Der Tag im Cafe Liquid

Ulmer Promis und Halbpromis erhalten jetzt ihre eigene Fernsehsendung: „Der Tag im Liquid“ heißt eine neue Serie auf Regio-TV.

Die Videoaufnahmen der Überwachungskameras im Cafe Liquid werden täglich zu einem zehnminütigen Film zusammengeschnitten und abends im Regionalsender ausgestrahlt. Dabei sollen dem Zuschauer die besten Szenen des Tages präsentiert werden. Auf diese Weise hat der Ulmer Bürger die Möglichkeit, wenigstens ein bisschen am Privatleben Ulmer Prominenter teilzunehmen.

Das neue TV-Format wurde in Anlehnung an das RTL-Dschungelcamp entwickelt. Die Ulmer SPD ließ die Bürger bereits in einer Pressemeldung wissen, dass sie sich entschieden für eine gerechte Verteilung der Sendezeit einsetze. Der nächste OB-Kandidat der SPD Martin Rivoir beanspruche entsprechend seinem Stimmanteil bei den letzten Kommunalwahlen mindestens ein Drittel der abendlichen ausgestrahlten Sendung.

***

CafeLiquid1

***
„Ich werde natürlich auf gar keinen Fall irgendwelche Bilder im Internet veröffentlichen, irgendwie privat Werbung damit machen oder die Leute irgendwie daraufhin ansprechen, also: „Sie waren betrunken“ oder irgendwas.“

(Ulrich Fischer, Inhaber des Ulmer Cafe Liquid gegenüber Landesschau Aktuell)

Advertisements

Ulm – Die gläserne Stadt

Das Cafe Liquid in Ulm filmt seine Gäste. Videokameras zeichnen während der Geschäftszeit alles auf, was sich im Gastraum abspielt. Der Betreiber des Cafes Ulrich Fischer hält diese Maßnahme für nötig und rechtfertigt sie heute ausführlich in der Lokalzeitung. Dank der Überwachung sei es sogar gelungen, einen Dieb im Gastraum zu identifizieren, sagt Herr Fischer.

Die Juristin Sabine Stollhof, die sich im Auftrag des Landesdatenschutzbeauftragten äußert, hält die Videokontrolle in Gasträumen während der normalen Öffnungszeiten zwar für einen „schweren Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“, sieht aber keine Möglichkeit, das Abmontieren der Kameras zu veranlassen.

Nach der zweiten (geheimen) Personalakte an der Uniklinik Ulm, die 2010 für Schlagzeilen sorgte, und der Bespitzelung von Mitarbeitern bei Lidl nun also die Gastraumüberwachung im Ulmer Cafe Liquid. Bei der Bewertung dieser Überwachung sollten wir nicht voreilig sein. Sie bringt enorme Vorteile.

Wie jeder Ulmer weiß, verkehren im Cafe Liquid neben unserem verehrten Oberbürgermeister Gönner und engen Mitarbeitern auch etliche Schöne, Einflussreiche und Wichtige der Donaustadt. Könnte da die Erhebung von belastbaren Zahlen nicht in vielerlei Hinsicht von Vorteil sein?

Denken Sie an die Chance, Daten über die Anzahl und die Dauer der Cafehausbesuche wichtiger Persönlichkeiten zu erhalten, ihre Konsumgewohnheiten und Tischmanieren zu erfassen.

Oder an die Möglichkeit, Informationen über die Kleidung der Gäste zu sammeln. Wie oft wird der Anzug gewechselt? Welche Qualität hat er? Tragen die Damen echten Schmuck? Aus welchen Geschäften stammt ihre Garderobe?

Welcher Gast greift zu welchen Zeitungen und Zeitschriften? Welche Artikel werden gelesen? Zeigen wichtige Personen auffälliges oder gar absonderliches Verhalten? Können aus diesen Beobachtungen Rückschlüsse auf die politische Entwicklung der Stadt gezogen werden?

Je länger man darüber nachdenkt, umso klarer wird: eine Überwachung von Gasträumen in Wirtshäusern nach dem Vorbild des Cafes Liquid in Ulm ist uneingeschränkt zu befürworten.

Der Donaufisch geht noch einen Schritt weiter: zur Gewährleistung von Sicherheit und freiem Zugang zu allen Informationen für alle Bürger sollten die Möglichkeiten zur Kontrolle noch ausgeweitet werden. Zumindest Tischmikrofone und Toilettenkameras stellen in Cafes und Wirtshäusern eine überzeugende Ergänzung der Gastraumüberwachung per Video dar.

Auf diese Weise wird unsere Stadtgesellschaft transparenter und sicherer. Der Bürger kann mehr Informationen über die politische Elite erhalten, ortsansässige Geschäfte vermögen gezielter zu werben. Auch in den Gasthäusern für einfache Menschen zahlt sich bessere Überwachung aus: kein Gast isst mehr die Reste vom Teller seines Tischnachbar, wenn dieser bereits das Lokal verlassen hat; keiner stiehlt mehr Toilettenpapier; allen Wirten wird ihre Einkaufsplanung durch die Fülle der Daten über die Konsumgewohnheiten der Gäste erleichtert.

Wenn das keine Argumente für das gläserne Gasthaus sind! Wir sollten Herrn Fischer von Cafe Liquid für seine Vorreiterrolle dankbar sein. Vielleicht hat ihn unserer OB Gönner ja schon auf der Liste jener Bürger, die ein Bundesverdienstkreuz erhalten sollen.

Der Schwörmontag findet statt

oder:

EbbosSchiff2014

Ein Unglück auf der Donau hätte um ein Haar zu einer großen Katastrophe geführt. Im letzten Moment konnte sie abgewendet werden. Der Schwörmontag 2014 in Ulm findet statt.

Was ist geschehen?

Erst im April diesen Jahres wurde das Eventschiff des Ulmer Großgastronomen Ebbo Riedmüller in Betrieb genommen. 3,2 Millionen Euro hat es gekostet (geplant 2 Millionen). Ulms Oberbürgermeister erschien zur Eröffnung und versäumte nicht, das Bootshaus als architektonische Meisterleistung zu würdigen (inspiriert durch die Neue Mitte Ulms). Vor 600 geladenen Gästen versicherte OB Gönner, dass sich die schwimmende Vergnügungsstätte nicht wegbewegen und auch nicht absaufen werde.

Doch leider kam es anders. Die Donau führte – bedingt durch einen trockenen Sommer – wenig Wasser. Mit dem Wasserpegel sank überraschend das Gesamtkunstwerk des Ulmer Architekten Adrian Hochstrasser, insgesamt 31 Zentimeter unter das bisher gemessene Mindestlevel des Flusses. Das war zu viel.

Hochwasser hatte der Architekt Hochstrasser einkalkuliert, mit Tiefwasser rechnete er nicht. Das Unheil nahm seinen Lauf: ein Türrahmen zerbarst, Fensterscheiben splitterten, weitere Fenster wurden beschädigt.

Glücklicherweise können auf Deck des beschädigten Schiffes mit etwas gutem Willen doch noch Gäste bewirtet und Rundfunksendungen produziert werden. (Siehe unser Foto)Wäre dies unmöglich gewesen, hätte es heute kein „Schwörmontagsradio“ eines lokalen Radiosenders gegeben und auch die 200 erwarteten Gäste hätten auf dem Eventschiff keinen exklusiven Platz beim Wasserumzug auf der Donau (Nabada) gefunden. Solche Umstände hätten womöglich den ganze Schwörmontag in Frage gestellt: Keine Schwörrede des Oberbürgermeisters… keine Späße auf der Donau…keine wilde Ballermannparty in den Gassen der Altstadt. Nicht auszudenken!

Nach der Ulmer Schiffshavarie bleibt allerdings eine ernste juristische Frage, die uns Bürger und die Gerichte sicher noch einige Jahre beschäftigen wird:

Sind das Regierungspräsidium Tübingen, das Wasserwirtschaftsamt und die Stadtwerke Ulm zum Schadenersatz verpflichtet? Müssen sie Ebbo Riedmüller und seinem Architekten Adrian Hochstrasser den Schaden in Höhe von 20.000 Euro ersetzen, den der Wassertiefstand der Donau verursacht hat?

Der Architekt Hochstrasser ist davon überzeugt, dass andere für den Schaden bezahlen müssen. Schließlich habe er mit dem Regierungspräsidium, dem Wasserwirtschaftsamt und den SWU einen Vertrag geschlossen, in welchem ihm ein Mindestlevel der Donau (465,81 Meter über dem Meeresspiegel) zugesichert werde.

Neben dem Rechtsstreit in Abdera, in dem es darum ging, ob eine Kunde auch den Schatten eines Esels miete und benutzen dürfe, wenn er den Esel gegen Geld ausleihe, wird der Ulmer Streit um die garantierte Mindesthöhe des Wasserpegels der Donau zweifellos in die Rechtsgeschichte eingehen.

Vielleicht geht aber auch Adrian Hochstrasser in die Geschichte der Architektur ein als einzigartiger Baumeister, der ein Eventschiff konstruierte, das nur bei Normalwasserstand seine Aufgabe erfüllen kann.

Besuche des Oberbürgermeisters

Ulms OB Ivo Gönner ist eines der fürsorglichsten Stadtoberhäupter Deutschlands. Fast täglich beehrt er Mitbürger aus besonderem Anlass. Ob 100. Geburtstag, eiserne Hochzeit oder die Geburt des 10. Kindes – unser Oberbürgermeister kommt zu Besuch, erfreut die Wähler und wirkt mit dieser kleinen Geste politisch: das Zusammengehörigkeitsgefühl der Ulmer wird gefestigt, die Menschen in der Stadt werden Teil einer großen Familie.

Nun hat sich Ivo Gönner etwas Neues ausgedacht, das es so bislang an keinem Ort Deutschlands gibt: der Oberbürgermeister besucht verstorbene Mitbürger, um ihnen eine letzte Ehre zu erweisen und den Angehörigen etwas Trost zu spenden.

Auf unserem Foto sehen Sie, verehrte Leser, Oberbürgermeister Gönner während seines Besuches bei Alois Hilmar Bunk. Nach amtsärztlichen Angaben wurde der Verstorbene vergangenen Donnerstag tot und bereits mumifiziert in seiner Wohnung in der Ulmer Weststadt aufgefunden.

OB-Besuche

Außergewöhnliche Maßnahmen

oder: Der Ulmer Biber

Seit jeher hält die Evolution Überraschungen für uns bereit. Über Generationen verändert sie die Merkmale von Lebewesen, lässt Arten aussterben und neue entstehen. Vorhandene Lebewesen einer Art verändern ihre Gestalt oder ihre Lebensgewohnheiten. Erst die Anpassung an eine andere Umwelt gewährleistet das Weiterleben.

Die Erkenntnisse der Evolutionstheorie nutzt nun auch die Ulmer Stadtverwaltung. Sie will damit Probleme lösen, die bisher als unlösbar galten.

Die derzeit gravierendsten Probleme der Donaustadt sind – nicht der abspringende Sedelhofinvestor MAB,  der nicht finanzierbare Citybahnhof,  die überschuldeten Stadtwerke, die kundenfeindliche Sparkasse, die neue Tramlinie zur Uni, die nicht rechtzeitig fertiggestellt wird, um Fördergelder zu erhalten – , sondern die Biber, die sich seit 2001 im Stadtgebiet angesiedelt haben. 100 Exemplare dieser prächtigen Art gibt es bereits und ihre Lust, sich zu mehren und neue Stadtgebiete in Besitz zu nehmen, scheint grenzenlos.

Der beliebteste städtische Park der Stadt, die Friedrichsau, wurde von zahlreichen Biberfamilien okkupiert. 100 geschützte Bäume fielen unbändigem Trieb zum Opfer, 1200 Bäume stehen  noch. Wie lange der eilends errichtete Drahtschutz die munteren Tiere abhalten kann, vermag niemand zu sagen.

Uferwege an Auseen mussten von der Stadtverwaltung gesperrt werden, da der Biber sie unterwühlt  und damit sogar Kinderspielplätze in unsicheres Terrain verwandelt hat. Umfangreiche Grabungsarbeiten wurden durch die Behörden eingeleitet, ein Stahlgitter vier Meter tief in den Boden eingelassen (auf einer Länge von drei Kilometern!), um den Nager am weiteren unterirdischen Vordringen zu hindern.

Ulms pensionierter Kreisjägermeister Siegfried Keppler von der CDU-Rathaus-Fraktion würde die Viecher am liebsten abknallen, traut sich aber nicht, das öffentlich zu sagen, weil er mit diesem Vorschlag zum Bruch geltenden Rechts aufforderte. Schließlich zählt das Bundesnaturschutzgesetz den Biber zu den besonders geschützten Arten und verbietet, ihm nachzustellen, ihn zu fangen oder zu töten.

Also, was tun?  In Ulm gilt wie überall in der Republik: Wenn du nicht mehr weiterweißt, gründe einen Arbeitskreis. Während nun die Damen und Herren der Biberkommission des Ulmer Gemeinderates beraten, dass die Köpfe rauchen, Experten aus der ganzen Welt anhören und täglich den Fortgang sinnloser Grabungsarbeiten in der Friedrichsau in Augenschein nehmen, hat Ulms Oberbürgermeister  außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen.

Unter Berufung auf eine EU-Richtlinie veranlasste Gönner in Ulm, dass für Wasservögel, also Enten, Gänse, Möwen und Schwäne, ein Fütterungsverbot erlassen wird. Schlau wie unser OB nun einmal ist, verbarg er – zur Vermeidung unnötiger Konflikte – seine Absichten hinter Begründungen, die nur für die Öffentlichkeit bestimmt sind: es gelte, städtisches Recht mit EU-Recht zu harmonisieren; Wasservögel müssten vor falscher Ernährung, die Donau vor bakterieller Verseuchung durch Nahrungsreste geschützt werden.

In Wirklichkeit setzt der Oberbürgermeister auf die biologische Theorie der Evolution, die in unserem konkreten Fall besagt: Finden Enten, Gänse, Möwen und Schwäne keine ausreichende pflanzliche Nahrung an der Donau, werden sie auch tierische Nahrung fressen. Sie verstehen nun, wie in Ulm mit einer langfristigen Strategie das Problem einer Biberüberpopulation gelöst werden soll. Wieder einmal zeigt sich: Unser Oberbürgermeister – einfach genial.

Das Vetterntor

Sind sie nicht wunderbar – die beiden eben fertig gestellten Gebäude auf den Fotos? Von unverwechselbarer Form? Aus bezauberndem Material? Mit betörend schön gestalteten Fassaden? Kurzum von unwiderstehlichem Charme?

*

Die konsequente architektonische Fortsetzung der Neuen Mitte, wie sie von Stefan Braunfels und Wolfram Wöhr unter Mitwirkung des Ulmer Baubürgermeisters Alexander Wetzig erschaffen wurde. Das eine Gebäude steht schräg gegenüber vom Ulmer Theater und trägt den klangvollen Namen Wengentor. Das andere befindet sich an der Kreuzung von Neuer Straße und Frauenstraße und ist leider noch ohne Namen.

*

Napoleontor würde sich anbieten, da der französische Kaiser 1805, wie es heißt, hier mit seiner Kutsche vorbei gekommen sein soll. Auch Einsteintor wäre eine Option, da Albert Einstein nachweislich als Säugling im Kinderwagen hier von seiner Mutter spazieren gefahren wurde.

***

Die Geschichte, wie es zum Bau des Wengentores kam

*

2009 veranstaltete die Stadt Ulm eine Ausschreibung. Potenzielle Bauherrn und Architekten ihrer Wahl sollten Entwürfe vorlegen, wie sie sich die Bebauung eines Grundstückes vorstellten, das der Stadt gehörte.

*

Acht Investoren nahmen am Ausschreibungsverfahren teil (sog. Gutachterverfahren), drei kamen zunächst in die engere Wahl. Baubürgermeister Wetzig und ein paar Mitglieder des Gemeinderates, die im zuständigen Ausschuss saßen, trafen einstimmig die Entscheidung: Bauen dürfen Christoph und Markus Botzenhart und deren Architekt Dr. Max Stemshorn.

*

Die beiden Brüder waren in der Vergangenheit Gemeinderäte. Ihr Vater, Udo Botzenhart, wirkte über viele Jahre mit großem Einfluss und besten Beziehungen an der Ulmer Kommunalpolitik mit. Die meisten, die in der Bauverwaltung an entscheidender Stelle sitzen oder im Ausschuss über die Vergabe zu entscheiden hatten, sind persönlich mit der Söflinger Familie Botzenhart bekannt. Der Architekt Dr. Max Stemshorn war früher Referent des Ulmer Baubürgermeisters.

*

Wetzig und die Ausschussmitglieder entschieden sich also beim Zuschlag für ihre Vettern Botzenhart und Stemshorn. Im November 2010 stimmte der Gemeinderat dem Satzungsbeschluss zu.

*

Empört waren aber die Grünen. Sie kritisierten, dass der Gemeinderat an den Entscheidungen nicht angemessen beteiligt gewesen sei. Außerdem habe die endgültige Planung in „Grundriss, Form und Höhe“ nichts mehr mit dem ursprünglich bei der Ausschreibung eingereichten Entwurf zu tun.

***

Produktivkraft Vetternwirtschaft

*

Wir vom DF-Stammtisch finden überhaupt nichts Untadeliges an der Ulmer Vetternwirtschaft. Verdiente Ulmer müssen eine bevorzugte Behandlung genießen. Was sind schon der Verkauf eines städtischen Grundstückes und die großzügige Beurteilung eines Bauplanes in Anbetracht der Dienste, die die Familie Botzenhart der Stadt Ulm geleistet hat?

*

Außerdem sollten wir nie vergessen, wie segensreich sich der Botzenhart-Neubau auf die lokale und regionale Wirtschaft auswirkt. Arbeitsplätze entstehen. Umsätze werden generiert. Gewerbesteuer fließt der Stadt zu. Sie sehen, verehrte Leser, es gibt unzählige Gründe, das Bauprojekt der Familie Botzenhart durch die Stadt Ulm zu fördern.

*

Gehen wir mutig einen Schritt weiter. Setzen wir ein Zeichen. Bekennen wir uns zur Vetternwirtschaft. Vetternwirtschaft muss vom schlechten Beigeschmack befreit werden. Als erfahrene Praktizierende einer produktiven Vetternwirtschaft sollten Ulmer vorangehen.

*

Nennen wir das neue Gebäude doch einfach „Vetterntor“.

*

WengenTorUlm1

ActivImmobilien1

 /18.12.2013

Folklore & Inquisition in Ulm

Der Schwörmontag wurde jüngst durch ein Lästermaul als Folkloreveranstaltung geschmäht. In Ulm kommt das einer Gotteslästerung oder Majestätsbeleidigung gleich. Denn der Schwörmontag ist heilig.

Vor ausgewähltem Publikum legt der Oberbürgermeister an diesem Tag auf dem Weinhof (!) die großartigen Erfolge seiner Politik dar, „Rückkoppelung der Regierenden mit den Regierten“ nennt das Reinhold Eichhorn (Freie Wähler); danach gibt der OB einen Ausblick, was er im folgenden Jahr für segensreiche Taten plant.

Am Nachmittag darf das Volk, das vormittags der Schwörrede nicht beiwohnen konnte (Platzmangel), einen vergnüglichen und ausgelassenen Wasserumzug auf der Donau veranstalten und sich hinterher ordentlich einen hinter die Binde gießen.
Sie sehen, verehrte Leser, beim Ulmer Schwörmontag handelt es sich um eine religiös-kultische Handlung. Kritik, dumme Scherze oder gar Spott verbieten sich von selbst.

Deshalb muss jeder, der das Fest der Ulmer als Folklore verunglimpft mit harten Konsequenzen rechnen. Unbarmherzig gehen dabei Oberinquisitor Reinhold Eichhorn und der Assistenzinquisitor Martin Rivoir zu Werke. Gnadenlos ist ihr Vorschlag zur Unterbindung jeglichen Spotts in, um und um Ulm herum.

In einem Strategiepapier schlagen die beiden Recken Eichhorn und Rivoir Oberbürgermeister Gönner folgende Vorbeuge- und Strafmaßnahmen vor. Wir zitieren wörtlich:

„Jeder Ulmer Bürger, jede Ulmer Partei, jeder Verein und auch alle Besucher Ulms haben eine Erklärung zu unterschreiben, dass sie das alljährliche Schwörritual achten und bedingungslos anerkennen, keinerlei Kritik daran üben und es gegenüber jedermann, wenn es sein muss auch mit Gewalt, verteidigen.“

„Wer gegen das Ulmer Spottverbot verstößt, muss mit Sanktionen rechnen. Diese reichen vom zeitweiligen Entzug der Aufenthaltserlaubnis im Stadtgebiet über die öffentliche Ächtung von Spöttern durch Veröffentlichung ihrer Namen und Anschriften in der SWP bis hin zur Streichung städtischer Zuschüsse und dem Entzug jeglicher Unterstützung durch städtische Ämter.“

„Die Durchführung der Maßnahmen wird dem Ordnungsamt übertragen. Ein Gremium bestehend aus fünf Gemeinderäten überwacht diese. Den Vorsitz hat ein SPD-Gemeinderat, da diese Fraktion sich im Krampf um die Erhaltung des Schwörrituals besondere Verdienste erworben hat.“

Ivo Gönner äußerte sich ebenfalls sehr besorgt wegen der hinterhältigen Anschläge auf ein Ulmer Heiligtum. Die Schwörrede hält er für einen zentralen Bestandteil der freizeitlich-demoskopischen Grundordnung Ulms, die es zu achten und zu schützen gelte. Um der jährlichen Schwörrede einen noch würdigeren Rahmen zu geben, so Gönner, sei eben im Gemeinderat fast einstimmig die Umbenennung des Weinhofes in „Platz der Freiheit und der Demokratie“ beschlossen worden.

28.8.11