Frustrationsbewältigung in der Politik

oder:  Frau Dr. Schavan liest vor

Leider vergessen wir allzu oft, dass unsere politischen Führer auch nur Menschen sind. Wie ihre Mitmenschen erleben sie Misserfolge und Anfeindungen, wie andere müssen sie einen Weg finden, um mit ihren Enttäuschungen und ihrer Niedergeschlagenheit fertig zu werden. Einen völlig neuen Weg schlug jetzt Bildungsministerin Schavan ein. Es wäre durchaus denkbar, dass ihr Beispiel für Bewältigung von Frustrationen anderen Politikern als Vorbild dienen wird.
In den vergangenen Monate hatte Frau Dr. Schavan eine Menge Ärger : Studenten feindeten sie wegen ihrer Pläne zur Abschaffung der Ausbildungsförderung an. Bildungsfachleute warfen ihr vor, dass sie mit dem Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen eine angemessene Schulausbildung vorenthalte. Die Wirtschaft rügte eine gravierenden Mangel an Ingenieuren und prangerte die hohe Quote an Studienabbrechern an. Und als sei dies alles nicht genug, zog die Ministerin nun den Zorn jener Organisation auf sich, der sie sich auf Erden am meisten verbunden fühlt : der katholischen Kirche. Auf einem CDU Parteitag hatte sich Frau Dr. Schavan, die katholische Theologin ist, für eine Liberalisierung der Forschung mit embryonalen Stammzellen eingesetzt. Mit Erfolg. Denn der Parteitag stimmte mit knapper Mehrheit für ihr Konzept. Da trat Furienkardinal Joachim Meisner auf die Bühne und wetterte : Schavan habe unter dem Druck von Interessenvertretern christliche Prinzipien aufgegeben, sie wirke an der Auflösung unseres Wertefundamentes mit. Schavan sei unwahrhaftig und prinzipienlos und missbrauche das Wort katholisch.
Verletzt und enttäuscht floh die Ministerin in ihre schwäbische Wahlheimat, um sich dort Musischem zu widmen und Gutes zu tun. Gemeinsam mit einem Organisten begab sich Frau Dr. Schavan in Ulm in die Georgskirche und las vor 400 dort versammelten Greisinnen und Greisen Texte zum Thema „… und es kamen Weise aus dem Morgenland“. Die Zuhörerschaft war wie verzaubert von der glockenhellen Stimme, von der kultivierten Sprechweise und der ausdrucksvollen Interpretation. Am Ende wurde stehend Applaus gespendet. Die Seele der Ministerin gesundete.
Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich rasch im politischen Berlin. Schon finden sich die ersten Nachahmer unter den Spitzenpolitikern, die sich von einem kulturellen Engagement ebenfalls die Bewältigung von Frustrationen erhoffen.
So planen dem Vernehmen nach die grünen Politiker Reinhard Bütikofer und Fritz Kuhn mehrere Auftritte in Comedysendungen; sie wollen Sketche von Stan Laurel und Oliver Hardy nachspielen. Guido Westerwelle wird im Unterhaltungsprogramm des nächsten deutsche Juristentages als Dragqueen zu sehen sein. Von Kurt Beck und Ulla Schmidt wird berichtet, dass sie auf zahllosen Gewerkschaftsveranstaltungen als Gesangsduo auftreten wollen, das altes proletarisches Liedgut zu Gehör bringt. Nun denn. Hoffentlich hilft es.

Vorwärts! Und nicht vergessen,
worin unsre Stärke besteht.
Beim Hungern und beim Essen
Vorwärts! Und nicht vergessen
Die Solidarität!

/ 1.2.08

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