Big Brother

An der Uniklinik Ulm wird überwacht

Uniklinikum Ulm

Eine umfassende Überwachung der Mitarbeiter eines Unternehmens erhöht die Arbeitsproduktivität. Dieser Ansicht ist ein Abteilungsleiter in der Verwaltung der Universitätsklinik Ulm. Herr X antwortete auf Fragen vom Donaufisch.

In einem Bericht der SWP vom 23.4 wurde aufgedeckt,dass Herr X als Abteilungsleiter jahrelang Hunderte von Mitarbeiter der Uniklinik in seinem Zuständigkeitsbereich ausgespäht hat. Die Ergebnisse hat er schriftlich in einer „zweiten“ Personalakte festgehalten, die kein Mitarbeiter einsehen durfte und von deren Existenz die meisten nichts wussten.

Ein Urteil des Verwaltungsgerichtes Sigmaringen verpflichtete die Universitätsklinik Ulm nun, einem Mitarbeiter Einsicht in seine Usi-Akte (Uniklinik Ulm Sicherheitsakte) nehmen zu lassen. Daraufhin stellte sich heraus, dass diese angeblich nicht mehr existieren. Herr X hatte sie in einer nächtlichen Aktion aus der Uniklinik Ulm geschafft. Was er mit ihnen angestellt hat (und in wessen Auftrag oder mit wessen Billigung) ist bisher unklar.

Die Universitätsklinik hält die Bespitzelung von Mitarbeitern für harmlos, die Vernichtung der Akten für völlig normal, ebenso das vom Sicherheitsdienst beobachtete nächtliche Wegschaffen der Akten. Ein Redakteur der SWP fühlt sich dagegen an die Staatssicherheit der DDR erinnert und vermutet bei Herrn X einen Kontroll- und Überwachungszwang.

Was stimmt nun? Wir sind der Sache nachgegangen.

Warum haben Sie diese Akten angelegt, Herr X? Warum reicht eine normale Personalakte nicht aus?

Das Verhalten des Einzelnen hat Einfluss auf die Funktionsfähigkeit des Ganzen. Fehlleistungen und Verfehlungen, persönliche Defizite und politische Einstellungen entscheiden mit darüber, wie produktiv der ganze Apparat arbeitet. Neben fachlicher Kompetenz erwarten wir absolute charakterliche Integrität. Drogen- und Spielsucht, sexuelle Trieb- und Lasterhaftigkeit müssen rechtzeitig aufgespürt und ausgemerzt werden. Dazu reichen normale Daten, wie sie in einer Personalakte stehen, nicht aus. Zusätzliche Informationen in der Usi-Akte liefern eine Entscheidungsgrundlage: Wer wird befördert, wer nicht? Wer darf an seinem Arbeitsplatz bleiben, wer wird versetzt? Wen können wir weiter beschäftigen und wer muss gehen?

Was steht in diesen Akten?

Neben Angaben zu Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit,Gepflegtheit,korrekte Umgangsformen enthält die Usi-Akte Informationen über auffälliges Verhalten, Regelverstöße,politische Einstellungen, Mitarbeit in Vereinen, Parteien, Gewerkschaften,persönliche Lebensumstände,sexuelle Neigungen usw. Alle Informationen, die uns zeigen, ob wir es mit einem aufrührerischen oder angepassten, mit einem laster- oder tugendhaften Menschen, mit einem labilen oder stabilen Charakter zu tun haben.

Was sagen die Gremien der Uniklinik zu Ihren Usi-Akten?

Ich habe im Verlauf einiger Jahre 700 solcher Akten angelegt. Genau weiss ich es nicht, aber ich denke, dass alle Gremien der Uniklinik Ulm darüber Bescheid wissen, also der Klinikumsvorstand, der Aufsichtsrat und auch das Datenschutzteam. Einwände hatte niemand. Denn auch in diesen Gremien wissen viele, dass Angst und Einschüchterung produktive Kräfte sein können, die den Umsatz und den erwirtschafteten Gewinn der Uniklinik Ulm steigern helfen. Man darf das alles nicht immer nur negativ sehen.

Wo sind die Akten jetzt und wie geht es weiter?

Wo die Akten jetzt sind, ist mir im Moment entfallen. Eine Erinnerungslücke. Verstehen Sie? Wie die Sprecherin der Universitätsklinik schon sagte, handelt es sich bei meinen Usi-Akten um etwas ganz Normales. Deshalb werden wir uns in den kommenden Jahren darum bemühen, über jeden Mitarbeiter der Uniklinik eine solche Akte anzulegen. Über den Professor genauso wie über die Hilfskraft. Da handeln wir strikt orientiert am grundgesetzlich vorgeschriebenen Prinzip der Gleichbehandlung. Verbesserungswürdig ist unsere Datenerhebung: Bislang müssen die Informationen von mir und meinen Mitarbeitern persönlich eingeholt werden. Ich wünsche mir, dass alle Klinikmitarbeiter zukünftig vertrauensvoll mit mir kooperieren, zu mir kommen und über ihre Beobachtungen berichten. Und ich wünsche mir für die Zukunft vielleicht auch bestimmte technische Hilfsmittel, um leichter und schneller Wissenswertes über Kolleginnen und Kollegen zu erfahren.

26.4.2010

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