Ulms Ehrenbürger Theodor Pfizer

Wir sind auch für unseren Gehorsam verantwortlich.
(Hannah Ahrendt)

Seit 1855 hat die Stadt Ulm 31 Personen das Ehrenbürgerrecht verliehen.

Drei davon waren nur von 1933 bis 1945 Ehrenbürger: Adolf Hitler, Wilhelm Murr (Reichsstatthalter der NSDAP für Württemberg) und Wilhelm Dreher (Staatskommissar der NSDAP für Ulm und Oberschwaben und Polizeidirektor in Ulm) .

1945 wurde die Ehrenbürgerschaft von Hitler, Murr und Dreher für ungültig erklärt.

Theodor Pfizer ist seit 1972 Ehrenbürger der Stadt Ulm. Wird Pfizer trotz seiner unrühmlichen Vergangenheit in der Nazizeit Ehrenbürger Ulms bleiben? Sollten Ehrenbürger nicht Vorbild für andere sein?

Ivo Gönner (er ist der klügste und zugleich lustigste aller deutschen Oberbürgermeister) hat jetzt dem Vernehmen nach reagiert. Überall in der Stadt sollen bald Plakate hängen. Es sind alte Plakate in einer überarbeiteten Fassung.

Aber schauen Sie selbst.

GönnerGegenNazis

12.11.2012

Ein Herz für Nazis

Bei einem Rundgang im Zentrum der Stadt Ulm stößt der Besucher auf zwei kleine Plätze, der eine liegt südlich des historischen Rathauses und heißt Theodor-Pfzer-Platz, der andere nördlich davon, er trägt den Namen Hans-und Sophie-Scholl-Platz.

Die Geschwister Hans und Sophie Scholl waren mutige Gegner des Naziregimes, die nach einer Flugblattaktion denunziert, vom Volksgerichtshof am 22.2.1943 zum Tod verurteilt und am selben Tag in München Stadelheim enthauptet worden sind.

Theodor Pfizer dagegen war ein karriereorientierter Opportunist. Im Februar 1942 wird er Oberreichsbahnrat, ist Chef des Güterverkehrs in Stuttgart und Leiter der internen Propaganda bei der Reichsbahn („Pressedezernat“). In dieser Eigenschaft fordert er 1944 die Mitarbeiter der Reichsbahn per Flugblatt auf, durch „unbeugsamen Einsatzwillen“ und die „Mobilisierung der letzten Leistungsreserven“ für „die Erringung des Endsiegs“ zu arbeiten. Mit 38 Jahren hat Theodor Pfizer einen eigenen Fahrer und gehört zur Führung der Bahn. Er ist verantwortlich für die Zwangsarbeiterlager in Ulm, Bietigheim und Plochingen. Vom Stuttgarter Nordbahnhof fahren unter seinen Augen Todestransporte in die KZ Theresienstadt und Auschwitz.

Der historisch kundige und nachdenkliche Besucher Ulms mag sich nun fragen: Ist das nicht ein Widerspruch, den einen Platz nach Nazigegnern und den benachbarten nach einem Nazi zu benennen?

Nein! Eindeutig nein! Der scheinbare Widerspruch ist Ausdruck weitsichtiger Strategie, die sich Ivo Gönner (er ist der klügste und zugleich lustigste aller deutschen Oberbürgermeister) ausgedacht hat:

Alle Strömungen und politischen Kräfte dürfen daran mitwirken, Ulm zu höchster Harmonie und Prosperität zu führen. Niemand wird ausgegrenzt. Nur so können demokratischen Parteien, wie CDU, Freie Wähler, FDP, Grüne und SPD, für wirtschaftliches Wachstum in Ulm sorgen und den Feinden der Demokratie (Neonazis) entschlossen entgegentreten.

Stellen Sie sich einen Augenblick lang vor, Ivo Gönner hätte diese Strategie nicht entwickelt, und würde morgen mit der Botschaft vor Gemeinderat und Medien treten: Pfizer war ein verabscheuungswürdiger Opportunist, dem die Karriere über alles ging. Die Nazis hätte ohne solche Kreaturen nicht herrschen und nicht ihre Verbrechen begehen können. Deshalb darf in Ulm kein Platz und keine Straße nach ihm benannt werden.

Die Folgen wären verheerend: Der Ulmer Oberbürgermeister in der Zeit von 1948 bis 1972 Theodor Pfizer stünde plötzlich als feiger Helfershelfer von Verbrechern da. Freie Wähler und CDU würden Ivo Gönner umgehend bis in alle Ewigkeit die Gefolgschaft aufkündigen. Sichere Mehrheiten im Gemeinderat wären dahin, alle wichtigen kommunalen Projekte blockiert. Beim Kampf gegen Neonazis würde auch niemand mehr von CDU und Freien Wählern mitmachen wollen. Eine Katastrophe!

Auch in anderen Städten Baden-Württembergs wird über Altnazis diskutiert und entschieden, die nach Ende des deutsche Faschismus trotz ihrer Vergangenheit wieder eine Position ergattern konnten.

In Konstanz beschloss der Gemeinderat im Mai 2012, dem ehemaligen Oberbürgermeister Bruno Helmle (1959 bis 1980)die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen, weil er sich in der Zeit des Nationalsozialimus an jüdischem Eigentum bereichert hat.

In Tübingen wird erwogen, dem ehemaligen Oberbürgermeister Hans Gmelin(1954-1975) die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen, weil er als SS-Standartenführer bei der Deutschen Gesandtschaft in Bratislawa beschäftigt und wahrscheinlich daran beteiligt war, 59000 Juden in Vernichtungslager zu deportieren.

Die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) wird sicher einen von ihr verliehenen Preis umbenennen, der den Namen Theodor Eschenburgs trägt. Eschenburg, der sich in der Nachkriegszeit als Staatsrat, Universitätsrektor und Politikwissenschaftler einen Namen gemacht hat und auch Ehrenbürger der Stadt Tübingen ist, war im Dritten Reich an der zwangsweisen „Arisierung“ eines jüdischen Wirtschaftsbetriebes beteiligt.

Der DF ist davon überzeugt, dass Konstanz, Tübingen und die DVPW mit ihrer unversöhnlichen Haltung gegenüber ehrwürdigen Persönlichkeiten auf dem Holzweg sind. Handelt es sich doch bei den hier angeklagten Nazis im besten Fall um Nazi-le (wie der humorvolle Ulmer OB Gönner sagen würde), nicht um richtige Nazis. Davon gab es nämlich zwischen 1933 und 1945 nur ein paar hundert, die entweder durch eigene Hand oder infolge alliierter Richtersprüche starben.

Außerdem gibt es manchmal Wichtigeres als die Wahrheit. Deshalb hat unser OB Gönner die volle Unterstützung vom DF-Stammtisch, wenn er die neueste historische Forschung über Theodor Pfizer weder thematisiert noch kommentiert. Ivo Gönner tut dafür auch Buße: Erst vor wenigen Tagen erschien er bei der Aktion „Ulm zeige Gesicht gegen Rassismus“und unterstützte damit Schüler des Schubart-Gymnasiums in ihrem Engagement gegen Rechtsextremismus, Intoleranz und Diskriminierung. Ist das nicht toll?

Auch der DF will Unterstützung leisten.

Deshalb rufen wir alle Gemeinderäte dazu auf: Tragen Sie dazu bei, dass sich Rat und Ausschüsse nicht unnötigerweise mit Theodor Pfizer beschäftigen!

Außerdem rufen wir die Aktion „Ein Herz für Nazis“ ins Leben, die sich zum Ziel setzt, Verständnis für Ulmer Altnazis zu fördern und unserem Oberbürgermeister optimale Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Arbeiten Sie mit! „Ein Herz für Ulmer Nazis“ braucht Sie.

herzfuernazisulm

/ 29.10.2012

Nazis und Narren in Ulm

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Ein Mann im Auftrag der Demokratie. Ein Ehrenbürger der Stadt, weil es ihm eine Ehre war, erster Diener dieser Stadt zu sein“ (Jakob Resch, Redakteur der SWP / 19.2.2004)

„Überfällig ist es, dass die Stadt zwölf Jahre nach seinem Tod an Pfizer erinnert. Etwas anderes als eine Schule kommt kaum in Frage“ (Hans-Uli Thierer, Chefredakteur der SWP Ulm, 19.2.2004)

„Dass die Wiblinger Lehrer auf Gerüchte zurückgreifen, die geeignet sind, den guten Namen des verdienten früheren Ulmer Oberbürgermeisters Theodor Pfizer nachhaltig zu beschädigen, ist übel. Dass sie es wagen, dafür auch noch Gerüchte über angebliche Naziverbrechen zu bemühen, ist absolut unerträglich. Es gibt keine Spur des Hinweises, nur schlimme Verdächtigungen. (Ich frage mich), was diese Lehrer den Kindern eigentlich beibringen wollen, wo sie doch selbst nichts verstanden haben.“ (Willi Böhmer, Stellvertretender Chefredakteur der SWP Ulm, 2.4.2004)

Anlässlich des 100. Geburtstages von Theodor Pfizer (1904-1992) kündigte Ivo Gönner (SPD) im Februar 2004 an, dass ein Schulzentrum im Ulmer Stadtteil Wiblingen nach Ulms langjährigem Oberbürgermeister benannt werden soll.

Lehrer, Schüler und Eltern dieses Schulzentrums protestierten in einem Brief an OB Gönner gegen dessen Überrumpelung und gaben zu bedenken, dass Theodor Pfizer während der Herrschaft der Nationalsozialisten möglicherweise linientreuer Nazis gewesen und durch seine führende Tätigkeit bei der Reichsbahn in den Völkermord an Juden und anderen Verfolgten verstrickt gewesen sei.

Die Südwest Presse Ulm wurde 2004 ihrer Aufgabe einer unabhängigen, gut informierten und fairen Berichterstattung nicht gerecht: In schriftlichen Äußerungen der Redakteure Böhmer, Thierer und Resch verbanden sich historische Unkenntnis, Kritiklosigkeit, Großmäuligkeit und mangelhaftes Verantwortungsgefühl. Die Lokalredaktion der SWP versagte nicht nur , einige Redakteure hetzten auch gegen jene, die Gönners Vorschlag zur Namensgebung ablehnten oder skeptisch betrachteten.

Das Schulzentrum erhielt damals einen anderen Namen; die Schulen nannten sich nach Albert Einstein. Gönner gab nach, wohl nicht aus Einsicht, sondern wegen Mangel an Zuständigkeit und Macht. Weil die Schule nicht nach Theodor Pfizer hatte benannt werden können, gaben unsere weisen Stadträte einem Platz bei der Stadtbibliothek nahe dem Ulmer Rathaus den Namen „Theodor-Pfizer-Platz“.

Und nun haben Gönner und der Ulmer Gemeinderat ein Problem: Am 22.3.2012 veröffentlichte der Historiker Dr. Andreas Lörcher einen Aufsatz unter dem Titel „Die biografische Lücke. Ein Aktenfund beleuchtet das Leben Theodor Pfizers ziwischen 1933 und 1945“. Nach diesem Text, der sich auf gründliches Quellenstudium stützt, kann kein vernünftiger Mensch mehr Zweifel haben, dass Ulms Oberbürgermeister zwischen 1948 und 1972 Theodor Pfizer das Naziregime aktiv unterstützte und von Deportationen in Vernichtungslager zumindest wusste.

Lörcher schreibt in seinem Aufsatz: „ Während Pfizers Amtszeit in Stuttgart fahren vom dortigen Nordbahnhof sieben Züge mit Verfolgten des Nationalsozialismus in die KZ Theresienstadt und Auschwitz ab“. Pfizer, seit 1942 Oberreichsbahnrat, war zu dieser Zeit Leiter des Dezernats Güterverkehr und zählte mit 38 Jahren zur Stuttgarter Führungsriege der Reichsbahn.

Die neuesten historischen Forschungen zur Nazivergangenheit Theodor Pfizers wurden seit ihrem Erscheinen am 22.3.2012 von den Herren Resch, Thierer und Böhmer mit keinem Wort kommentiert. Auch unser Oberbürgermeister, der sich sonst immer in der ersten Reihe zeigt, wenn gegen Neonazis, die in Ulm eine Großkundgebung veranstalten, demonstriert wird, hüllt sich in Schweigen. Ja, es ist viel einfacher gegen Neonazis zu sein, als in Ulm, wo man auf Mehrheiten (auch aus der CDU und der FWG) angewiesen ist, hin zu stehen und zu sagen: Ja, Pfizer war ein Nazi! Nach ihm darf keine Straße und kein Platz benannt werden!

Dabei müssten Gönner und die Gemeinderäte allmählich Übung darin haben, Straßen und Plätzen wieder umzubenennen, denen versehentlich Namen von Altnazis gegeben worden sind:

1978 hatten die Ulmer Räte eine Straße im westlichen Stadtteil „Roter Berg“ nach dem FWG-Stadtrat und ehemaligen Stadtkämmerer Otto-Elsäßer benannt. 2009 brachte der Historiker Dr. Walter Wuttke ans Licht, dass eben jener Elsäßer an der Zwangsenteignung Ulmer Juden und unfreiwilligen Abtreibungen bei russischen und polnischen Zwangsarbeiterinnen während des deutsche Faschismus maßgeblich beteiligt war.

Wir vom DF sind gespannt, wie lange es in Ulm noch einen Theodor-Pfizer-Platz geben wird und wie lange es braucht, bis in dem Wikipedia-Artikel über Pfizer auch seine Nazivergangenheit Erwähnung findet.

Quellen:

Andreas Lörcher, Die biografische Lücke.

Theodor-Pfizer-Platz1

/ 29.4.2012