Südwest Presse Online

oder: Das Lumpenproletariat artikuliert sich

Die Ulmer Tageszeitung verfügt wie alle Printmedien heutzutage auch über eine Ausgabe, die im Internet publiziert wird. Jeder, der über eine Mailadresse verfügt kann einen Benutzernamen wählen und sich ohne weitere Angaben registrieren lassen. Schon wenige Sekunden später darf er seine Meinung, seine Weltsicht, seine Träume, seine Kritik und alles, was so in ihm gärt und brodelt und in Worte oder Unworte gefasst werden kann, als Kommentare unter die journalistischen Texte oder Agenturmeldungen setzen.

Wir vom Stammtisch des Gasthauses Donaufisch sind der Online-Redaktion der SWP, der Steffen Wolff und Jasmin Jovan angehören, sehr dankbar für die große Toleranz, die sie bei ihrer Leitung des Diskussionsforums erkennen lassen.

Neben vielen vernünftigen Zeitungslesern kommen auf diesem Forum auch Menschen zu Wort, die sich mit einer sprachlich korrekten Artikulation sehr schwertun, absonderliche politische Einstellungen niederschreiben oder die Gelegenheit nutzen, andere einmal so richtig zu beschimpfen und dabei an beleidigenden Äußerungen nicht zu sparen. Dass dies zugelassen wird, können wir vom Stammtisch nur begrüßen.

Wir unterstützen dieses „Verfahren der äußersten Toleranz“ vor allem, weil wir bedingungslos für die Meinungsfreiheit eintreten. Einwände, bei vielen Leserbeiträgen handle es sich nicht um die Äußerung einer Meinung, sondern um Beleidigung, Verunglimpfung oder üble Nachrede, sind vorgeschoben und müssen deshalb nicht ernst genommen werden.

Auch halten wir es aus politischen Gründen für völlig gerechtfertigt, dass unter den Kommentatoren alle verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen vertreten sind: der Rassist ebenso wie der radikale Islamhasser, der Neonazi neben dem egozentrischen Pubertierenden, der Polizistenhasser ebenso wie der Mann von der Alb, der es für nötig hält, die Gewerkschaften und ihre Funktionäre mal so richtig zu verunglimpfen.

Freilich gibt es am Stammtisch auch Gegenstimmen: Nimrod spricht immer vom Lumpenproletariat, wenn es um diese eigenwilligen Kommentatoren geht. Er teilt nicht die Meinung, dass die Toleranz über allem stehe. Dreck und Niedertracht müssten benannt und ausgesondert werden. Auch die Online-Redaktion müsste ein Interesse haben, das Niveau der Leserkommentare nicht auf das von Pissoirgesprächen absacken zu lassen, meint Nimrod. Deshalb schlägt er immer wieder vor, für Angehörige bildungsferner Schichten eine Übungsseite einzurichten, wo das themenbezogene Kommentieren und sprachlich gelungene Formulieren unter Anleitung von Fachkräften der Volkshochschule geübt werden kann.

Der Wirt ist anderer Ansicht. Er glaubt, dass die Onlineredaktion Recht habe, wenn sie die Deckel zu den Abwasserkanälen weit öffne, da auf diese Weise die tödlich-giftige Brühe, die da unten fließe, von jedermann betrachtet werden könne. Außerdem spare das der Solidargemeinschaft in Deutschland viel Geld. Bedenken Sie nur, wie viel es die gesetzlichen Krankenkassen kosten würde, wenn alle psychopathischen Kommentatoren des SWP-Online-Forums psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nähmen. Das Online-Forum sei, so Quasselstrippe, ein nicht zu ersetzendes Ventil, das gesellschaftlichen Überdruck vermeiden helfe.

18.8.2011

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