Fluch des Löwenmenschen

…oder Abderas Befreiung

Vergangenen Freitag war Narziss Häberle bei uns im Donaufisch. Er ist einer der bedeutendsten Heimatdichter Abderas. Demnächst wird ein neues Buch von ihm erscheinen, es trägt den Titel „Abderas Befreiung“. Über die Ereignisse, die Häberle zu seinem Buch inspirierten, berichteten wir an anderer Stelle. Der Autor verriet uns nun, wovon sein neuer Roman, den er ganz in der Tradition Tolkiens sieht, handelt. Noch vor das deutsche Feuilleton sich mit dem Buch befassen wird, wollen wir unsere Leser exklusiv informieren.

Im Museum der Stadt Abdera steht der 32000 Jahre alte Löwenmensch, eine Statuette geschnitzt aus dem Elfenbein eines Mammuts. Seit seiner Entdeckung in einer Höhle führt der Löwenmensch, den Wissenschaftler für das Abbild eines Druiden aus den Frühzeiten halten, ein Schattendasein. Doch dann geschieht die schmähliche Schandtat : Eine türkische Putzfrau stößt bei ihren sonntäglichen Reinigungsarbeiten mit ihrem verlängerten Rücken gegen die Glasvitrine und bringt diese zum Umstürzen. Die Figur stürzt auf den Parkettboden, die Würde des Druiden ist verletzt, das Unheil scheint nun nicht mehr aufzuhalten.

Die folgenden Wochen bleibt die Katastrophe unentdeckt, da die Raumpflegerin die Figur selbst wieder reparierte und in die unversehrt gebliebene Glasvitrine zurückstellte. Doch mehreren sich Zeichen des Unheimlichen …Ein Kunstmanager produziert zwanghaft riesige Löwenmenschen, er arbeitet wie besessen, niemand ahnt, was im Kopf und in der Seele des armen Menschen vor sich geht. Verstößt er doch mit seinen Nachbildungen gegen ein Gesetz Abderas, das „eherne Kunstgesetz“.
Statt dem Treiben ein Ende zu setzen verkündet das gewählte Oberhaupt der Stadt, ein im ganzen Land ob seiner kaufmännischen Vernunft bekannter Mann, dass die Abbilder des Löwenmenschen, überall in den Straßen und auf den Plätzen aufgestellt werden sollen… Die Angst geht um, aber kaum einer vermag zu erkennen, dass sich hier ein dunkler Fluch entfaltet und zerstörerische Kräfte sich anschicken, die Herrschaft über Abdera zu erringen, um die Schandtat einer türkischen Putzfrau zu sühnen.

Wann wird die steinerne Armee der Löwenmenschen zum Leben erweckt? Erringen die Krieger die Herrschaft über die Stadt? Rauben sie den Bürgern ihre Freiheiten und machen sie zu Sklaven? Die Lage scheint hoffnungslos. Doch da naht Rettung. Eine Handvoll kluger Bürger besiegt ihre Angst und gelangt auf opferreichem verschlungenem Pfad zur Erleuchtung. Wie ihre Ahnen es einst taten, wenn ihre Gemeinschaft von Feinden bedroht wurde, gründen die klugen Bürger „Das Bündnis der Wissenden“, einen eingetragenen Verein. Nach zahllosen Auseinandersetzungen und Kämpfen kommt es zum dramatischen Höhepunkt des Romanes von Narziss Häberle : Auf dem Platz vor der großen Kirche Abderas wird das eherne Kunstgesetz laut verlesen, das vom Wesen und den Aufgaben der Kunst handelt und von der Achtung vor der Kunst. Da bricht der Bann: Kunstmanager und Stadtoberhaupt erwachen aus ihrer Trance und blicken verwundert um sich, die steinernen Krieger zerbröseln zu feinstem Staub, die Menschen jubeln, heben ihre Erlöser auf die Schultern und tragen die Helden vom Bündnis der Wissenden durch die ganze Stadt.

Wir glauben, Narziss Häberle gelingt mit diesem Buch der große Wurf; damit wird Abdera auch endlich in den Artikeln großer Zeitungen und Zeitschriften Deutschlands als eine der wichtigsten Kulturstädte Europas Erwähnung finden, vor deren Kulisse einer der wundersamsten Romane deutscher Gegenwartsliteratur spielt.

27.5.08

Advertisements

Von Löwenmenschen und Gipsköpfen

In Ulm ist eine Auseinandersetzung über Kunst entbrannt. Im Mittelpunkt steht eine 30 Zentimeter große Figur, die vor über 30.000 Jahren aus Elfenbein gefertigt und 1939 in einer Höhle auf der Schwäbischen Alb entdeckt wurde. Bei der rekonstruierten Skulptur handelt es sich um ein aufrecht stehendes Wesen mit den Armen, den Beinen, dem Leib eines Menschen und dem Kopf eines Löwen. Der Mensch mit seiner Tiernatur ist die älteste von Archäologen jemals entdeckte Skulptur, sie steht von der Öffentlichkeit wenig beachtet im Ulmer Museum.

Ein geschäftstüchtiger Kulturmanager hatte nun die Idee, 100 Glasfaserkopien des Löwenmenschen von 2,25 Metern Größe fertigen und von Künstlern bemalen zu lassen, sie auf Plätzen und in Straßen der Stadt auszustellen, danach zu versteigern und mit dem Gewinn das Ulmer Museum zu unterstützen. Ein Künstler, der selbst Skulpturen herstellt, meldete sich zu Wort, nannte die großen Brüder des Löwenmenschen „Monster“ und die ganze Aktion ein „Kitschspektakel“, Herstellung und Bemalung der Kopien muten ihn wie eine „gestalterische Vergewaltigung“ an und zeigten mangelnden Respekt vor dem unbekannten Schöpfer aus der Altsteinzeit. Dies erzürnte wiederum den Manager, der dem Kritiker die Beschimpfung „Kulturfundamentalist“ entgegenschleuderte und auf seine Absichten hinwies, dem Museum zu helfen.

Unglücklicherweise blieb es nicht beim Streit zwischen Manager und Künstler. Die Diskussion wurde von der Lokalpresse weitergetragen. In Kultureinrichtungen, Schulen und Familien, an Arbeitsplätzen, auf dem Wochenmarkt und vor dem Sonntagsgottesdienst diskutiert die Bürgerschaft nur noch das Thema : Darf der Löwenmensch in einer überdimensionalen, stark vereinfachten und bemalten Glasfaserkopie abgebildet werden? Welche Grundschulempfehlung das Kind erhält, ob der eigene Arbeitsplatz in ein Billiglohnland verlagert wird und die Demontage des Gesundheits- und Rentensystems weitergeht, ob ein Beschäftigter zwei oder drei Jobs braucht, um sich und seine Familie ernähren zu können – diese Fragen traten alle in den Hintergrund, und die Stadtgesellschaft spaltete sich angesichts einer Frage der Ästhetik in zwei Lager.

Aus Verantwortungsgefühl und tiefer Abneigung gegen unversöhnlichen Streit erlaubt sich unser Stammtisch ein paar Vorschläge zu unterbreiten, die geeignet erscheinen, die Gräben in der städtischen Gesellschaft zuzuschütten und die beiden Parteien im Ulmer Kunststreit wieder zu versöhnen.

Kunst, Kunstvermarktung und wohltätiger Zweck werden zu einer Einheit verschmolzen. Die Kontrahenten des Ulmer Kunststreits tun sich zu einem Team zusammen. Manager und Künstler führen gemeinsam mehrere Projekte durch.

Projekt1 „Gipsköpfe“: Von den Köpfen aller vierzig Räte im Ulmer Stadtparlament werden Gipskopien angefertigt und sodann von ausgewählten Künstlern bunt bemalt. Die Popularität der Damen und Herren wird zweifellos sicherstellen, dass der Verkauf oder die Versteigerung der Gipsköpfe zu einem einträglichen Geschäft wird.

Projekt2 „Bronzene Statue“: Der populärste Oberbürgermeister, den Ulm je hatte, wird in fünffacher Lebensgröße in Bronze gegossen. Wir denken dabei an eine Statue wie jene auf dem Kapitol in Rom, die Marc Aurel, einen der großen römischen Kaiser, als Herrscher und ersten Diener von Land und Volk zeigt. Diese Statue könnte von der Kunsthalle Weishaupt aufgekauft und im Foyer des gleichnamigen Museums aufgestellt werden.

Zum Abschluss erlauben wir uns noch eine weitere Anregung. Da der finanzielle Spielraum der Stadt durch mehrere Großprojekte (Theatersanierung, Bau einer Mulifunktionshalle) in den kommenden Jahren sehr eingeengt sein wird, sollten die Erträge der Kunstprojekte dem Ulmer Donaubüro zufließen, dessen Mietkosten durch einen Umzug von bisher 18.000 € im Jahr auf 48.000 € steigen werden. Vielleicht könnte das Donaubüro als Gegenleistung dann die Aufgabe übernehmen, für den Ankauf von Reproduktionen der Bronzenen Statue und der Gipsköpfe in den Partnerstädten entlang der Donau zu werben.

/ 17.3.08

Das Geheimnis des Löwenmenschen

Im Hohlenstein im Lonetal wurden 1939 bei archäologischen Grabungen durch Robert Wetzel zahlreichen Splitter entdeckt, in eine Zigarrenkiste verpackt und nach Tübingen verbracht. Die Kiste lagerte dort fast drei Jahrzehnte unberührt. 1968 setzte Joachim Hahn die 200 Fragmente zusammen. Es entstand eine Statuette: 30 Zentimeter hoch, geschnitzt aus dem Stoßzahn eines Mammuts , sie stellt ein Wesen halb Mensch, halb Tier dar. Die Figur ist 35.000 und 40.000 Jahre alt. Sie erhielt den Namen „Löwenmensch“ und wurde im Ulmer Museum ausgestellt. Nachdem weitere Teile aufgetaucht waren, erfolgte 1982 eine Rekonstruktion durch Elisabeth Schmid, die sich nach getaner Arbeit sicher war: Die Statuette zeigt eine Löwenfrau. Bei jüngsten Grabungen wurden weitere 700 Spitter gefunden. In der Werkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege in Esslingen zerlegten Fachleute den Löwenmenschen erneut in seine 220 Bestandteile und fügten diese mit den 700 neu entdeckten Splittern zusammen. Das Ergebnis ist verblüffend: Die Statuette zeigt kein Mischwesen, sondern einen Menschen.

Hohlensteinhöhle im Lonetal 1

Die Fotos zeigen die Hohlensteinhöhle im Lonetal in der Nähe von Asselfingen

Hohlensteinhöhle im Lonetal

Nun ist die Aufregung in Ulm groß. Am 15. November 2013 soll der „neue Löwenmensch“ von Esslingen wieder nach Ulm kommen. Eine große PR-Aktion ist geplant. 150.000 € Sonderetat hat der stellvertretende Chef des Ulmer Musums Kurt Weinberger zur Verfügung, um etwas ganz Großes auf die Beine zu stellen: Vorträge, Elfenbeinschnitzkurse, Exkursionen zum Hohlenstein. Jill Cook vom British Museum in London wird erwartet. An der Spitze der Bewegung zur Mobilisierung „einer breiten Öffentlichkeit“ steht die Ulmer SPD mit dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Martin Rivoir. Einen Antrag an Oberbürgermeister Gönner hat er gestellt. Die Rückkehr des Löwenmenschen soll ganz groß inszeniert werden. Wie – das weiss Martin Rivoir noch nicht. Aber eines weiss er: „Nach dieser Veranstaltung muss aller Welt klar sein, dass das älteste Kunstwerk der Welt in Ulm steht.“

Wir vom DF-Stammtisch haben uns auch Gedanken gemacht, wie die Rückkehr unseres Löwenmenschen zu einem von der ganzen Welt beachteten Ereignis gestaltet werden könnte. Im Mittelpunkt der Kampagne – denn nur eine solche kommt in Frage – muss das Geheimnis des Löwenmenschen stehen: Vom Löwenmensch über die Löwenfrau zum Prototyp des Lonetal-Menschen, wie er vor 40.000 Jahren dem Mammut nachstellte. In Esslingen konnten wir heimlich bereits einen Blick auf den „neuen Löwenmenschen“ werfen. Ein befreundeter Künstler fertigte nach unserer Beschreibung ein Kunstwerk, das in der Tradition Andy Warhols steht. Der DF stellt es gerne kostenlos der Stadt Ulm zur Verfügung. Vielleicht wäre dieses Popartwerk das geeignete Medium, um für den 15. November 2013, den großen Tag der Rückkehr des Löwenmenschen zu werben. Irgendwie kommt einem die 40.000 Jahre alte Statuette doch vertraut vor. Finden Sie nicht auch?

Ulmer Löwenmensch

Löwenmenschen – News

1. Das Landesdenkmalamt beschwert sich in einer Presseerklärung, dass auf den Werkstattleiter, der den Löwenmenschen aus 920 Fragmenten rekonstruierte, massiv politischer Druck ausgeübt worden sei. Unter Androhung finanzieller Nachteile für das Denkmalamt habe das Ulmer Rathaus und die SPD-Zentrale in Stuttgart vom Werkstattleiter verlangt, den Kopf des Löwenmenschen so zu gestalten, dass er dem Kopf des Ulmer Oberbürgermeisters Ivo Gönner (SPD) ähnlich sehe.

2. Hans-Uli Thierer, der Lokalchef der SWP, erfuhr von Martin Rivoir (MdL), worum es bei der Rückkehr des Löwenmenschen im November 2013 gehe: „Es geht nicht um ein Spektakel – aber darum, die Rückkehr spektakulär zu präsentieren“. Ob Martin Rivoir wohl zwischen einer seriösen Präsentation und einer niveaulosen Kommerzkampagne unterscheiden kann? / 23.8.13

3. Heute war Martin Rivoir zusammen mit Kultusminister Andreas Storch mit dem Fahrrad im Lonetal unterwegs. Vor dem Hohlenstein (hohl!) gab er eine seiner berühmten Sentenzen von sich: „Authentisch kann man die Kunstobjekte nur dort erleben, wo sie herkommen“. Was heißt das? Kommt der Löwenmensch jetzt wieder dorthin, wo er herkommt – nach Asselfingen? Wird das Ulmer Museum damit einverstanden sein? Vor der Höhle kamen Martin Rivoir noch mehr gute Ideen: ein „nachhaltiges Tourismuskonzept“ mit einer gemeinsamen „Dachmarke“findet er gut. „Dachmarke“ – dieser Terminus technicus war uns bisher gänzlich unbekannt. Der Begriff hat aber nichts mit „Dachschaden“ zu tun – oder? /24.8.13