen die Österreicher liegen hinter ihm. In seiner Tasche steckt der Schönbrunner Friedensvertrag. Er ist auf der Heimreise von Wien nach Paris. In Ulm muss er eine wichtige Angelegenheit klären.

2. Szene: Die Kutsche hält vor einem herrschaftlichen Gebäude. Bedienstete hasten herbei. Der Hausherr des Regierungspalais, Freiherr Karl Ernst von Gravenreuth, der bayerische Regierungspräsident, eilt die Treppen seines Amtssitzes hinunter, um den hohen Gast zu begrüßen. Dieser weilt zum zweiten Mal in Ulm. Fast auf den Tag genau vier Jahre zuvor war Napoleon vor den nördlichen Stadtmauern gestanden, wo 25.000 geschlagene Österreicher paradiert und Waffen und Pferde abgeliefert hatten.

3. Szene: Gravenreuth neigt sein Haupt ehrerbietig. Grenadiere des Ulmer Bürgermilitärs stehen Spalier. In würdevoller Haltung mit ernster Miene schreiten die beiden Männer durch das Hauptportal des klassizistischen Bauwerkes, während ein Kutscher mit lauter Stimme flucht und unverständliche Worte vom Kutschbock herunter brüllt.

4. Szene: Ein prächtiger Saal. Angesehene Bürger und Bürgerinnen sind versammelt. Napoleon blickt in die Runde und sagt: „Ülm – Unique! Libre! Magnifique!“ Sodann eröffnet er dem Freiherrn von Gravenreuth, dass Bayern die Stadt Ulm an Württemberg abtreten müsse. Ein Raunen erfüllt den Raum. Zwei der anwesenden Damen blicken verzückt auf den großen Franzosen. Die Gesichter der Herren zeigen große Freude. Der Stadtchronist lächelt und wiederholt: „Unique, libre, magnifique“ – Bravo! Bravissimo! Einfach genial dieser Mann, einfach genial!“

5. Szene: Napoleon steigt in die wartende Kutsche. Diese rollt durch die Frauengasse zum nördlichen Stadttor– auf behördliche Weisung hin ist die Gasse auf beiden Seiten hell erleuchtet. Jubelrufe erschallen: „Hoch lebe Napoleon!“ „Unique! Libre! Magnifique!“ „Hoch lebe ULM! „Die Einzigartige, die Freie, die Prächtige!“Die Nachricht, dass Ulm vom bayerischen Joch befreit wurde, hatte sich in der Stadt rasch verbreitet. Die Kutsche mit dem winkenden Kaiser entschwindet im Dunkel der Nacht. Im Schloss in Ludwigsburg wartet bereits ungeduldig der König von Württemberg auf den mächtigsten Mann der Welt.

Die Resonanz der Wirtschaft und der großen Politik auf die Veröffentlichung unserer Marketingidee ist bislang durchweg positiv. So erklärte das ortsansässige Unternehmen Ratiofarm, rechtzeitig zum Premierentag ein neues Medikament gegen Depression und Minderwertigkeitsgefühle auf den Markt zu bringen, das den Namen Napulmeon.forte tragen werde. Aus Brüssel erreichte uns ein Anruf des zukünftigen EU-Kommissars Günther Oettinger, der uns seine voll Unterstützung bei der Beantragung und Erlangung von Subventionen zugesichert hat. Während der Wiener Oberbürgermeister Michael Häutl nicht an der Premiere teilnehmen wird, hat der französische Staatspräsident bereits seinen Besuch zugesagt und sogar angeboten, die Hauptrolle zu übernehmen.

2.11.2009

Ulm als Marke

 Ulm soll eine Marke werden. Seit Jahren träumen sie im Rathaus davon. Daimler Benz kennt jeder – auf der ganzen Welt. Aber Ulm? Allen Menschen, allen Unternehmern, allen Reisenden soll sofort die Donaustadt einfallen, wenn sie überlegen, wo sie gerne wohnen, wo sie am besten produzieren und wohin sie am liebsten reisen würden. Im Rathaus läuft schon manchem der Sabber aus dem Mund, wenn er daran denkt, wie eine gute Vermarktung des Städtchens die Kassen bis zum Rand füllt.

Erwartungsvoll lud man deshalb einen Züricher Fachmann in die Münsterstadt. Professor Dr. Jürgen Häusler kam ins Stadthaus und verzauberte das Auditorium. Aus Ulm eine Marke machen? Ein Kinderspiel für den Marketingexperten: „Schaffung eines vielfältigen kommunikativen Systems…eine auf das Wesentliche reduzierte Botschaft kreieren…sich dabei des minimalistischen Ulmer Stils bedienen… denn Ulm hat alles, was zur Marke taugt: den Spatz, das Münster, Einstein und die Universität…kurzum: Zurückhaltung, klare Linien, Konzentration und – ganz wichtig – Briefköpfe, Schriftzüge und Logos aller Institutionen und Organisationen Ulms brauchen eine einheitliche Gestaltung.

Am Ende saßen die blassen Provinzräte mit offenen Mündern vor dem Vortragenden: Frau Kühne von der SPD fasste die allgemeine Stimmung in Worte: „Wir brauchen den großen professionellen Draufblick, und den bekommen wir jetzt.“ Der Professor wurde engagiert. 120.000 Euro erhielt er, damit er weiter darüber sinniere, wie aus Ulm eine Marke werde. Ein dreiviertel Jahr verging, dann ließ der Professor das Rathaus in einem Brief wissen, dass ihm zu Ulm trotz aller Anstrengungen immer nur „Nebel“, „Langeweile“ und „Kleingeistigkeit“ einfalle, sich daraus aber keine Marke entwickeln lasse. Deshalb schickte er beiliegend 120.000 Euro plus 5.000 zusätzlich zurück und bat um sofortige Entlassung aus städtischen Diensten.

An dieser Stelle der Geschichte kommt das Gasthaus Donaufisch ins Spiel. Eine Stunde nach Eintreffen des Briefes aus Zürich richtete ein Mitarbeiter des Oberbürgermeisters telefonisch die dringende Bitte an den Wirt, bei der Ausarbeitung einer „Marke Ulm“ behilflich zu sein. Hinter uns liegt eine Woche anstrengenden Brainstormings und erschöpfender Diskussionen, aber mit einem Ergebnis, das auch Sie überzeugen wird. Ausgangspunkt unserer Marketingstrategie ist eine große historische Gestalt, die mit der Stadt verbunden und überall in der Welt bekannt ist: Napoleon Bonaparte. Zweimal weilte Napoleon in Ulm, insgesamt 4 Stunden und 37 Minuten, verteilt auf einen Tag im Jahr 1805 und einen 1809. Bei einiger Vereinfachung (was ja beim Marketing immer nötig ist) könnte man sagen, dass er Ulm die Freiheit schenkte, indem er die Stadt aus den Klauen der Bayern befreite.

Dieser Akt steht im Zentrum der „Napoleonfestspiele“, die alljährlich auf der Wilhelmsburg Ulms aufgeführt werden. Dabei darf die Stadt mit etwa 1.000.000 Besuchern aus aller Welt rechnen, mehr als bei den Oberammergauern Passionsfestspielen, die uns als Inspirationsquelle dienten. Die Donaumetropole wird in Verlauf eines Jahrzehntes in ganz Europa, in Nordamerika, in Asien und hier vor allem in Japan zu einem Synonym für einzigartig, frei und prächtig („unique, libre, magnifique“; alternativ für den englischen Sprachraum: „unique, liberal, magical“).

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Napoleon in Ulm.

Festspiel in fünf Szenen
Nach einer Idee von Theophil Quasselstrippe

KaiserGönner

2.11.2009

Leidenschaft Fußball

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass Sport in meinem Leben bisher keine Rolle spielte, oder besser gesagt keine positive. Das hat sich geändert.

Schon als Schüler hasste ich den Schwimm- und Sportunterricht. Wegen des ererbten Hangs zu Ruhe und Trägheit? Wegen meiner Ungelenkigkeit? Wegen der großmäuligen Sportskanonen in meiner Klasse? Wegen des Zynismus‘ und der Schikanen unseres affenartigen Sportlehrers? Ich weiß es nicht. Jedenfalls mied ich bis ins fortgeschrittene Mannesalter Sportvereine, verbrachte die Stunden, während alle anderen vor dem Fernseher großen Sportereignissen beiwohnten, zufrieden im Garten beim Unkrautjäten und widerstand der Versuchung, die vor ein paar Jahren viele meiner Freunde und Bekannten ergriff, nämlich durch Jogging oder Walking die Fitness derart zu steigern, dass sich berechtigte Hoffnungen ergeben, die Lebenserwartung eines Methusalems zu erreichen. Elfriede, meine Ehefrau, teilt mein Desinteresse. Genau genommen war diese Seelenverwandtschaft, die wir in der Tanzstunde entdeckten, sogar einer der Gründe, warum wir uns näher kamen und so gut verstanden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Meine direkten Nachbarn können auch nicht als Sportinteressierte bezeichnet werden. Professor Schrade, er lehrt Betriebswirtschaftslehre, spielte wohl eine Zeitlang Tennis und Golf. Bei ihm habe ich allerdings den Eindruck, dass seine Mitgliedschaften weniger mit dem Wunsch zu tun hatte, Sport zu treiben. Heute liegen seine Schläger in der Garage – Miniskusprobleme, sagt er. Aus unseren Gesprächen über den Gartenzaun gewann ich den Eindruck, dass Professor Schrade sich heute weniger für die hübschen jungen Damen und die einflussreichen Sportkollegen im Tennis- und Golfclub interessiert als für optimale Anlagemöglichkeiten. Unser Geplauder am Gartenzaun beschäftigt sich ausschließlich mit der Entwicklung von DAX, Tec DAX, Down Jones und Investmentfonds.
Mein anderer Nachbar, Dr. Neumann, ist Biologe. Seine Freizeit gehört seinen zoologische Leidenschaften und diversen Aktivitäten im Bund für Umwelt- und Naturschutz. Hunde, Katzen, Bienenvölker, alle heimischen Vogel- und Insektenarten sowie Fledermäuse machen das Grundstück um sein Haus, das nach strengen ökologischen Grundsätzen angelegt ist, zu einem exotischen Privatzoo.

Vor ein paar Wochen begannen sich diese wohl geordneten Verhältnisse zu ändern. In meinen Gesprächen mit Schrade fiel mir auf, dass er immer häufiger von den Qualifikationsspielen zur Fußball-EM sprach. In wortloses Erstaunen versetzten mich dabei nicht nur seine Kenntnisse unzähliger Details, sondern vor allem der große Eifer, mit dem er über Fußball redete. Neumann, der sonst, wenn er überhaupt Zeit für ein Gespräch hatte, über Baumpflanzaktionen im Donauried oder ähnliches berichtete, suchte meine Nähe und zählte alle Spieler des deutsche EM-Kaders auf und gab ausführliche Erläuterungen zu Schwächen und Stärken der Kicker sowie zum Zustand ihrer Beinmuskulatur, Bänder und Gelenke. Von da an überschlugen sich die Ereignisse: Meine Nachbarn trugen in ihrer Freizeit die Trikots der deutschen Nationalmannschaft, aus ihren geöffneten Wohnzimmerfenstern drangen jetzt an Wettkampftagen die Stimmen von Fußballkommentatoren unterbrochen von wilden Schreien Professor Schrades und Dr. Neumanns, in Schrades Vorgarten stand plötzlich einen Fahnenmast, an dem die deutsche Flagge gehisst war, und neuerdings singt Neumann, wenn er neben seinem Froschteich steht, die Nationalhymne, wobei ihn sein Berner Senn, der ein schwarz-rot-gold gemustertes Leibchen trägt, mit großen Augen anschaut.

Was soll ich lange drum herumreden : So viel Begeisterung, solche Leidenschaft wirkt ansteckend. Elfriede und ich haben uns in der Schneiderei Trikots anfertigen lassen, weil unter der Konfektionsware leider nichts Passendes zu finden war. An der Fassade unseres Hauses prangt jetzt eine Deutschlandfahne, vor der wir in den Pausen zwischen den EM-Spielen auf unseren Gartenstühlen sitzen und die Triumphe unserer Nationalmannschaft genießen werden. Das Größte aber wird sein: Zum ersten Mal in unserem Leben werden wir zusammen mit den Nachbarn auf dem Münsterplatz ein Public Viewing besuchen – selbstverständlich mit den Farben Schwarz, Rot und Gold im Gesicht.

6.6.08

Von Löwenmenschen und Gipsköpfen

In Ulm ist eine Auseinandersetzung über Kunst entbrannt. Im Mittelpunkt steht eine 30 Zentimeter große Figur, die vor über 30.000 Jahren aus Elfenbein gefertigt und 1939 in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb entdeckt wurde. Bei der rekonstruierten Skulptur handelt es sich um ein aufrecht stehendes Wesen mit den Armen, den Beinen, dem Leib eines Menschen und dem Kopf eines Löwen. Der Mensch mit seiner Tiernatur ist die älteste von Archäologen jemals entdeckte Skulptur, sie steht von der Öffentlichkeit wenig beachtet im Ulmer Museum.

Ein geschäftstüchtiger Kulturmanager hatte nun die Idee, 100 Glasfaserkopien des Löwenmenschen von 2,25 Metern Größe fertigen und von Künstlern bemalen zu lassen, sie auf Plätzen und in Straßen der Stadt auszustellen, danach zu versteigern und mit dem Gewinn das Ulmer Museum zu unterstützen. Ein Künstler, der selbst Skulpturen herstellt, meldete sich zu Wort, nannte die großen Brüder des Löwenmenschen „Monster“ und die ganze Aktion ein „Kitschspektakel“, Herstellung und Bemalung der Kopien muten ihn wie eine „gestalterische Vergewaltigung“ an und zeigten mangelnden Respekt vor dem unbekannten Schöpfer aus der Altsteinzeit. Dies erzürnte wiederum den Manager, der dem Kritiker die Beschimpfung „Kulturfundamentalist“ entgegenschleuderte und auf seine Absichten hinwies, dem Museum zu helfen.

Unglücklicherweise blieb es nicht beim Streit zwischen Manager und Künstler. Die Diskussion wurde von der Lokalpresse weitergetragen. In Kultureinrichtungen, Schulen und Familien, an Arbeitsplätzen, auf dem Wochenmarkt und vor dem Sonntagsgottesdienst diskutiert die Bürgerschaft nur noch das Thema : Darf der Löwenmensch in einer überdimensionalen, stark vereinfachten und bemalten Glasfaserkopie abgebildet werden? Welche Grundschulempfehlung das Kind erhält, ob der eigene Arbeitsplatz in ein Billiglohnland verlagert wird und die Demontage des Gesundheits- und Rentensystems weitergeht, ob ein Beschäftigter zwei oder drei Jobs braucht, um sich und seine Familie ernähren zu können – diese Fragen traten alle in den Hintergrund, und die Stadtgesellschaft spaltete sich angesichts einer Frage der Ästhetik in zwei Lager.

Aus Verantwortungsgefühl und tiefer Abneigung gegen unversöhnlichen Streit erlaubt sich unser Stammtisch ein paar Vorschläge zu unterbreiten, die geeignet erscheinen, die Gräben in der städtischen Gesellschaft zuzuschütten und die beiden Parteien im Ulmer Kunststreit wieder zu versöhnen.

Kunst, Kunstvermarktung und wohltätiger Zweck werden zu einer Einheit verschmolzen. Die Kontrahenten des Ulmer Kunststreits tun sich zu einem Team zusammen. Manager und Künstler führen gemeinsam mehrere Projekte durch.

Projekt1 „Gipsköpfe“: Von den Köpfen aller vierzig Räte im Ulmer Stadtparlament werden Gipskopien angefertigt und sodann von ausgewählten Künstlern bunt bemalt. Die Popularität der Damen und Herren wird zweifellos sicherstellen, dass der Verkauf oder die Versteigerung der Gipsköpfe zu einem einträglichen Geschäft wird.

Projekt2 „Bronzene Statue“: Der populärste Oberbürgermeister, den Ulm je hatte, wird in fünffacher Lebensgröße in Bronze gegossen. Wir denken dabei an eine Statue wie jene auf dem Kapitol in Rom, die Marc Aurel, einen der großen römischen Kaiser, als Herrscher und ersten Diener von Land und Volk zeigt. Diese Statue könnte von der Kunsthalle Weishaupt aufgekauft und im Foyer des gleichnamigen Museums aufgestellt werden.

Zum Abschluss erlauben wir uns noch eine weitere Anregung. Da der finanzielle Spielraum der Stadt durch mehrere Großprojekte (Theatersanierung, Bau einer Mulifunktionshalle) in den kommenden Jahren sehr eingeengt sein wird, sollten die Erträge der Kunstprojekte dem Ulmer Donaubüro zufließen, dessen Mietkosten durch einen Umzug von bisher 18.000 € im Jahr auf 48.000 € steigen werden. Vielleicht könnte das Donaubüro als Gegenleistung dann die Aufgabe übernehmen, für den Ankauf von Reproduktionen der Bronzenen Statue und der Gipsköpfe in den Partnerstädten entlang der Donau zu werben.

/ 17.3.08

Kulturoffensive 2008

Ulm ist in aller Munde : der weithin bekannte Programmdirektor Limbert von der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit bescheinigte der Stadt auf einer Pressekonferenz in Berlin, dass sie durch ihre Donauaktivitäten „Weltpolitik“ betreibe (kein Scherz!). Peter Langer, der zukünftige Präsident der Donauakademie, nannte Ulm das „Genf des Donauraumes“ (kein Scherz!). Der Journalist und Heimatdichter Willi Freiherr von Böhmen (Name von der Redaktion geändert) kreierte in seiner lyrischer Prosa „Tagträumen über die Heimatstadt“ die atemberaubende Metapher von Ulm als dem „Nabel des Flusses“ (kein Scherz).

Nun, wenn eine Stadt sozusagen über Nacht vom Steiß der Welt zum Nabel des Flusses wird, kann dies nicht ohne Wirkung auf das kulturelle Leben dieser Stadt beiben. Ganz exklusiv informiert Sie der Donaufisch über Pläne, die bislang nur von hochkarätigen Insidern des Ulmer Kulturlebens diskutiert werden und unter dem Titel „Kulturoffensive 2008“ (sprich: 20 – 08) firmieren. Dabei handelt es sich um kulturelle Aktivitäten, die auf zwei Säulen ruhen : der privaten Initiative zweier Mäzene und einer städtischen Kulturpolitik mit fundamental neuen Ansätzen.

Die Stadt sieht es als ihre vordringlichste Aufgabe auf dem Gebiete der Kulturpolitik an, einen institutionellen Rahmen zu schaffen. Diesen werden in Zukunft die sogenannten Schwendier Kamingespräche bilden, wo sich Repräsentanten der Kulturverwaltung, Vertreter der Fraktionen und Mitglieder des Kuturausschusses mehrmals im Jahr treffen wollen. Im Hotel Oberschwäbischer Hof reflektieren und erörtern Teilnehmer der Kamingespräche Grundsatzfragen (Was ist Europa? Wo steht Ulm?) und philosophische Thesen (Kunst, Kultur und Wissenschaft sind in der Lage, neue Ideen hervorzubringen). Außerdem bieten diese Zusammenkünfte die Möglichkeit, städtische Initiativen auf kulturellem Gebiet den Plänen und Aktivitäten der Mäzene anzupassen.

Ein Großprojekt nimmt die Stadt mit dem Neubau eines Museums in Angriff, das in den östlichen Donauauen direkt neben dem Affenhaus gebaut werden wird. Dieses wird nach Fertigstellung alle Ehrungen präsentieren, die der Stadt durch namhafte Institutionen zuteil geworden sind. So stehen bisher z.B. die Auszeichnungen „gesündeste Stadt“ (healthy living), „energiebewußteste Stadt“ (energy award), und „toleranteste Stadt“ (Mudschaheddin und Jihad) auf der Liste, die später
Grundlage eines Museumskonzepts sein soll.

Neben Siegfried Weishaupt betätigt sich zukünftig ein zweiter Ulmer Unternehmer als Förderer großer Kunst: Der seriöse, aber herzliche Walter Feucht plant den Kauf des Ulmer Theaters und eine völlige Neugestaltung dieser Einrichtung. Bekannt ist bislang nur, dass sich der neustrukturierte Musentempel ähnlich den Theatern am Broadway mit populären Musicalproduktionen besser am internationalen Kulturmarkt positionieren soll. Der erste Auftrag zur Herstellung eines Musicals wurde bereits vergeben. „Fussballwunder von Ulm“ wird es heißen und wie der Name schon sagt, handelt es vom unglaublichen Aufstieg eines Fussballzwerges in die erste Bundesliga, der erst durch das überragende Management des Vereins möglich geworden war.

Andreas von Studnitz plant im Rahmen der Veränderungen eine Reihe „short classics“, die das Ziel verfolgt, klassisches Theater in zeitgemäßer Weise zu präsentieren. Bereits in der nächsten Saison möchte der Intendant Schillers „Wallenstein“ aufführen – und das in der Rekordzeit von nur 27 Minuten für alle drei Teile des Dramas. Diese von unnötigem Ballast befreite Inszenierung soll dem Theater neue Besucherkreise mit modernen Konsumgewohnheiten erschließen und somit ebenfalls dazu beitragen, das Theater zu einem sich selbst tragenden Wirtschaftunternehmen zu machen.