Schwörmontag

Der Schwörmontag findet jedes Jahr Ende Juli statt. Seit über 600 Jahren erfreuen sich die Bürgerinnen und Bürger an diesem Ereignis. Allein daran lässt sich ablesen, wie bescheiden der Schwabe im Allgemeinen ist. 400 Jahre begnügten er sich sogar mit der Schwörfeier.

Erst 1822 veranstalteten Ulmer Gymnasiasten am Nachmittag des Schwörmontags einen lustigen Umzug auf der Donau, der auch heutzutage noch ein Glanzlicht im Ulmer Kulturleben darstellt und „Nabada“ (Hinab-Baden) genannt wird.

Der Ulmer Nationalfeiertag verläuft jedes Jahr gleich: Am Vormittag versammelt sich die politische, wirtschaftliche und kulturelle Elite der Stadt vor dem Schwörhaus, um dem Rechenschaftsbericht und dem Schwur des Oberbürgermeisters beizuwohnen;

am Nachmittag bevölkern das Volk und wichtige Menschen das Donauufer; dort schauen sie Schiffen zu, die den Fluss hinab fahren; einem Karnevalsumzug ähnlich werden Aufbauten präsentiert, die versuchen, sich in kritischer Weise mit dem Zeitgeschehen auseinandersetzen.

Am Abend schließlich treffen sich die Menschen im größten Park Ulms, der Friedrichsau, und an zahllosen Orten der Altstadt; dort vergessen sie bei Alkohol die Sorgen des Alltags und bauen durch die eine oder andere Rauferei Aggressionen ab.

Vor ein paar Jahren wurde der Schwörmontag um eine umwerfende Neuerung bereichert: Ein großes Internetforum übertrug die Schwörfeierlichkeit via World Wide Web in den letzten Winkel der Welt, so dass auch der Ulmer in der Fremde nicht auf das vertraute und geliebte Ritual verzichten muss. Die große Resonanz auf die weltweite Übertragung führte dazu, dass auch Sie, verehrter Leser in Windhuk und Kuala Lumpur, dieses Jahr live mit dabei sein können, wenn der Oberbürgermeister am 19.7. um 11 Uhr sprechen wird.

Die lokale Presse und die Leserbriefschreiber wenden sich alljährlich am Dienstag, der dem Schwörmontag folgt, einem Problem zu, das offensichtlich nicht zu lösen ist: dem Problem der Wildpinklern nämlich, die es jedes Jahr schaffen, das Donauufer und das Fischerviertel innerhalb weniger Stunden in eine Kloake zu verwandeln.

Weshalb kommen wir auf den Schwörmontag zu sprechen? Gibt es zu diesem Thema noch etwas darzulegen, was nicht bereits in der Vergangenheit breitgetreten worden wäre? Ja, in der Tat gibt es Neues zu berichten: Im Rahmen seiner Forschungen über die Ulmer Traditionen musste der Wirt Quasselstrippe feststellen, dass die im Schwörbrief enthaltene Formel jahrhundertelang falsch interpretiert worden ist.

So heißt es im Originaltext von 1397:

So sol ain burgermaister uff dieselbe zite herwiderrumbe och sweren ainen gelerten aide zu den hailigen mit uffgebottn vingern, ain gemainer man ze sind rychen und armen uff alliu gelichiu, gemainiu und redlichiu ding, ane alle geverde.“

Aus dem Frühneuhochdeutschen in die Gegenwartssprache übersetzt heißt das:

Ein Bürgermeister wiederum soll zur selben Zeit einen feierlichen Eid mit gestreckten Fingern bei den Heiligen schwören, Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein in allen vergleichbaren, gemeinschaftlichen und bedeutenden Dingen – ohne jeden Vorbehalt.“

Im Nachhinein ist schwer zu begreifen, wie diese Sätze als Beteuerung des Bürgermeisters missverstanden werden konnten, alle Menschen ungeachtet ihrer sozialen Stellung gleich zu behandeln.

Eindeutig ergeht an den Bürgermeister im Schwörbrief von 1397 der Auftrag allen, Armen wie Reichen, ein „gemeiner Mann“ zu sein. Mit anderen Worten: Um den blutigen Kampf zwischen Patriziern und Zünften zu unterdrücken oder – bezogen auf die Gegenwart- um die verschwendungssüchtigen und profilneurotischen Räte zu zügeln, muss der Bürgermeister ungerecht, unaufrichtig, lügnerisch, gewaltsam, herrschsüchtig, jähzornig, verschlagen usf. sein…

Wir von Donaufisch- Stammtisch sind schon gespannt, wie Ivo Gönner diese neue Rolle, die er durch seinen Schwur akzeptiert hat, in den nächsten zwölf Monaten ausfüllen wird. Nach unseren Beobachtungen die letzten zwanzig Jahre wird er sich auch bei diesem schweren Auftrag bewähren.

Schwörhaus

16.7.2010

Schwörrede 2009 in Ulm

Bedauerlicherweise kam es auch im Jahr 2009 wieder zu schwerwiegenden Fehlern bei der Übertragung der Schwörrede unseres Ulmer Oberbürgermeisters. Ob die Gründe dafür im technischen Bereich liegen oder auf absichtliche Manipulationen zurückzuführen sind, können wir vom Donaufisch diesmal nicht klären.

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Als der Oberbürgermeister Gönner über die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise sprach, ging er auf die Frage ein, wer diese Krise verursacht habe. Seine Antwort lautete: der Kapitalismus. (womit er zweifellos recht hat). Wörtlich sagte Gönner:

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„Diese Krise ist nicht vom Himmel gefallen, sondern ist das Ergebnis einer ungezügelten kapitalistischen Entwicklung, die Gier fast aller war die Haupttriebfeder für diese Fehlentwicklung. Die Lehren daraus sind, dass es keine Macht ohne Moral, keine Wirtschaft ohne Ethik, keine Freiheit ohne Verantwortung und keine Herrschaft ohne Vorrang des Rechts geben darf…In unserer Gesellschaft sind tiefe Gräben aufgebrochen, ausgelöst durch die Finanz- und Wirtschaftskrise. Aber die Folgen gehen tiefer. Gegensteuern können wir nur durch Klarheit, Ehrlichkeit und Solidität.“

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Bei diesen Worten hat unser Stammtisch vom Donaufisch enthusiastisch applaudiert. Doch groß war unsere Enttäuschung, als ein Teil der weiteren Rede Gönners einfach nicht übertragen wurde. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfuhren, fielen folgende Sätze des Oberbürgermeisters einer Übertragungspanne zum Opfer.

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„Ich will mit gutem Beispiel vorangehen bei meiner Forderung nach Klarheit, Ehrlichkeit und Solidität. Auch wir in Ulm waren gierig und wollten an der ungebremsten Entwicklung des Kapitalismus teilhaben. Deshalb haben wir 2003 bar jeden Verstandes und jeder Ethik unser Kanalnetz verscherbelt und müssen jetzt dafür teuer bezahlen. Ich, Kämmerer Czisch und unserer Betriebsleiter Stolz von den EBU sind auf diesen Berater von Daimler-Chrysler hereingefallen, und 24 Ulmer Gemeinderäte haben uns den Rücken gestärkt und einfältig der Vermietung des Kanalnetzes zugestimmt. Wir haben einen gravierenden Fehler gemacht. Das tut uns leid.“

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20.7.2009

Gönners Schwörrede manipuliert?

Auch wenn es mancher vielleicht nicht vermutet: Ich bin ein Mensch, der viel von Tradition hält. In meinem Wohnzimmer hängen – an exponierter Stelle und gerahmt – die beiden Ulmer Schwörbriefe von 1345 und 1397. Eine meine großen Leidenschaften ist die alljährliche Schwörrede des Oberbürgermeisters, die ich mir nie entgehen lasse. An die 50 Reden habe ich archiviert, jedes Familienfest nehme ich zum Anlass, um aus diesen rhetorischen Perlen zu zitieren. Auch dieses Jahr durfte ich die Rede nicht versäumen, zumal mit der weltweiten Übertragung im Internet durch das team-ulm.de (nicht etwa durch die örtliche Presse) sozusagen ein ganz neues Zeitalter begann.

Allerdings habe ich den begründeten Verdacht, dass es bei der weltweiten Übertragung zu schwerwiegenden Manipulationen am Redetext gekommen ist. Hellhörig machten mich vor allem die Passagen, in denen sich der Oberbürgermeister mit der deutschen Aussen- und Sicherheitspolitik beschäftigt. Da heißt es nämlich wörtlich:

„Diesem Europa erwächst zunehmend eine weltweite Verpflichtung und Verantwortung. Europa kann nicht eine Gemeinschaft von Nabelschauern sein,die sich einigelt… Der Schutz von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit funktioniert nicht mit Scheckbuchdiplomatie und der Parole: Raushalten! Die internationale Gemeinschaft erwartet, dass sich Deutschland an internationalen Einsätzen beteiligt. Dazu gehören auch Einsätze der Bundeswehr im Rahmen der NATO und internationalen Missionen…“

Dass deutsche Soldaten zu Recht in Afghanistan, im Kosovo und sogar in Afrika im Kongo stehen, um dort Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu schützen, hätte unser OB nie gesagt – da bin ich mir ganz sicher. Schließlich ist Ivo Gönner Kriegsdienstverweigerer und war Zivildienstleistender beim ASB. Je länger ich nachdenke, desto sicherer werde ich: Bei der so authentisch wirkenden Rede muss es sich um eine Manipulation durch Hacker handeln. Und nun plagt mich eine große Sorge: Was, wenn ein ranghoher Offizier oder ein Bediensteter des Kreiswehrersatzamtes oder ein Staatsanwalt die Rede aufmerksam gehört hat? Wird es unserem Oberbürgermeister dann so ergehen wie manchen Verweigerern in der Vergangenheit, die z.B. öffentlich ihre Sympathie für lateinamerikanische Befreiungsbewegungen kundtaten? Wird ihm möglicherweise wegen seines (gefakten) Eintretens für die Anwendung von militärischer Gewalt seine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer aberkannt? Muss er wohl nachträglich Grundwehrdienst ableisten und steht seiner Stadt monatelang nicht mehr als Oberhaupt zur Verfügung?

Nein, das darf nicht geschehen. Ich bin überzeugt, dass Gönner – ganz in der Tradition Willy Brandts – jede Einmischung eines Staates in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ablehnt und dass er die Meinung von Herrn Struck (SPD),dass die deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigt werde, für absoluten Schwachsinn hält.

Unser Oberbürgermeister ist glaubwürdig. Wir werden geschlossen hinter ihm stehen, sollte jemand daran zweifeln, dass seine Verweigerung des Kriegsdienstes ihre Berechtigung verloren habe.